Krieg der Konservativen

Gregory L. Schneider, assoziierter Geschichtsprofessor an der Emporia State University, hat nach seiner Monographie zur konservativen Jugendorganisation Young Americans for Freedom nun ein Lese- und Einführungsbuch zur Entwicklung des amerikanischen Konservatismus seit 1930 vorgelegt. Für den Rezensenten als langjährigen Kommentator zum selben Thema ist es wie eine Reise in die Erinnerung. Schneiders Anthologie ist bewundernswert kurz gehalten und legt doch eine weite Strecke zurück: Von den Südstaatler-Agrariern geht es über die Distributisten der Zwischenkriegszeit, die die englischen katholischen Kritiker des „big government“ und des Kapitalismus Hilaire Belloc und G. K. Chesterton bewunderten, weiter zum elitären Individualisten Albert J. Nock bis hin zu dem Libertären Murray N. Rothbard und dem zersplitterten Konservatismus der Post-Reagan-Ära. Um die ganze Bandbreite konservativen Denkens zu verdeutlichen, enthält der Band Originaltexte von Russel Kirk, Milton Friedman, Friedrich August von Hayek, William F. Buckley, Ronald Reagan und Pat Buchanan. Schneiders Anmerkungen sind beispielhaft ausgewogen. Wie George Nash in seinem Standardwerk zur Geschichte der amerikanischen konservativen Intellektuellenbewegung nach dem Zweiten Weltkrieg beschreibt Schneiders Buch Spannungen und Spaltungen, ohne Partei zu ergreifen. Schneiders Versuch einer konservativen Epocheneinteilung um wichtige Politikerpersönlichkeiten herum, besonders Goldwater und Reagan, ist letztlich berechtigt. Wahlkampagnen und republikanische Standartenträger haben oft den Eindruck von Einheit auf der amerikanischen Rechten erzeugt. Doch die Solidaritätsaufrufe mit Blick auf den Machtgewinn waren immer nur kurzfristig geeignet, Meinungsunterschiede zu überkleistern. Ein Teil der Rechten hat sich radikalisiert, als ihr Scheitern evident wurde, die Gesamtrichtung der Regierung entscheidend umzudrehen, während andere wie die Leute von der Heritage Foundation am Ende des Kalten Kriegs glückselig davon sprachen, daß der „konservative Sieg nun vollendet“ sei. Außerhalb einiger Washingtoner Denkfabriken fanden solche Sprüche wenig Anklang. Schneiders Sammelband unterstreicht das offensichtliche Problem, daß Amerikas Rechte niemals richtig unter einen Hut paßte, abgesehen von einigen Wahlkämpfen und in manchen Zeitschriften oder Magazinen, die Brücken zu bauen versucht haben. Schon in den 1930er Jahren gab es innerhalb der amerikanischen konservativen Bewegung eklatante Differenzen, darüber läßt Schneider keinen Zweifel. Nur mit Hilfe gemeinsamer Feindbilder, angefangen vom „New Deal“, konnte die grobgezimmerte konservative Allianz, die so verschiedene Persönlichkeiten wie Russel Kirk und Ayn Rand umfaßte, halbwegs zusammengehalten werden. Die „konservative Bewegung“ hat sich mehr als einmal gespalten, zum Beispiel in den 1930er und den 1950er Jahren bei den Schlachten zwischen Interventionisten und Isolationisten und in den 1980er und 1990er Jahren im Kampf zwischen Neokonservativen (Neocons) und Paläokonservativen (Paläos). Letztere Auseinandersetzung um die Deutungsmacht, was denn nun konservativ sei, zieht sich bis heute hin. Was aber die Vergangenheit von der Gegenwart unterscheidet, ist die Entschlossenheit der Establishment-Rechten, die Debatte innerhalb der konservativen „Bewegung“ endgültig abzuwürgen. Ihnen stehen heute Stiftungen mit zig-Millionen Vermögen und ein mächtiges Mediennetzwerk zur Verfügung. Zwei Gründe gibt es für diese versuchte Unterdrückung anderer Meinungen: Erstens stellen die Neokonservativen, die aus der politischen Mitte oder der gemäßigten Linken der 1960er Jahre hervorgegangen sind, heute den Ordnungsdienst der republikanischen Partei dar und verfügen über finanzielle und mediale Ressourcen, von denen die marginalisierte Rechte vor fünfzig Jahren nur träumen konnte. Weshalb sollten diese etablierten „Rechten“ eine Schädigung ihres Rufes hinnehmen, indem sie mit Leuten assoziiert werden, denen der Ruf von „Extremisten“ anhängt und die unter Umständen die zentristischen und moderaten Geldgeber vergraulen könnten? Zweitens scheint der politische Graben, der zwischen den verschiedenen, sich „konservativ“ nennenden Gruppen klafft, heute viel tiefer als vor siebzig Jahren. Wie vor allem die letzten Kapitel von Schneiders Buch zeigen, darin eingeschlossen die Angriffe der Zeitschrift Commentary gegen den Rezensenten im Jahr 1987: Die zerstrittenen Lager hassen sich heute gegenseitig mehr als die Linken. Während Commentary damals noch von einer „neumittelalterlichen Rechten“ warnte, sind heute der Vorwurf des „Antisemitismus“ und spitze Bemerkungen über „faschistische Duftnoten“ beliebte neokonservative Keulen. Im Gegenzug schmähen die Paläokonservativen ihre Verfolger als „Trotzkisten“. Der bekannte Publizist John Judis nannte dies „die Kriege der Konservativen“. Ein weiterer Grund für die Heftigkeit der Auseinandersetzung liegt bei den Medien, die den Kampf eifrig verfolgen, und auch an der Feuerkraft auf beiden Seiten. Die Neocons übertreffen ihre Gegner an Personal und Finanzen in einem Verhältnis, das schon kaum noch beziffert werden kann. Dennoch ist auch den Paläokonservativen der Weg in die Öffentlichkeit nicht völlig verstellt. In den 1950er Jahren hatte von der Nachkriegsrechten nur William F. Buckley derart guten Zugang zu den Massenmedien wie heute Pat Buchanan als Champion der Paläos. Das altkonservative Lager muß also im „konservativen Krieg“ noch nicht die Waffen strecken, sondern erlebt auf Basis kleinerer Stiftungen, Magazine (wie The American Conservative) und natürlich Internet-Seiten gegenwärtig eine gewisse Renaissance. Zum Beispiel zieht die gegen die Nachwirkungen des „New Deal“ gerichtete, isolationistische Internet-Seite LewRockwell.com täglich mehr Leser an als die heute neokonservative Zeitschrift National Review. Schneiders Anthologie enthält reichlich intellektuelle Nahrung zur Vorgeschichte der aktuellen Zerstrittenheit der amerikanischen Rechten. Vermutlich ist sein Buch genau das, was der Waschzettel anpreist: „die beste derzeit erhältliche Sammlung konservativer Schriften“. Foto: Ronald Reagan (1991): Zersplitterter US-Konservatismus Gregory L. Schneider (Hrsg.): Conservatism in America Since 1930. A Reader. New York University Press, New York 2003, 446 Seiten, 22,95 US-Dollar Prof. Dr. Paul Gottfried , lehrt Politologie am Elizabethtown College in Pennsylvania, USA. Er ist Autor von „After Liberalism“ (Princeton University Press, 1999) und „Multiculturalism and the Politics of Guilt“ (University of Missouri Press, 2002).

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