Gott wacht über unserem Fieber

Im Widersprüchlichen gestalten sich die Wunder der Welt. Es schwingt sich auf zu Höhen, kommt der Sonne zu nahe und stürzt zurück ins Nichts. Am 13. November 1922 wird Oskar Werner in Wien geboren. Sein Talent führt ihn schon früh der Bühne zu. Mit knapp 19 Jahren bestreitet er in dem Stück „Heroische Leidenschaften“ sein Debüt im Burgtheater. Für den Bühnen- und Filmdarsteller werden die fünfziger und sechziger Jahre zu seiner Glanzzeit. Die Zeit der großen Schauspieler, der Originale eines Heinrich George und Gustav Gründgens, wird durch ihn fortgeführt. Neben ihm steht nur noch Klaus Kinski. Um das zu verstehen, muß man ihn gesehen haben, seine suggestive Körpersprache, seine jungenhafte, fragile Erscheinung. Er wirkt, als bestünde er aus vitaler Zerbrechlichkeit, die sich zitternd aufbäumt. Die Stimme ist melodiös, vibriert, fast weint sie. Wiener Dialekt läßt Charme hinzutreten. Seine Rollen nehmen seiner Besitz, erlangen dadurch Glaubwürdigkeit. Er spielt, was er ist. So wird er zu einem Schauspieler der Weltklasse, aber auch zu einem „Unbestechlichen“, des Mittelmaßes Unfähigen. Irgendwann fühlt er sich als ein Verkünder des wahren Theaters. Er beklagt den Tod des Ensemble-Theaters, greift den zeitgenössischen Theaterbetrieb an und beharrt auf der Vorherrschaft des Schauspielers. Es ist eine Auflehnung gegen die Maschinerie der Moderne, die den Menschen entmenschend ihrem System der Funktion unterwirft. Seine Versuche, in Eigenverantwortung mit einem „Oskar Werner-Ensemble“ ein Schauspiel-Festival zu gründen, werden zu finanziellen und künstlerischen Mißerfolgen. Die zunehmende Verbitterung führt ihn bis zur Verweigerung, Gegenwartsleugnung, unerfüllbarer Zukunftsphantasie und alkoholischer Selbstvernichtung. Der Schauspieler kommt nicht mehr seinen Verpflichtungen nach und stürzt. Am 23.Oktober 1984 stirbt Oskar Werner vor Antritt einer Lesetournee an Herzversagen in Marburg. Eine Ausstellung des Deutschen Theatermuseums in München breitet Leben und Werk des Akteurs aus. Gezeigt werden zeitgenössische Filmplakate, eine Fülle von Film- und Bühnenphotos und Autographen. Zwei Leinwände präsentieren fortlaufend prägnante Ausschnitte aus seinen Filmen, wie etwa Lola Montez von 1955. Im letzten Raum ruht seine Totenmaske. Eine Tonkonserve läßt Oskar Werner wiederauferstehen: „Gott wacht über unserem Fieber. Sein Mantel breitet sich über die Unruhe der Menschen…“, vibriert fast klagend seine unvergeßbare Stimme aus Antoine de Saint-Exupérys „Hymne an die Stille“. Das Fimmuseum zeigt begleitend zur Ausstellung alle Oskar Werner-Filme und bietet damit reichlich Gelegenheit für eine Ruhepause des Fernsehapparates. Die Ausstellung zu Oskar Werner im Deutschen Theatermuseum in München, Galeriestr. 4, ist bis zum 13. April täglich außer montags von 10 bis 16 Uhr zu sehen. Info: 089 /21 06 91-0

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