Manche sind gleicher als gleich

Mit seiner Entscheidung von Anfang letzter Woche hat der amerikanische Supreme Court mit knapper Mehrheit die Verfassungsmäßigkeit von „affirmative action“ bestätigt. Die systematische Bevorzugung bestimmter Bevölkerungsgruppen hauptsächlich aufgrund rassischer Kriterien ist damit rechtens. Gleichzeitig aber ließ der Oberste Gerichtshof akademischen Einrichtungen eine Warnung zukommen. Sie sollten in der Praxis etwas umsichtiger sein und den Bogen nicht überspannen. Insbesondere die Zulassungsrichtlinien der Universität Michigan wurden verworfen, da deren starres Punktesystem Weiße unverhältnismäßig benachteilige. Jedoch sei „Diversität“ allgemein, befand der Gerichtshof, als ein höchst wichtiges soziales Gut anzusehen, ja sogar als „Staatsziel“. Demnach darf man erwarten, daß die Bevorzugungswelle in Zukunft weitergeht und noch ausgeweitet wird. „Affirmative action“ in den Vereinigten Staaten und ebenso in Kanada umfaßt viel mehr, als daß bloß ein paar Plätze an den Eliteuniversitäten für designierte Minderheiten reserviert würden. Eine ganze Industrie mit Tausenden von Mitarbeitern lebt davon. Sie unterhält eine eigene Infrastruktur von pressure groups und Instituten und verfügt über enorme finanzielle Mittel. „Affirmative action“ hat sowohl das Bildungswesen als auch Verwaltung und Regierung erfaßt. Es gibt die Equal Employment Opportunities Commission (EEOC), die für „Chancengleichheit“ auf dem Arbeitsmarkt sorgen soll, und das Justizministerium leistet finanzielle wie juristische Hilfestellung bei Klagen wegen angeblicher Diskriminierung. Auch in der Wirtschaft und den Medien findet man entsprechende Quotenregelungen. Buchstäblich alle Bereiche des amerikanischen Lebens werden somit nach der gekoppelten Agenda von „Diversität“ und „Multikulturalismus“ umgestaltet. Amerika nimmt heute jährlich über eine Million Immigranten auf. Viele von diesen haben ein Anrecht auf Vorzugsbehandlung nach den Richtlinien der „affirmative action“. Verschiedentlich wurde argumentiert, die Ausweitung der Privilegierung von den hier geborenen schwarzen Amerikanern (deren Vorfahren schon seit Jahrhunderten im Lande leben) auf Neuankömmlinge verderbe das Konzept in zentralen Punkten. Ging es nicht angeblich darum, einer negativen Diskriminierung von Minderheiten in der Vergangenheit nun eine positive entgegenzustellen? Aber warum müssen bestimmte Neuankömmlinge, wenn sie die richtigen Rassemerkmale besitzen, den Einheimischen vorgezogen werden? Man wundert sich ja auch, was denn passieren wird, wenn Minderheiten eines Tages nicht mehr Minderheiten, sondern die Mehrheit darstellen werden, wenn die Weißen eine Minderheit unter vielen sein werden, wie es das Census Bureau (Statistikbehörde) für die absehbare Zukunft voraussagt. Worauf läuft „affirmative action“ faktisch hinaus? Trotz all des rhetorischen Blendwerks von „gleichen Rechten für alle“ bedeutet sie für einen großen Teil der amerikanischen Bevölkerung, daß ihre Karriere- und Lebenschancen sich entscheidend verschlechtern, vor allem für weiße männliche Amerikaner. Natürlich argumentiert die Linke, daß weiße männliche Amerikaner heute die überragende Machtelite darstellten, daß sie sich ausnahmslos gegenseitig die interessanten Posten und Geschäfte zuschanzen würden. Diese Vorherrschaft weißer Männer sei eine moralische Schande, lautet die Anklage. Es stimmt, daß eine deutliche Mehrheit von Unternehmenschefs weiß und männlich ist, schließlich haben sie über Jahrhunderte die Mehrheit dargestellt. Doch keineswegs verabreden sich Amerikas Konzernbosse heimlich, um alle anderen auszugrenzen. Ganz im Gegenteil lassen sie sich, wie empirische Studien zeigen, bei Einstellungen vom politisch korrekten „Diversitäts“-Kriterium leiten. In jeder größeren Firma gibt es heute „Feinfühligkeitstraining“, wo der korrekte Umgang mit Minderheiten gelehrt wird. Und weiter kann man fragen, welchen Einfluß denn die weißen männlichen Amerikaner in ihrer Eigenschaft als „weiße männliche Amerikaner“ in den Medien, im kulturellen, akademischen und politischen Leben der Gesellschaft haben. Könnte unser weißer Mann nicht auch ein glühender Linksliberaler sein, dem es völlig fernliegt, einem anderen weißen Mann zu helfen oder ihn zu befördern (es sei denn, derjenige liegt politisch auf derselben Wellenlänge)? „Affirmative action“ hat den unschönen, doch unvermeidlichen Nebeneffekt, beruflichen Erfolg von Vertretern