Neonschatten

Die „Macht/Liebe“-Tournee des Berliner Popduos Rosenstolz gilt als eine der erfolgreichsten Konzertreisen einer deutschen Band im vergangenen Jahr. Rund 80.000 Fans bejubelten AnNa R. (Gesang) und Peter Plate (Gesang, Klavier) bei über 25 oft ausverkauften Auftritten; davon alleine acht in der Bandheimat Berlin. Bei soviel Publikumszuspruch ist es kein Wunder, daß Rosenstolz die wichtigsten Momente dieser Tour auch auf CD festhalten wollten. „Rosenstolz Live aus Berlin“ gibt es nun als Doppel-CD mit nahezu dem gesamten Konzertprogramm; die gleichnamige Einfach-CD enthält die Höhepunkte und größten Hits, während auf der DVD das komplette Konzert und viele Extras (Interviews, Kurzfilme und unveröffentlichte Videoclips) zu finden sind. Besonders die Doppel-CD (Island/Universal) kann uneingeschränkt empfohlen werden. Die 24 Lieder bieten einen soliden Überblick über die rund zehnjährige Bandgeschichte, in denen Rosenstolz auf dem Weg aus dem Berliner Untergrund in die Hitparaden kaum etwas an künstlerischem Anspruch einbüßten. Nun also „Live aus Berlin“. Mit sieben Begleitmusikern im Rücken – darunter zwei heftig dreschenden Gitarristen – versprühen Rosenstolz echtes Rockgefühl jenseits aller Süße. Kaum blubbernde Synthesizer, Schlagzeugklänge aus dem Computer oder künstliche Streicherorgien verstellen das Echte, das Erdige, in den oft auf Rock und Blues basierenden, aber auch deutlich von Chanson und Vorkriegsschlager beeinflußten Kompositionen des Duos. So schimmert bei „Bastard“ oder „Komm doch mit in ein nächstes Leben“ die überkandidelte Tristesse eines Morrissey durch, während „Sex im Hotel“ (eines der wenigen von Plate gesungenen Stücke) durch harte Gitarrenriffs und einen schnittigen, Stones-ähnlichen Refrain glänzt. Verruchtheit pur gibt es in „Ich verbrauche mich“, traditionellen Pop/Rock bei „Raubtier“ oder „Fütter Deine Angst“. Grazil bis abgeklärt die Balladen „Ich geh auf Glas“, „Tag in Berlin“ oder „Der Moment“. Neu im Programm und bisher unveröffentlicht: Die Anti-Kriegs-Stellungnahme „Laut“ und die philosophische Ballade „Das verkaufte Lachen“ – Lieder, die Appetit machen auf das für Winter 2003/2004 geplante neue Studioalbum. Textlich bleiben sich Rosenstolz seit Anbeginn ihrer Karriere treu: Es geht um die dunklen Momente der Nacht, um das Bizarre und Absonderliche am Großstadtleben; es geht um Erotik – schmuddelig, aber niemals schmutzig; und es geht um Milieustudien von Säufern und Spielern, Huren und Strichern – stets verständnisvoll, nie vulgär oder anstößig formuliert. Politische Anspielungen gibt es dagegen kaum: Ein paar Worte gegen George W. Bush, etwas dümmliche Attacken auf „Patrioten und Idioten“ – ansonsten mal melancholische, mal trashige Einblicke in die Glitzerwelt des Neons und ihre Schattenseiten. Neben sieben Stücken aus dem Studioalbum „Macht/Liebe“ bietet die Doppel-CD ein paar weniger bekannte Perlen und natürlich die größten Hits aus den späten 1990er Jahren – oft in neuen Arrangements. Parodistisch: Aus „Schlampenfieber“ wird im typischen Achtziger-Jahre-NDW-Gewand „Megapower“ und erinnert in dieser Version augenzwinkernd an die besten Zeiten von Ideal und anderen Mauerstadt-Heroen jener Tage. Gediegen, bürgerlich, erwachsen: „Die Schlampen sind müde“, jener Song, mit dem Rosenstolz 1997 der bundesweite Durchbruch gelang. Naiv, frisch, frischverliebt: „Herzensschöner“; einst bei der deutschen Vorentscheidung zum Grand Prix Eurovision 1998 bedauerlicherweise Guildo Horn unterlegen. Die nächsten Konzertauftritte von Rosenstolz finden statt in Hamburg (21. Juni), Cottbus (26. Juni), Dresden (27. Juni) und Berlin (28. Juni).

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