„Ich könnte niemals einen Fahneneid leisten“

Sir Peter Ustinov, getauft in Schwäbisch Gmünd, aufgewachsen in England, lebend in der Schweiz. Hat ein solcher Mensch ein Nationalgefühl? Ustinov: Ich bin wirklich ein Mensch der Vereinten Nationen. Ich empfinde Grenzen nicht als solche. Insofern ist es auch für mich widersinnig, mich einer bestimmten Nation zurechnen zu wollen. Ich habe gute Verbindungen zu Deutschland, ich habe viel in England gearbeitet, auf der ganzen Welt. Dennoch ist es für mich unglaubwürdig, wenn ich mich als Patriot irgend eines Landes fühlen sollte. Wie verhält sich der Kosmopolit zu den Entwicklungen dieser Tage? Ustinov: Ich habe vor kurzem einen Lehrstuhl gegen Vorurteile ins Leben gerufen. In Budapest ist bereits eine erste Stelle gegründet worden. Gemeinsam mit den Professoren bemühe ich mich, nicht nur akademisch dieses Feld zu erforschen, sondern zugleich aktiv gegen die verheerenden Auswirkungen jeglicher Vorurteile anzugehen. Ein Nationalismus, wie er in diesen Tagen in den USA stattfindet, ist wirklich erschreckend. Selbst Außenminister Powell trägt eine Stars and Stripes-Plakette an seinem Revers. Das erschreckt einen schon. Ich habe immer gesagt, daß ich niemals einen Fahneneid leisten könnte. Ich wüßte ja nicht, ob nicht etwa George W. Bush die Fahne halten würde. Insofern ist es für mich ziemlich schauerlich, was in diesen Tagen stattfindet. Es ist eine Riege eigentlich lächerlich wirkender Männer, die allerdings sehr gefährlich werden können, die momentan die Welt in Schach hält. Was kann der Künstler, was kann vor allem der Essayist Ustinov dagegen tun? Ustinov: Ich habe nie gehofft, mit meinen Arbeiten irgend etwas verändern zu können. Ich habe mich stets zu Wort gemeldet, tue dies in vielen Zeitungen auch heute noch. Aber ich weiß, daß ein solches Engagement letztlich keine konkreten Folgen haben kann. Deswegen versuche ich jetzt gerade durch meine Arbeiten, wie ich es momentan mit den Universitätseinrichtungen gegen Vorurteile versuche, etwas Positives zu erreichen. Und gerade in Deutschland findet meine Stiftung großen Anklang. Hier ist es letztlich ein Werk der einzelnen Menschen, positive Ideen fortzusetzen. Sie haben in Filmen wie etwa in „Romanoff und Julia“ durchaus auch politische Satire präsentiert. Gleichwohl sind sie ein eher unpolitischer Künstler. Ist das beabsichtigt? Ustinov: Ich habe mich zu Wort gemeldet, wenn es nötig gewesen ist. Ich habe beispielsweise Michail Gorbatschow schon zu einer Zeit unterstützt, als dies von vielen noch sehr kritisch beäugt wurde. Ich habe von Anfang an gewußt, daß sein Weg der richtige ist. Ich habe ihm vertraut, als dies noch sehr wenige getan haben. Letztlich hat er gezeigt, daß man sehr wohl in einem starren System Positives anstoßen kann, wenn man den nötigen Willen dazu hat. Freilich war er da ein Ausnahmepolitiker. Und Sie selbst: Sie wollten niemals Politiker werden? Ustinov: Wissen Sie, ich hatte kein Interesse daran, ständig recht haben zu müssen. Ich schätze Persönlichkeiten, wie etwa auch den früheren Kanadischen Premierminister Pierre Trudeau, der eine sehr unkonventionelle Art zu agieren hatte. Aber im allgemeinen halte ich mich von diesem Geschäft gerne zurück. Sie leben seit vielen Jahren in der Schweiz, reisen nach wie vor viel durch die Welt. Was kann Ihre Arbeit als UNICEF-Botschafter bewirken? Ustinov: Ich habe vier Kinder, die alle mehr oder weniger intelligent und mehr oder weniger erfolgreich sind. Ich habe dem Schicksal dankbar zu sein, vier solche prachtvollen Kinder zu haben. Eine solche Erfahrung muß man weitergeben. Von