Offenbachiade

Wenn man unter Genie eines Künstlers die höchste Freiheit unter dem Gesetz, die göttliche Leichtigkeit, Leichtfertigkeit im Schwersten versteht, so hat Offenbach noch mehr Anrecht auf den Namen Genie‚ als Wagner. Wagner ist schwer, schwerfällig: Nichts ist ihm fremder als Augenblicke übermütigster Vollkommenheit wie sie dieser Hanswurst Offenbach fünf, sechs Mal fast in jeder seiner bouffonneries erreicht. Aber vielleicht darf man unter Genie etwas Anderes verstehen.“ Die Notiz findet sich in Friedrich Nietzsches unter dem Titel „Der Wille zur Macht“ berühmt gewordenen Fragmenten. Hoffte der enttäuschte Liebhaber Nietzsche den Geist aus Bayreuth zu bannen, indem er den „kleinen Mozart der Champs-Elysées“ gegen das frühere Idol Richard Wagner ausspielte, so hat nun wiederum eine Tradition von Schlamperei den Geist Offenbachs aus dessen Operetten gründlichst verbannt, zumindest auf dem deutschen Stadttheater. Allzuoft wird hier göttliche Leichtigkeit mit abgestandenem Operettenklamauk verwechselt und Leichtfertigkeit im Schwersten mit hyperromantischem Schwulst. Und so klingt denn, was „Pariser Leben“ vorstellen sollte, meist eher nach „Berliner Luft“ und die berühmte Barcarole aus „Hoffmanns Erzählungen“ eher nach dem Gesinge angejahrter Rheintöchter. Doch was zum Inbegriff von Venedig werden sollte, die Eröffnungsmusik zum Giulietta-Akt in Offenbachs letzter Oper, sie war eigentlich für die große romantische Oper „Die Rheinnixen“ bestimmt, deren Wiener Uraufführung zu einem großen Reinfall geriet. Kein bißchen lasziv, dafür verheißungsvoll verströmend und ohne unsinnige agogische Spreizungen ziehen die duettierenden Frauenstimmen Anne Sofie von Otters und Stéphanie D’Oustracs halb uns hin, wie wir halb hinsinken. Und kein bißchen preußisch, sondern mit anarchischer Lebens- und Liebesgier reitet Anne Sofie von Otter in Rondeau und Chanson militaire aus „La Grande-Duchesse de Gérolstein“ eine gespannt federnde Attacke auf den einfältigen Rekruten Fritz – der es innerhalb einiger Tage zum General des deutschen Zwergstaats bringen wird und wieder hinunter zum Rekruten -, singt stolz und inbrünstig des Lieschens Hymnus auf das Elsaß und jodelt im Finale des II. Akts aus „Pariser Leben“ zum Steinerweichen. Doch nimmt der Kölner Jakob Offenbach, der früh aus der Provinz in die Weltstadt kam, sein Glück zu machen, auch ganz direkt Bezug auf den in der Weltstadt grandios gescheiterten deutschen Zukunftsmusiker, der dann eine Provinzstadt berühmt machen sollte: Die „Symphonie de l’avenir“, treffsichere Parodie auf die Zukunftsmusik des Bayreuther Meisters, präsentiert eine Einspielung populärer wie vergessener Stücke Offenbachs, und zwar in ihren originalen Fassungen, die erahnen lassen, welche Entdeckungen mit der im Jahre 1999 endlich begonnenen Offenbach-Gesamtausgabe noch zu machen sein werden. Friedrich Nietzsche hätte die Musikauswahl des französischen Dirigenten Marc Minkowski zu dieser Offenbachiade gewiß gefallen, ihm hätte der gereinigte und entschlackte Orchestersatz gefallen, „Ch’ur des Musiciens du Louvre und Les Musiciens du Louvre“ sowieso, und ihm hätte wohl auch gefallen, daß bei Anne Sofie von Otter der stimmliche Ausdruck vor der vermeintlich makellosen, in Wirklichkeit sterbenslangweiligen Luftsäulenartistik kommt, gleichwohl ihre Stimme sich manchmal leicht erschöpft anhört. Oder ist das Offenbachs Musik selbst? Die tut stets, als würde sie dem Zeitgeist vorneweg nachplappern, dabei ist es der Zeitgeist selbst, der in ihr sich verplappert. Aber immer mit Charme. Die Traurigkeit kommt von Offenbach. Anne Sofie von Otter singt Offenbach. Deutsche Grammophon 471 501-2

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