Gepflegte Langeweile

Im viktorianischen England, auf dem Höhepunkt des Industriezeitalters, versammeln sich 1899 unter Führung des charismatischen Abenteurers Allan Quatermain (Sean Connery) allerlei Helden, um sich in den Dienst der britischen Regierung zu stellen. Direkter Auftraggeber ist der Geheimdienstchef „M“ (Richard Roxburgh), ein aus James-Bond-Filmen bekanntes Pseudonym. Als Ziel der Truppe wird demnach einmal wieder die Rettung der Welt formuliert, welche diesmal durch das „Phantom“, einen maskierten Größenwahnsinnigen, brutalen Unterdrücker und Besitzer neuartiger Waffentechnologie, bedroht erscheint. Während einer Konferenz der Staatsoberhäupter in Venedig will das „Phantom“ eine Kette von Bombendetonationen inszenieren, der die Lagunenstadt zum Opfer fallen würde. Die Nationen sollen durch diesen Plan gegeneinander aufgewiegelt werden, einen Weltkrieg beginnen, in dessen Verlauf „das Phantom“ die Weltherrschaft übernehmen kann. Die Helden, die sich dem „Phantom“ entgegenstellen, sind Figuren der Weltliteratur: Der bereits erwähnte Abenteurer und Entdecker von König Salomons Schatzkammern Allan Quatermain (Sean Connery), Tom Sawyer (Shane West), H.G. Wells‘ „unsichtbarer Mann“ (Tony Curan), Draculas Opfer Mina Harker (Peta Wilson), Jules Vernes Kapitän Nemo (Naseeruddin Shah), Dorian Gray (Stuart Townsend) sowie Dr. Jekyll alias Mr. Hyde (Jason Flemyng). Alle sind überzeugte Individualisten, gesellschaftliche Außenseiter mit besonderen Fähigkeiten. Mit Hilfe des Unterwasserbootes „Nautilus“ fahren sie nach Venedig. Während der Fahrt kommt es zu Verbrüderungen und Rivalitäten. Quatermain und Nemo versichern einander ihren Respekt. Quatermain freundet sich auch mit dem jungen Sawyer an, der ihn an seinen verstorbenen Sohn erinnert. Sawyer wiederum interessiert sich für Mina, doch diese will nichts von ihm wissen und verfällt dem Charme des Dorian Gray. Rodney Skinner, der „unsichtbare Mann“, nutzt seine Fähigkeit, um die Kollegen auszuspionieren, und macht sich damit verdächtig und unbeliebt. Dr. Jekyll indes befindet sich im ständigen Konflikt mit seinem bedrohlichen Alter Ego. Schließlich entdecken Nemo und Quatermain erste Hinweise darauf, daß einer unter ihnen ein Verräter sein muß und für das „Phantom“ arbeitet … Der Film basiert auf einer Idee des Comic-Autors Alan Moore, der 1999 seinen preisgekrönten Comic „The League of Extraordinary Gentlemen“ schrieb. Die Romanfiguren begegnen sich in einer neuen Geschichte. Sie werden also in dem Film von Romanfiguren zu literarisch bekannten Realfiguren verändert, die sich wiederum in einer neuen Geschichte literarisch bzw. filmisch verarbeiten lassen. Zahlreich sind dabei die Anspielungen und Verballhornungen der ursprünglichen Buchvorlagen. Zentrale Figuren der klassischen Abenteuer- und phantastischen Literatur werden in diesem Film durch die Überhöhung ihrer Eigenschaften und Fähigkeiten zu „Superhelden“ transformiert, so daß aus ihnen eine „Liga der außergewöhnlichen Gentlemen“ entsteht. Die Stiftung Lesen verlautbarte zu der Verbindung von charakterlich sehr unterschiedlich angelegten literarischen Figuren: „Die Wesensveränderungen machen alle zu seltsamen Gefährten, bei denen man nicht weiß, ob sie auch als Team funktionieren können.“ Die Milizen des „Phantom“ werden in Uniformen dargestellt, die an Soldaten der deutschen Historie erinnern. Das Spiel mit negativ besetzten deutschen Militär-Assoziationen ist ein häufig zu beobachtendes Mittel vor allem des historisch gewandeten amerikanischen Abenteuer-Genres, bis hin zum Science-Fiction- oder James-Bond-Filmen. Immerhin konterkariert Norringtons Film diese Tendenz, indem er sie auch als ein bewußtes Täuschungsmanöver des „Phantoms“ entlarvt. Die Angehörigen der Liga lassen sich aus patriotischen, aber vor allem egoistischen Gründen für die Mission anheuern. Quatermain wird angelockt von der Aussicht, wieder einen ehrenvollen Kampf zu kämpfen. Nemo, der wegen Hochverrats angeklagt ist, wird Amnestie in Aussicht gestellt. Mina Harker und Rodney Skinner wird von „M“ eine neuartige Behandlung von Vampirismus und Unsichtbarkeit in Aussicht gestellt. Dorian Gray wird durch den Charme Mina Harkers angezogen. Ebenso der junge amerikanische Geheimagent Sawyer, der der Liga aus eigenem Antrieb beitritt. „Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen“ bietet wenig Interessantes, vielmehr dominiert gepflegte Langeweile. Mr. Hyde wirkt kaum wie ein triebhaftes Gegenbild des blassen Dr. Jekyll, sondern vielmehr als reines Monster; ein muskulöser Riesen, der viel mit der amerikanischen Comic-Figur „Hulk“, nichts aber mit der literarischen Vorlage von Robert Louis Stevenson gemein hat. Dorian Gray wiederum stirbt nicht wie in Oscar Wildes Roman durch die Zerstörung seines Porträts, sondern schon beim Anblick seines gemalten Antlitzes. So ließe sich noch viel über derlei banausische Banalitäten äußern. Der Film ist nur ein weiteres gängiges amerikanisches Action-Spektakel, eine Materialschlacht mit zweifellos opulenter, diesmal an das Fin de siècle angelegter Ausstattung, aber mit stereotypen Charakteren und einer vorhersehbaren Handlung. Figuren der Weltliteratur: Dr. Jekyll (J.Flemyng), Dorian Gray (S. Townsend), Kapitän Nemo (N. Shah), Allan Quatermain (S. Connery), Mina Harker (P. Wilson), Rodney Skinner (T. Curran) und Agent Sawyer (S. West)

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