daher ist es mir sehr wichtig, gerade in einer solchen Organisation wie UNICEF tätig geworden zu sein, für die ich nun schon seit Jahrzehnten arbeite. Sie selbst waren fast den gesamten Zweiten Weltkrieg hindurch Soldat. Was hat Sie diese Erfahrung gelehrt? Ustinov: Ich habe vor allen Dingen erfahren, wie viel Beschränktheit es im Militär auch geben kann. Wenn man mit Bajonetten in Sandsäcke stoßen muß, und dann von seinen Vorgesetzten zu hören bekommt, daß nur ein toter Deutscher ein guter Deutscher sei, da kommt man schon ins Nachdenken. Weder Tony Blair noch George W. Bush waren jemals im Militär, deshalb scheint es ihnen derzeit leicht zu fallen, zum Krieg aufzurufen. Wer jemals die Stupidität mancher Militärs erfahren hat, der kann nicht ernsthaft glauben, daß Kriege oder militärische Einrichtungen der Zivilisation der Menschheit dienen. Gleichwohl haben Sie im Krieg Propagandafilme gedreht. Ustinov: Na ja, Propagandafilme. Wir haben damals das deutsche Beispiel des „Ohm Krüger“ gesehen. In diesem Film wurde Königin Victoria ständig besoffen dargestellt, und der junge Churchill hat seinen lüsternen Hunden Fleisch-stücke zugeworfen. Das war ja nun eher ein Witz. Da wollte ich wenigstens etwas Humor darauf verwenden, um harmlose Filmchen für das Militär zu drehen. Gleichwohl hat auch das englische Militär nicht viel mehr Humor gehabt als das deutsche. Nachdem ich einen Film gedreht hatte, war ich gespannt auf das Urteil des Kommandeurs. Statt mir etwas zu sagen, ging er in den Vorführraum, um dem Filmvorführer zu dem gelungenen Streifen zu gratulieren. So viel zu der Intelligenz des gewöhnlichen Militärs. Sie haben sich mittlerweile sehr auf die Musik konzentriert, gehen mit Orchestern auf Tourneen, lesen eigene Novellen zu Klängen von Beethoven oder Mussorgski. Ist das eine Flucht vor der Politik? Ustinov: Absolut nicht. Aber viele meiner Vorfahren waren Musiker. Meine Mutter, eine sehr bekannte Bühnenbildnerin, hat mich dafür begeistert, Schauspieler zu werden. Und die Arbeit mit den Orchestern ist stets interessant, zumal wenn ich die Möglichkeit habe, eigene Texte zu bereits berühmten Werken zu schreiben. Nach wie vor gibt es den Anti-Deutschland-Reflex in England: Wie geht der englische Staats- und Weltbürger Ustinov damit um? Ustinov: Manche Engländer sind verblüfft, wenn ich ihnen erkläre, daß auch Deutsche eine sehr spezielle Art von Humor haben. Glauben möchten sie das nicht immer, aber da gibt es sehr viele dumme Meinungen, zumal wenn sie in einem Blatt wie der Sun des perfekten Opportunisten Rupert Murdoch verbreitet werden, einem australischen Staatsbürger, der, um Steuern zu sparen, Amerikaner wurde. Und an der Wahrheit ist dieser Mensch bestimmt nicht allzu interessiert. Es gibt nach wie vor sehr viele dumme Pamphlete in dieser Richtung. Aber allzu ernst zu nehmen sind diese nicht mehr. Sir Peter Ustinov am 8. April 2003 in der Johannes B. Kerner-Talkshow: Zu den bekanntesten Filmen des 1921 in London geborenen Schauspielers gehören „Nero“ (1955), „Spartacus“ (1960), „Topkapi“ (1963) sowie mehrere Agatha-Christie-Adaptionen, in denen er den belgischen Detektiv Hercule Poirot verkörperte. Außerdem arbeitet der 1990 in den Adelsstand erhobene Sir Peter Ustinov für Theater- und Opernbühnen, als Erzähler, Synchronsprecher, Journalist und Buchautor, Musiker und Entertainer. Von Timo Fehrensen und Henning von Vogelsang erscheint demnächst im Gerhard Hess Verlag, Ulm/Weiler im Allgäu, ein Buch mit Gesprächen mit Peter Ustinov. weitere Interview-Partner der JF

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