Mann von Charakter

Mit Boris Meissner, der im hohen Alter von 88 Jahren in Köln verstorben ist, hat sich die kleine Zahl von Überlebenden der Kriegsgeneration weiter gelichtet. Meissner war nicht nur ein hervorragender Gelehrter, der das Institut für Ostrecht an der Kölner Universität gründete und leitete. Er war zugleich einer der führenden Analytiker sowjetischer Politik in der Zeit des Kalten Krieges. In dieser Eigenschaft hat er die deutsche Ostpolitik der Ära Adenauer und danach maßgeblich beeinflußt. Er bewies, daß man mit russischen Sprachkenntnissen und analytischem Verstand sogar aus öden und getarnten offiziellen sowjetischen Quellen interessante Schlüsse ziehen konnte – sofern man sie zu entschlüsseln verstand. Der am 10. August 1915 in Pleskau (heute Pskow) geborene Meissner war ein Deutsch-Balte mit Berührungspunkten zu Rußland. Jugend und Studienjahre verbrachte er in der unabhängigen Republik Estland. Die Verbundenheit zum Land seiner Vorfahren hat ihn ein Leben lang geprägt. In zahlreichen Publikationen hat er zu einer Zeit, als dies keineswegs opportun war, auf das Selbstbestimmungsrecht der baltischen Völker hingewiesen. Bereits zu Beginn der fünfziger Jahre – der Zweite Weltkrieg war gerade erst zu Ende, und die scheinbar übermächtige Sowjetunion war bis an die Elbe nach Europa vorgedrungen – stellte er in einer Reihe wissenschaftlicher Aufsätze in der Zeitschrift Osteuropa fest, daß es eine ungelöste „baltische Frage“ gebe, die – so wörtlich – „ebenso wie die Frage der Gebiete ostwärts von Oder und Neiße (vor allem Ostpreußens und des Memellandes) mit einer territorialen Interessenabgrenzung zwischen Ost und West“ verknüpft sei. Meissner vertrat die damals kühne These, es könne eine „finnische Lösung“ für die baltischen Staaten geben, denn schließlich – so der Autor im Jahre 1952 – sehe die Verfassung der Sowjetunion die Möglichkeit eines freiwilligen Austritts vor! „Unter Bruch aller seit 1920 übernommenen völkerrechtlichen Verpflichtungen wurden die baltischen Staaten im Juni 1940 von den Russen gewaltsam besetzt, planmäßig sowjetisiert und – unter Verfälschung des Volkswillens – der Sowjetunion angegliedert.“ Diese Aussage aus jenen Jahren, als das Baltikum allgemein im Westen abgeschrieben und vergessen war, lassen Meissner geradezu als Propheten jener Wiedergeburt der baltischen Unabhängigkeit erscheinen, die sich Jahrzehnte später im Gefolge des Falls der Mauer vollzog. Vor allem die Esten, mit denen er sich stets verbunden fühlte, haben ihm nicht vergessen, daß er für ihre Rechte eintrat, als andere schwiegen. Ein Satz aus Meissners Feder blieb in Estland in Erinnerung – er schrieb 1951 über den letzten, von den Sowjets verschleppten und in sowjetischer Gefangenschaft umgekommenen Staatspräsidenten: „Konstantin Päts war ein Mann von Charakter.“ Das läßt sich rückblickend auch über Boris Meissner sagen.

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