Herrschaftswissen und Deutungshoheit

Daß unter den Ereignissen der jüngsten Vergangenheit aus deutscher Sicht insbesondere das Ende der DDR und die Wiedervereinigung Deutschlands hervorragen, muß nicht eigens unterstrichen werden. Die Periode zwischen dem Fall der Berliner Mauer im November 1989 und der Schaffung eines vereinigten Deutschlands im Herbst 1990 ist dementsprechend gründlich belegt. Zu dem, was heute über die Umstände der Wiedervereinigung Deutschlands bekannt ist, gehört unter anderem die Erkenntnis, daß der frühere französische Staatspräsident François Mitterrand ähnlich wie die ehemalige britische Premierministerin Margaret Thatcher der deutschen Vereinigung zunächst distanziert, wenn nicht offen ablehnend gegenüberstand. Beide befürchteten, daß die fest verankerte (Nachkriegs-)Ordnung in Deutschland und Europa in Gefahr geraten könnte. Mitterrand unterstrich diese Haltung bei seiner Reise nach Ost-Berlin und Leipzig im Dezember 1989, als er deutlich machte, daß die Existenz der DDR für ihn eine dauerhafte politische Realität darstellte. Eben diese Sichtweise, nämlich daß Mitterrand die Wiedervereinigung zumindest zu verzögern, wenn nicht zu verhindern trachtete, bestreitet der an der Universität Erlangen-Nürnberg lehrende Politikwissenschaftler Tilo Schabert in einer umfangreichen Studie zur französischen Deutschlandpolitik in den Jahren 1989 und 1990, die den für ein wissenschaftliches Buch unangemessen pompösen Titel „Wie Weltgeschichte gemacht wird“ trägt. Dieser Titel ist schon deshalb unangemessen, weil der Autor damit für sich reklamiert, alle Verästelungen und Aspekte zu kennen, die für die Wiedervereinigung entscheidend waren. Hinter diesen wenig bescheidenen Anspruch ist ein dickes Fragezeichen zu setzen. Den französischen Staatschef deutet Schabert als „visionären Realisten“, der „ein klares und konstruktives Konzept“ verfolgt haben soll. Mitterrand, so dekretiert Schabert, habe die deutsche Wiedervereinigung nicht verhindern wollen. Seine eigentliche Befürchtung soll vielmehr gewesen sein, daß diese sich nicht geordnet vollziehen könnte. Schabert will den Lesern weismachen, daß die französische Politik in jenen turbulenten Monaten die Fäden nie aus der Hand gegeben habe. Ja, mehr noch: Er behauptet, die Franzosen hätten die deutsche Vereinigung in ihrem Sinn beeinflußt. Frankreich soll, um hier ein weiteres Fragezeichen zu setzen, mehr Einfluß entwickelt haben als die damaligen Supermächte Sowjetunion und USA? Daß Mitterrand eine Überwindung der deutschen Teilung für nicht ausgeschlossen hielt, zeichnete sich laut Schabert im Verlauf der achtziger Jahre ab, als die Krise der Sowjetunion immer augenfälliger wurde und die „deutsche Frage“ für den französischen Staatschef zunehmend an Aktualität gewann. Mitterrand war, so Schabert, davon überzeugt, daß die Völker Mittel- und Osteuropas, die DDR eingeschlossen, ein Recht auf Freiheit besäßen. Für Mitterrand habe sich allerdings die Frage gestellt, welche strategische Position ein wiedervereinigtes Deutschland übernehmen sollte. Hier gab es aus seiner Sicht klare Kernforderungen: Deutschland mußte auf jeden Fall die bestehenden Grenzen anerkennen, auf nukleare Bewaffnung verzichten und in der europäischen Wirtschafts- und Währungsunion den ihm zugewiesenen Platz einnehmen – bis hin zur Aufgabe der Deutschen Mark. Hier traf er auf einen willfährigen Bundeskanzler Helmut Kohl, der bereits am 26. August 1986 in Heidelberg mit Blick auf eine mögliche gemeinsame europäische Währung erklärte: „Also dann nur los! Ich bin bereit, mich für Europa vergewaltigen zu lassen.“ Für den französischen Staatschef war die „deutsche Frage“ eine „europäische Frage“. Von einem wiedervereinigten Deutschland sollte keine Störung des europäischen Gleichgewichts ausgehen. Ein neutralisiertes Deutschland, das aus der Sicht Mitterrands das Unheil eines neuen Krieges mit sich bringen könnte, wollte er unbedingt verhindern. Schabert interpretiert die Positionierung Mitterrands wie folgt: „François Mitterrand und das von ihm geführte Frankreich arbeiteten selbstverständlich am Werk der deutschen Einheit mit.“ Selbstverständlich? Versuchten die Franzosen nicht vielmehr, der Wiedervereinigung, die sie nicht mehr verhindern zu können glaubten, soweit wie möglich ihren Stempel aufzudrücken? Schabert bezieht sich in seiner Argumentation immer wieder auf seinem privilegierten Zugang zu geheimen Präsidialakten. Ein Zugang, der anderen Rezensenten wie Urs Bitterli in der Neuen Zürcher Zeitung oder Klaus Hildebrand in der Zeit die Kritikfähigkeit getrübt zu haben scheint. Schabert sei, so betont der Bonner Politologe Hildebrand, aufgrund seines „privilegierten Quellenzuganges“ zu „bedeutenden Ergebnissen“ gekommen. Angeblich kennt Schabert alle relevanten französischen Akten: von den Protokollen des französischen Ministerrats angefangen über die Aufzeichnungen der Berater Mitterrands, die Berichte Pariser Diplomaten, die Analysen des französischen Außenministeriums bis hin zu den Dokumentationen von Gesprächen des Staatspräsidenten mit ausländischen Staatsmännern. Darüber hinaus hat Schabert mit den wesentlichen Protagonisten auf deutscher und französischer Seite Interviews geführt. Die Auswertung dieser Interviews leidet indes an einem entscheidenden Mangel: Bei Schabert werden die Aussagen der Interviewpartner unterderhand zu historischen Wahrheiten. Die Methode der Quellenkritik scheint er nur ansatzweise zu kennen. Doch damit nicht genug. Quellen, die eine andere Interpretation als die von Schabert vertretene nahelegen, sind dem Autor offensichtlich nicht bekannt. In diesem Zusammenhang sei nur auf die von Mitterrands Mitarbeiter Jacques Attali dokumentierte Äußerung vom Oktober 1989 verwiesen, als Mitterand sagte, daß jene, die von der deutschen Einheit sprächen, „keine Ahnung“ hätten, denn die Sowjetunion würde eine Einigung Deutschlands niemals akzeptieren. Zu allem Überfluß ermüdet Schaberts Buch durch langatmige pseudophilosophische Passagen. Dies setzt bereits im ersten Kapitel ein, das geradezu lyrisch anhebt: „Schöpferische Macht ist lautlos. Denn sie ist Denken zuerst.“ Unübersehbar ist die Selbststilisierung des Autors, der nicht oft genug darauf verweisen kann, wie intim er die Machtzirkel der französischen Hauptstadt kennt, und sich obendrein noch ein Lob für seine „Schaffensdisziplin“ ausstellt. Diesem Selbstlob mag sich der Rezensent an dieser Stelle ausdrücklich nicht anschließen. Mitterrand am 20. Dezember 1989 mit DDR-Ministerpräsident Hans Modrow: Zweimal Deutschland Tilo Schabert: Wie Weltgeschichte gemacht wird. Frankreich und die deutsche Einheit. Klett-Cotta, Stuttgart 2002, gebunden, 592 Seiten, 35 Euro

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