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Melancholie und Hoffnung

In der russischen Malerei des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts nimmt Ilja Repin eine Sonderstellung ein. Als exakter und sensibler Beobachter verstand er es, die politische und soziale Wirklichkeit Rußlands mit beispielloser Präzision zu erfassen. Seine der unmittelbaren Realität entnommenen Darstellungen vermitteln dem heutigen Betrachter ein wahrheitsgetreues, charakterreiches Bild aus den letzten Jahrzehnten der zaristischen Ära. Die im Saarbrücker Saarland-Museum präsentierte Ausstellung „Auf der Suche nach Rußland – Der Maler Ilja Repin“ ermöglicht auch deutschen Interessenten einen tieferen Einblick in das Schaffen des Künstlers. Abschließend werden ab 15. August die fast 100 Werke – Ölgemälde und Zeichnungen – in der Berliner Nationalgalerie zu sehen sein. Ilja Repin wurde am 24. Juli 1844 in Tschugujew bei Charkiv (Ukraine) geboren. Bereits im Alter von zehn Jahren wurde er in die dortige Militärtopographenschule aufgenommen. Doch nur kurze Zeit später wird diese – nach dem Krimkrieg von 1856 – geschlossen. Fortan ging Repin bei dem Ikonenmaler Iwan Bunakow in die Lehre. Hier entstanden seine ersten Bildnisse und Porträts. 1863 begab sich der talentierte Repin auf den Weg nach St. Petersburg, um eine Aufnahme in die dortige Akademie der Künste zu erreichen. Nach einer Überbrückungszeit von einem Jahr konnte er sein Studium beginnen. 1865 zeigte Repin innerhalb einer Jahresausstellung erstmals Bilder in der Öffentlichkeit. Sein Prüfungsbild „Hiob und seine Freunde“ wurde 1869 mit der „Kleinen Goldmedaille“ der Akademie ausgezeichnet. In diesem Jahr lud ein Freund Repin zu einer Fahrt auf der Newa ein, bei der er erstmals Treidler sah – Menschen, die mit ihrer Körperkraft Schiffe durch flache Flußniederungen ziehen. Dieses Motiv faszinierte Repin derart, daß nur ein Jahr später nach einem Besuch an der Wolga eines seiner berühmtesten Bilder mit dem Titel „Die Wolgatreidler“ entstand, welches 1874 und 1876 auf Ausstellungen in Wien und Paris gezeigt wurde und Repin Anerkennung auch in Westeuropa verschaffte. Der Erfolg bewog den Künstler, seine Studien in Paris und London fortzusetzen, um sich einen näheren Einblick in die dortigen Kunstentwicklungen zu verschaffen. Den erhofften künstlerischen Durchbruch konnte er aber weder in der Seine- noch in der Themsemetropole erzielen. Repin kehrte nach Rußland zurück, wo er sich verstärkt nationalen Themen widmete. Besondere Anregungen holte er sich bei den herausragenden literarischen Werken dieser Epoche, wie den Dramen Graf Leo Tolstois. Seine umfassenden Auseinandersetzungen mit der russischen Geschichte brachte Repin in Großgemälden wie „Prinzessin Sophia Alexejewa im Neujungfrauenkloster im Jahre 1698“, „Die Saporosher Kosaken schreiben einen Brief an den türkischen Sultan“ oder „Iwan der Schreckliche und sein Sohn am 16. November 1581“ zum Ausdruck. Zudem verschaffte sich Repin Anfang der achtziger Jahre einen Ruf als herausragender Porträtist. So entstanden in diesen Jahren eindrucksvolle Gemälde der Komponisten Modest Mussorgsky und Anton Rubinstein. 1881 kam Repin in engen Kontakt zu dem Kunstsammler Pawel Tretjakow, den er ebenfalls porträtierte. Die resultierende Beziehung erwies sich als außerordentlich fruchtbar: Als Sachverständiger und vermögender Textilfabrikant war Tretjakow in der Lage, einen großen Teil der Repin-Bilder für einen guten Preis anzukaufen. 1891 organisierte Repin seine erste eigene Ausstellung, die in St. Petersburg und in Moskau gezeigt wurde. Ein Jahr später erfolgte seine Berufung zum Professor an der St. Petersburger Akademie der Künste. Repin widmete sich nunmehr verstärkt Buchillustrationen und erzielte mit der Gestaltung von Erzählungen von Maxim Gorki und Anton Tschechow weiteres Ansehen auch außerhalb Rußlands. 1902 wurde er zum Mitglied der Prager Akademie der Wissenschaften, Literatur und der schönen Künste gewählt. Die Niederschlagung einer Demonstration am 9. November 1905 vor dem Winterpalais veranlaßte Repin, der sich bereits in jüngeren Jahren der sozialen Wirklichkeit Rußlands explizit widmete, dieses Ereignis nicht nur in einem Bild festzuhalten, sondern zugleich ein Forderungspapier von zahlreichen Künstlern, die eine Erneuerung des Staatssystems in Rußland forderten, mitzuunterzeichnen. Im November 1905 reichte er bei der Akademie der Künste seine Entlassung ein. Zum Zwecke einer Reform der herrschenden Pädagogik sowie einer Sozialreform entwarf Repin Vorschläge zur Verbesserung der Unterrichtsmethoden an der Akademie und schloß sich dem Protest Tolstois gegen die Todesstrafe an. Seit 1912 arbeitete Repin an seinen Memoiren. Nach dem Frieden von Brest-Litowsk, in dem Rußland die Abtretung des finnischen Territoriums anerkennen mußte, nahm er die finnische Staatsangehörigkeit an. Über seine große Bedeutung in der Geschichte der russischen Kunst herrschte indes auch im jungen Sowjetrußland kein Zweifel: 1924 wurde der mittlerweile Achtzigjährige mit großen Ausstellungen in St. Petersburg und Moskau geehrt. Am 20. September 1930 starb Repin. Trotz seiner unverhohlenen Sympathie für die Bemühungen um soziale Reformen entbehren die Darstellungen Repins einer revolutionären Note. Unzweifelhaft leidet der Künstler mit jedem gezeichneten Akteur mit, der sich in einer menschlichen Krisensituation befindet. Doch Repin gelingt auch innerhalb großer Spannungsmomente ein Ausgleich, indem er diesen seine Liebe zum Detail und zur Schönheit – sei es die von Personen oder der Natur – gegenüberstellt. Es ist daher leicht verständlich, daß die Faszination, die der Betrachter bei der Begegnung mit Repins Werken verspürt, nicht nur in seiner Heimat bis heute angehalten hat. Auch auf den deutschen Besucher wird der Gleichklang zwischen innerer Bewegung und äußerer Erscheinung, von Melancholie und Hoffnung seine Wirkung nicht verfehlen. Repin, Lew Tolstoi (1887): Darstellungen ohne revolutionären Inhalt Die Ausstellung „Auf der Suche nach Russland – Der Maler Ilja Repin“ ist bis zum 3. August 2003 im Saarland-Museum Saarbrücken zu sehen. Zur Ausstellung ist ein reich bebilderter Katalog mit 220 Seiten erschienen.

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