Kulturelle Schlaglichter

Die im Museum der Weltkulturen in Frankfurt am Main gezeigte Ausstellung „Indian Times – Nachrichten aus dem roten Amerika“ ist ein Novum, räumt sie doch mit diversen, vor allem durch Bücher und Filme vermittelten Klischees über die Indianer Nordamerikas gründlich auf. Dabei wirft sie Schlaglichter auf die reichen Traditionen und Kulturen der indianischen Völker mit ihren völlig unterschiedlichen sozialen und wirtschaftlichen Systemen und gewährt Einblicke in die außerordentliche Vielfalt und Wirklichkeit der indigenen Welt. So erfährt der Besucher beispielsweise, daß die Cheyenne als Plains-Indianer eine angeborene Freiheit des Geistes und eine überlegene Haltung auszeichnet, daß die Piegan ihrer Natur nach besonders umgänglich und liebenswürdig, die Yakima hingegen eigensinnig, arrogant und von mürrischem Wesen sind. In der Kunst des Webens sind die Hopi führend, zu den ausgezeichneten Produkten gehören die Alltagsgewänder der Frauen, das Hochzeitskleid, Gürtel sowohl für den alltäglichen als auch für den zeremoniellen Gebrauch, sowie Bettdecken. Wie auch das aufwendig bestickte Flechtwerk und die Kleidung, deren kunstfertige Herstellung man nur bestaunen kann, finden diese Arbeiten, was die Feinheit und Regelmäßigkeit, die vollendete Symmetrie und die Weichheit und harmonische Mischung der Farben und Schatten anbelangt, selten ihresgleichen. Die Sia sind wiederum für ihre ausgezeichneten Töpferarbeiten bekannt. Die Kochgefäße, Eßschalen und Wasserkrüge aus Ton bringen ihnen immerhin einen bescheidenen Lohn ein. Die zahlreichen Exponate und Informationen tragen zweifellos zu einem besseren Verständnis der indianischen Kulturen bei. Zum Beispiel erfährt der Ausstellungsbesucher Wissenswertes über die Beziehungen zwischen Männern und Frauen, die Verwendung des Begriffs „Squaw“ seit dem 17. Jahrhundert für alle indianischen Frauen und die hohe Stellung der Clan-Mütter und Matronen. Von Russisch-Amerika (um 1830), dessen Gouverneur der Deutsch-Balte Ferdinand von Wrangell war, über die Dakota in Minnesota, wo die deutsche Siedlung Neu-Ulm lag, und die Apachen und die Navajos bis zu dem Reservat Warm Springs in Ohio, in dem heute die Wasco-Indianer leben, werden fünf historische Regionen beleuchtet. Andere Abteilungen befassen sich mit den Christianisierungsversuchen katholischer spanischer Missionare, behandeln in großen Vitrinen-Illustrationen die Zeichensprache und die Kunst der Rauchzeichen und präsentieren in Holz geschnitzte Dorfchroniken. Ein Wasco-Indianer, Foster J. Kalama, hat die gelungene und informative Ausstellung gemeinsam mit dem Ethnologen Christian Feest gestaltet. Einer Wiederbelebung alter europäischer Klischeevorstellungen, wie einige allzu kritische Besucher sich äußerten, dient sie gewiß nicht. Der Ausblick in die Zukunft der indigenen Völker Nordamerikas erscheint jedoch letztlich in einem etwas zu rosigem Licht. Zwar ist der chronische Abfall der Geburtenrate inzwischen offenbar gestoppt, aber Armut, Arbeitslosigkeit und Alkoholismus als Folgen der physischen und moralischen Vernichtung durch die „Zivilisation“ sind dadurch, daß viele Stämme in ihren Reservaten Spielcasinos für Touristen betreiben, noch längst nicht gebannt. Und inwieweit solche Maßnahmen, die zwar sichere Geldquellen darstellen, die traditionelle Kultur aber noch stärker zerstören, bleibt eine offene Frage. Die Ausstellung im Frankfurter Museum der Weltkulturen, Schaumainkai 29, wird bis zum 31. August 2003 gezeigt. Der Katalog kostet 22 Euro. Info: O69 / 21 23 47 14

Unterstützung

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen

Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.

aktuelles