Moralisierende Penetranz

Annäherungen von Freunden und Anhängern, wohl niemand hat so viele Zeitzeugen veranlaßt, der – wenn auch noch so kurzen -Begegnung mit ihm umfassende und detailgetreue Berichte zu widmen, und doch war kein Schriftsteller des zwanzigsten Jahrhunderts so geheimnisumwittert wie Stefan George. Fast scheint es, als hätte sich seine reale Person immer mehr entzogen, je häufiger dieselben Anekdoten über sie verbreitet, dieselben Huldigungen an sie veröffentlicht und dieselben Fotos vorgezeigt wurden. Es ist für die George-Literatur daher symptomatisch, daß es zwar eine Fülle von Schriften gibt, die sich, zumeist in einer bewußt persönlich gehaltenen Form als autobiographische Erinnerungen oder Gesprächsaufzeichnungen, dem „Meister“ aus der je eigenen Perspektive zu nähern versuchten, daß aber eine allgemein anerkannte Biographie des Dichters lange Zeit fehlte. Da eine solche von einem nicht dem Georgekreis angehörenden Germanisten aufgrund dessen exklusiver Sozialstruktur zu Lebzeiten des Meisters oder seiner prominentesten Jünger unmöglich geschrieben werden konnte, galt bis in die fünfziger Jahre Friedrich Wolters‘ monumentalisierende, von George selbst autorisierte „Blättergeschichte“ („Stefan George und die Blätter für die Kunst“, 1930) als „offizielle“ Biographie, obwohl sie selbst innerhalb des Kreises umstritten war. 1951 folgte, ebenfalls aus der Feder eines Jüngers, das gleichwohl nüchternere und um eine sachliche Darstellung bemühte Werk von Robert Boehringer, das freilich schon im Titel – „Mein Bild von Stefan George“ – den persönlichen Bezug des Verfassers hervorhebt. Die zweite Auflage von Boehringers Opus erschien „zum Jubiläumsjahr 1968“, also zum hundertsten Geburtstag des Dichters, doch waren die Zeitumstände der Rezeption des elitären, wie kein anderer eine autoritäre und hermetische Kunstauffassung verkörpernden Poeten nicht eben günstig. George, der wenige Jahrzehnte zuvor mit Staatsmännern wie Lenin, Hindenburg, Wilson, Clemenceau und Gandhi in einem Atemzug genannt und mit Dichtern wie Dante, Goethe, Hölderlin in eine Reihe gestellt wurde, geriet in Vergessenheit oder wurde als geistiger Wegbereiter des Nationalsozialismus entsorgt. Seit den 1990er Jahren jedoch wird George von einer ideologisch unaufgeregteren Germanistik wiederentdeckt, die seiner Dichtung und vor allem der Struktur seines Kreises umfassende Studien widmet: In dichter Folge erschienen die zum Teil sehr umfassenden Arbeiten von Stefan Breuer („Ästhetischer Fundamentalismus“, 1995), Carola Groppe („Die Macht der Bildung“), Wolfgang Braungart („Ästhetischer Katholizismus“), beide 1997, und im folgenden Jahr Reiner Kolks „Literarische Gruppenbildung“. Während Breuers Untersuchung aufgrund ihrer allzu schematisch psychologisierenden Übertragung der Narzißmustheorie Heinz Kohuts‘ auf den Georgekreis zu Recht kontrovers diskutiert wurde, hat vor allem Braungarts Nachweis eines – nicht mehr inhaltlich bestimmten – Katholizismus als poetischen Verfahrens eine neue, anschlußfähige Sicht auf George eröffnet und dazu beigetragen, den älteren Streit um seine Weltanschauung und deren Verwurzelung in Katholizismus, klassischer Antike und literarischer Moderne zu schlichten. Das Desiderat einer modernen, wissenschaftlichen Ansprüchen verpflichteten Biographie sucht nun der amerikanische Literaturwissenschaftler Robert E. Norton mit seinem fast 850 Seiten starken Opus „Secret Germany – Stefan George and his Circle“ vorzulegen; es ist, wie Norton im Vorwort nicht ohne Stolz verkündet, die erste „außerkreisliche“ Biographie. Möchte man zunächst noch bedauern, daß die deutschen Germanisten dieses Feld so bereitwillig