Kultureller Marathon

Hatten im Tumult dramatischer Finanzkrisen und Zuständigkeitsdebatten die Verantwortlichen 2002 als „Jahr der Entscheidungen“ ausgerufen, ist man beim Preußischen Kulturbesitz jetzt aus den schlimmsten Turbulenzen heraus: Es sei gelungen, so Präsident Klaus-Dieter Lehmann, die „Blockaden aufzubrechen“. Die Bundesstiftung, welche die Staatlichen Museen Berlin, Staatsbibliothek, Geheimes Staatsarchiv, das Institut für Musikforschung und Ibero-Amerikanisches Institut umfaßt, existiert seit 1957; seit 1992 kooperiert hier der Bund mit allen Bundesländern gemeinsam. Die brüchige Zusammenarbeit konnte erhalten, der Finanzstreit beigelegt werden. Aufatmend spricht man bei der Stiftung von einem „Zukunftsmodell“ als Ertrag zäher Verhandlungen. Die aktuellen Herausforderungen haben diverse Ausstellungsprojekte, laufende Kosten und umfangreiche Bauvorhaben zum Inhalt. Letztere werden nun künftig, nach der Entlassung Berlins aus seinen bisherigen Verpflichtungen, vollständig vom Bund getragen. Sie betreffen aktuell besonders die Preußische Staatsbibliothek unter den Linden, die seit Jahren saniert wird und eben jetzt den Startschuß für ihren wichtigsten Bauabschnitt erhielt. Ernst von Ihnes repräsentativer Komplex (1903-14), von Bibliotheksdirektor Adolf von Harnack einst feierlich als „Dom der Wissenschaft, Tempel der Musen und feste Burg der Wahrheit“ gerühmt, war 1945 schwer kriegsbeschädigt und der berühmte zentrale Kuppelsaal, dessen Ausmaße dem British Museum entsprachen, nur mehr ein Bombenkrater. An diesem Ort baute die DDR pragmatisch vier Magazintürme ein, die jetzt abgerissen werden. Im Zeitraum 2004-07 soll der monumentale Lesesaal wiedererrichtet werden, dringend benötigt der neuen 250 Lesesaal- und 263 Spezialarbeitsplätze wegen, mußte doch das Haus 2 am Kulturforum, also Scharouns Neue Staatsbibliothek West (1967-78), im vergangenen Jahr oftmals wegen Überfüllung schließen. Anders als die übrigen Schlösser der Mark, welche von der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten betreut werden, untersteht das barocke Wasserschloß Köpenick dem Kulturbesitz und den Staatlichen Museen. Seit 98 restauriert, wird dessen Sanierung in diesem Jahr abgeschlossen; die Neuöffnung des bereits in der DDR als Kunstgewerbemuseum genutzten Baus soll Frühjahr 2004 folgen. Die bedeutendste Herausforderung weithin stellen Sanierung, Umbau und auch die logistische Neuorganisation der Berliner Museumsinsel dar. Der 1999 in die Welterbeliste der Unesco aufgenommene Stadtteil folgt einem umfassenden Masterplan, dessen weitgehende Ausführung bis 2010 vorgesehen ist. Sanierung, Rekonstruktionen, Neubauten, Terraingestaltung werden in einzelnen Bauabschnitten realisiert. Nach Wiedereröffnung der Alten Nationalgalerie (2001) konnte im Sommer 2002 mit dem Wiederaufbau der Kriegsruine des Neuen Museums begonnen werden (-2009); zügig schreitet die für 2005 vorgesehen Fertigstellung des Bodemuseums voran. Kritischer Punkt derzeit: der Publikumsrenner bei den Ferntouristen, das Pergamonmuseum, dessen langfristige Finanzierung nicht gesichert ist und für das bis dato noch kein Planungsauftrag existiert. Erlebnisintensiv wird man sich schon bald mit Inselprojekten und zukünftiger Schloßplatzgestaltung