Mißgünstige Freunde

Im Überschwang der nationalen Hochstimmung nach dem unerwarteten Fall der Berliner Mauer im November 1989 sind einige Ereignisse, die zum Verständnis dieser bedeutenden Epoche der deutschen Geschichte relevant sind, bislang wenig beachtet worden. Dazu gehören vor allem die Widerstände gegen den mit dem Zusammenbruch des realexistierenden Sozialismus eingeleiteten Prozeß der Vereinigung Deutschlands. Er regte sich sowohl in beiden Teilen Deutschlands als auch im Ausland. Der Widerstand in Deutschland war zwar deutlich zu vernehmen – man denke nur an die Großdemonstration der SED/PDS im Januar 1990 am sowjetischen Ehrenmal in Berlin-Treptow, an der etwa 200.000 DDR-Bürger teilnahmen -, er wurde aber insofern falsch eingeschätzt, als man ihm keinen nennenswerten Einfluß auf den Gang der Entwicklung zur Vereinigung zutraute. Sie wurde ganz eindeutig von der großen Mehrheit der Menschen in der DDR und auch in der Bundesrepublik bestimmt. Sehr viel anders verhielt es sich mit dem Widerstand des Auslands, der aus völkerrechtlichen, militärischen und allgemeinpolitischen Gründen im Spannungsfeld der unterschiedlichen Großmachtinteressen eine sorgfältige Beachtung verlangte. Er regte sich vor allem in Frankreich, Polen, Großbritannien, aber auch in der damals noch bestehenden Sowjetunion und selbst in den USA. Der Prozeß der deutschen Vereinigung verlief also keineswegs so geradlinig und folgerichtig, wie man das im Blick auf die Massendemonstrationen in der DDR unter der Losung „Wir sind (das) ein Volk“ und aus der Rückschau der relativ zügigen und erfolgreichen Erfüllung der Einlösung ungezählter feierlicher Proklamationen zur deutschen Einheit auch heute noch weithin annimmt. Welche Schwierigkeiten auf dem Wege zu diesem Ziel zu überwinden waren, vermittelt die angezeigte Darstellung Gerhard Eiselts, langjähriger Berliner Staatssekretär und Professor für Staats- und Verwaltungsrecht an der Technischen Universität Berlin. Eiselt versteht es meisterhaft, die sehr unterschiedlich motivierten Bestimmungsfaktoren dieses Prozesses, also die innen- und außenpolitischen, die ideologischen, militärischen, wirtschaftlichen, völkerrechtlichen und verfassungsrechtlichen Aspekte auf den Punkt zu bringen und in einem chronologischen Ablauf der Ereignisse die Bemühungen zu beschreiben, die wesentlichen Widerstände des Auslands abzubauen. Dabei wird deutlich, daß die Lösung der Deutschen Frage, trotz aller gegenteiligen Beteuerungen, keinesfalls zu den Hauptanliegen der deutschen Bündnispartner der alten Bundesrepublik gehörte, geschweige denn des Ostblocks oder gar der DDR. Gelegentlich vermittelt die Lektüre den Eindruck des bekannten Ritts über den Bodensee. An mehr als einer Stelle wäre ein Einbruch möglich gewesen. Mit seiner einprägsamen und überzeugenden Darstellung leistet Eiselt nicht nur einen entscheidenden Beitrag zum Verständnis einer wichtigen Epoche unserer Geschichte, sondern auch – vielleicht noch sehr viel wichtiger – eine notwendige Erinnerung an einige Grundkonstanten entschlossenen und politischen Handelns jenseits lähmender ideologischer Zwangvorstellungen. Gerhard Eiselt: „Nicht alle wollten sie….“. Das Ausland und die deutsche Einheit. Herbig Verlag, München 2002, gebunden, 176 Seiten, 17,90 Euro

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