einem ausländischen Kollegen überlassen haben, so stellt sich bei der Lektüre des Buches jedoch bald die Frage, ob wirklich eine Lücke bestand, die unbedingt geschlossen werden mußte. Offenbar gab es doch Gründe dafür, daß sich die George-Forschung, nach der Phase der von der Erlebnisgeneration verfaßten Memoirenliteratur, zum einen vermehrt den poetologischen Strukturen des Werkes und zum anderen den sozialen Strukturen des Kreises zuwandte; schließlich konnte den biographischen Zeugnissen, abgesehen von der Edition bislang unbekannter, oft freilich marginaler und nur für Liebhaber interessanter Nachlaßtexte, aus eigenem Erleben nichts mehr hinzugefügt werden. Zu der trivialen Tatsache, daß keine Person außerhalb ihres zeitgeschichtlichen Kontextes verstanden werden kann, kommt bei George noch der besondere Fall des Versuchs, einen eigenen geistigen „Staat“ zu schaffen, hinzu, der eine George-Biographie fast automatisch zu einer „Kreis-Biographie“ werden läßt. Hier hätte nun eine theoretische Analyse an die Arbeiten von Groppe und Kolk anknüpfen können, die Norton jedoch vermeidet, weshalb er über eine Dokumentation des größtenteils längst publizierten Materials nicht hinausgelangt und zudem als Nachgeborener – der, wie er selbst zugibt, auch wenig persönliche Affinität zu seinem Forschungsgegenstand hat – nicht über die Authentizität vieler existentiell von George getroffener Autoren verfügt. Norton hätte sich entweder für eine literaturwissenschaftliche oder für eine literarische Bearbeitung seines Stoffes entscheiden müssen; er wählte jedoch die weder theoretisch noch ästhetisch ambitionierte Arbeit eines schreibenden Archivars, der Bekanntes noch einmal aufbereitet. Am befremdlichsten ist jedoch die moralisierende Penetranz, mit der Norton beständig eine unmittelbare Ahnherrschaft Georges für das Dritte Reich suggeriert, ohne diese, von einigen wenigen bekannten und sehr unterschiedlich interpretierbaren Äußerungen des Dichters abgesehen, begründen zu können. Meist sind es vordergründige Parallelen zwischen „Meister“ und „Führer“ aufgrund ihrer „autoritären“ und „antidemokratischen“ Gesellschaftsmodelle, mit denen dieser Zusammenhang angedeutet wird; eine Reflexion über Ideologie, Programmatik, Struktur des Nationalsozialismus fehlt ebenso wie theoretische Überlegungen zur Möglichkeit dieses Einflusses. Charakteristisch für solchen aus den Feuilletons in die Wissenschaft schwappenden Unterstellungsdiskurs ist die Weise, wie Norton ein Zitat Hofmannsthals seinem Buch als Motto voranstellt: „Nichts ist im politischen Leben der Nation Wirklichkeit, das nicht in ihrer Literatur als Geist vorhanden wäre.“ Sentenzen dieser Art klingen geistvoll aus dem Munde eines Dichters, der einem Wissenschaftler gegenüber im Vorteil ist, sie nicht näher begründen zu müssen; von letzterem erwartet man jedoch mehr als vage Andeutungen und geflissentliche Weglassungen: Lediglich die letzten beiden Seiten sind Stauffenbergs Hitler-Attentat gewidmet. Sie nehmen eine Formulierung aus dem Eid der Verschwörer, in dem andere „zukünftige Führer“ gefordert werden, zum Anlaß, gehässig zu fragen, ob Stauffenberg wohl bedacht habe, daß dieselben Ideale, die er von George empfing, dazu beigetragen haben könnten, Hitler zur Macht zu verhelfen. Ein derartiger Beleg für Hofmannsthals Diktum ist jedoch reichlich dürftig. Fotos: Stefan George im Kreise seiner Freunde: Die exklusive Sozialstruktur macht jede George-Biographie fast automatisch zur „Kreis“-Biographie Robert E. Norton: Secret Germany – Stefan George and his Circle. Cornell University Press, Ithaca/London 2002. 847 Seiten.

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