anhand virtueller Modelle im Rahmen eines digitalen Präsentationskonzepts der Stiftung (InfoBox in Mitte) informieren können. Das Gesamtvolumen des Stiftungshaushalts beläuft sich 2003 auf insgesamt 251,740 Millionen Euro, davon 98,682 Millionen für reine Baumittel und Ausgaben in Höhe von 153,058 Millionen für Personal- und Sachmittel Euro. Letztere werden nach wie vor von Bund und Ländern im Verhältnis 75:25 gemeinsam finanziert, während Ausstellungen ganz aus Drittmitteln zu leisten sind. Immerhin gelang es den Staatlichen Museen im vergangenen Jahr 123 mal zu derartigen Sonderausstellungen die Neugierigen in ihre Häuser zu locken; die Gesamtzahl der Besucher belief sich dabei auf 3,2 Millionen. Aus dem diesjährigen Marathon von Eigenproduktionen und internationalen Übernahmen fällt besonders die nach Mexiko und London am 17. Mai im Gropius-Bau öffnende Azteken-Schau ins Auge. Ostasien wird vertreten sein durch die „Schätze der Himmelssöhne“ aus Taipei mit den Kunstsammlungen der chinesischen Kaiser (ab 18. Juli). 350 Werke von 100 Ostkünstlern versuchen ab 27. Juni in der Neuen Nationalgalerie das ganze Spektrum ehemaliger „Kunst in der DDR“ auszuleuchten. Den 175. Todestag Goyas (1756-1828) wird die große, aus Madrid kommende Retrospektive des spanischen Malers in der Alten Nationalgalerie ab Mitte Oktober würdigen. Als „Megaevent“ darf schon jetzt die große Schau „Berlin-Moskau. Moskau-Berlin 1950-2000“ gelten. Als Zentralereignis der „Deutsch-Russischen Kulturbegegnungen“ 2003/04 wird sie zugleich die legendäre Ausstellung von 1995 konzeptionell fortführen und komplettieren. Bleibt noch vom „Einfischen“ der Flick-Kollektion zu berichten, „buchenswert“ – zweifellos. Diese 2.500 Werke zeitgenössischer Kunst umfassende Sammlung des Milliardärs Friedrich Christian Flick kommt als Dauerleihgabe in die deutsche Hauptstadt, „ein Glücksfall“ für Berlin, so Kulturministerin Christina Weiss. Dem Frohlocken war ein einjähriger tumultarischer, „antifaschistischer“ Streit in Zürich vorausgegangen. Der 58jährige Flick, seit 30 Jahren wohnhaft in der Schweiz, erbte ein Vermögen von seinem Großvater, dessen Rüstungsindustrie in NS-Herrschaft und Krieg involviert gewesen war. Jetzt wurde dem Flick-Enkel vorgeworfen, an seiner Avantgarde klebe das Blut des Unrechtsregimes. Anstatt Kunst zu sammeln, solle er finanzielle „Sühne“ für seine Familie leisten. Gottlob hat sich nun Deutschland nicht auch noch in diesen moralpolitischen Eifer verwickeln lassen, sondern die reizvollen Avancen des schon düpierten Mäzens gern geduldet, nachdem dieser nach der Limmat auch bei der New Yorker Guggenheim schnöde abgeblitzt war. Als „ideale Ergänzung und Fortsetzung unseres Hamburger Bahnhofs“ (Klaus-Peter Schuster) wird die kostbare Sammlung, die Zeichnungen, Gemälde, Fotos, Videos, Plastiken und Rauminstallationen umfaßt (darunter Werke von Duchamp, Warhol, Polke, Baselitz, Koons), der Sektion Gegenwartskunst der Neuen Nationalgalerie angegliedert und auch räumlich dem Hamburger Bahnhof angefügt. Erstmals werden die Werke im Frühjahr 2004 dort zu sehen sein. Wolfgang Saur Foto: Alte Nationalgalerie: Im Herbst widmet das Museum dem spanischen Maler Goya eine große Retrospektive

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