der „designierten Minderheiten“ in ein schiefes Licht zu rücken! Sofort drängt sich die böse Frage auf, worauf die Karriere dieser Leute gebaut ist: auf Vorzugsbehandlung oder auf eigenes Verdienst? Erst kürzlich flammte diese Debatte wieder auf. Jayson Blair, ein schwarzer Studentenzeitungsredakteur Mitte zwanzig, ohne Hochschulabschluß, aber mit einem gewissem schriftstellerischen Talent, konnte beim renommierten linksliberalen Weltblatt New York Times rasant aufsteigen. Als Kollegen sich über Blairs unsaubere Arbeitsmethoden beklagten, wiegelte Chefredakteur Howell Raines ab. Trotz aller Warnungen förderte und protegierte er Blair. Selbst nachdem der Skandal um Dutzende gefälschter und hingebogener Stories aufflog und die Times auf vier ganzen Zeitungsseiten peinlichst jeden Fehler und jede Fälschung Blairs ihren Lesern beichten mußte, selbst da noch bekannte der (inzwischen zurückgetretene) Chefredakteur trotzig, er stünde zu seiner Methode der „aggressiven Beförderung“ von talentierten Minderheitenvertretern. Letztlich bedeutet „affirmative action“ eine planmäßige Umwandlung der amerikanischen Gesellschaft. Doch die Konzentration von Macht und Geld an der Spitze, also bei der weitgehend (links-)liberalen Elite, wird davon nicht beeinträchtigt. Viel eher leiden die Millionen männlichen Weißen der Mittelklasse, der unteren Mittelschicht und der Arbeiterschaft, wenn sie durch systematische Benachteiligung marginalisiert werden. Sollen auf dem Rücken dieser Leute die ideologischen Obsessionen einer linksliberalen amerikanischen Elite ausgetragen werden? Zahlreiche Entscheidungen des Supreme Courts und anderer hoher amerikanischer Gerichte der letzten Jahre offenbaren vor allem eines: den Grad an komfortabler, sicherer Abschottung und Isolierung der Richter von den Problemen der rauhen Lebenswirklichkeit einfacherer Leute. Hinter „affirmative action“ stehen in Wahrheit ziemlich häßliche, doch niemals laut ausgesprochene Prämissen: Daß erstens Minderheitenvertreter in Amerika durch ihre eigenen, ehrlichen Leistungen und Bemühungen nicht wirklich Erfolg haben könnten. Sie bräuchten deshalb staatliche Vorzugsbehandlung. Und zweitens speist sich „Affirmative Action“ aus der Ideologie einer ewigen Schuld aller Weißen für die geschichtlichen Untaten anderer weißer Männer. Diese kollektive Schuld, das Stigma, wird über Generationen hinweg und sogar auf völlig unbeteiligte weiße Einwanderer übertragen. Alle Weißen, so will es die multikulturelle Stereotype, hätten Sünde auf sich geladen und müßten daher büßen. Echte liberale Geister dürften die Vorstellung einer ewigen, kollektiven Schuld, auf der „affirmative action“ beruht, nicht dulden. Historisch gesehen haben sie dafür gekämpft, die Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz durchzusetzen. Was ist heute aus diesem Gedanken geworden? Mit Hautfarbe punkten
Das Grundsatzurteil zur umgekehrten Diskriminierung Affirmative action“-Programme zur gezielten Förderung von Minderheiten im Hochschulbereich, beim Militär, in Behörden und Privatwirtschaft gibt es in den USA seit Mitte der sechziger Jahre. 1978 kippte der Oberste Gerichtshof die umstrittene pauschale Quotenregelung. In dem jetzt vom Supreme Court entschiedenen Fall ging es um die Klagen von zwei weißen Studentinnen gegen die Universität von Michigan. Sie fühlten sich aufgrund ihrer Hautfarbe diskriminiert, weil Bewerber aus ethnischen Minderheiten trotz schlechterer Noten den Vorzug bei der Vergabe von Studienplätzen erhielten. Die Klage einer Bewerberin für ein Jurastudium wies das Oberste Gericht ab, da die Rechtsfakultät die Ethnie als eins von mehreren Auswahlkriterien berücksichtigt. Der zweiten Klägerin, die sich um die Zulassung zum Grundstudium beworben hatte, wurde recht gegeben. Ein „Startkapital“ von 20 (bei 150 möglichen) Punkten für Minderheiten ist damit verfassungswidrig. Ethnische Kriterien spielen an etwa der Hälfte aller amerikanischen Universitäten eine Rolle. Unter den diesjährigen Studienanfängern der Universität Michigan sind neun Prozent Schwarze, sechs Prozent Hispanier und zwei Prozent Indianer. Demonstranten in Washington, DC: Die ideologischen Obsessionen einer Elite werden auf dem Rücken der weißen Mittelschicht ausgetragen Mark Wegierski lebt als Publizist und Geschäftsmann im kanadischen Toronto und schreibt für verschiedene amerikanische und polnische Zeitschriften.

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