Genius hinter der Kamera

In den Anfangsjahren der Weimarer Republik entstanden eine große Anzahl von Filmen, die später zu Recht als „Klassiker“ bezeichnet wurden. Meisterwerke wie Fritz Langs „Nibelungen“ oder „Metropolis“, Robert Wienes „Kabinett des Dr. Caligari“, Paul Wegeners „Golem“, Georg Wilhelm Pabsts „Die freudlose Gasse“ oder Ernst Lubitschs „Madame Dubarry“ haben bis heute nichts von ihrer faszinierenden Magie eingebüßt. Auch Friedrich Wilhelm Murnaus Filmkompositionen „Nosferatu“, „Der brennende Acker“, „Der letzte Mann“ oder „Faust – Eine deutsche Volkssage“ gehören zweifellos zur gleichen Qualitätskategorie. Bis zum Mai kann sich jeder Interessierte im Rahmen einer Ausstellung des Berliner Filmmuseums ein Bild von dem neben Lubitsch, Pabst und Lang bekanntesten Regisseur des deutschen Stummfilms machen. Murnau wurde am 28. Dezember 1888 in Bielefeld geboren. Die begüterten bürgerlichen Verhältnisse seines Elternhauses gestatteten es, daß er und seine vier Geschwister eine gute Schulausbildung erhielten und hinsichtlich ihrer künstlerischen Interessen gezielt gefördert wurden. 1909 immatrikulierte Murnau sich an der Berliner Universität für Philosophie. Den eigentlichen Zugang zu seiner späteren Karriere erhielt er nach der Aufnahme eines Studiums der Kunstgeschichte an der Heidelberger Universität ein Jahr später. Auf einer Studentenbühne erkannte der bekannte Theaterintendant Max Reinhardt schnell sein Talent und riet ihm zu einer Schauspielausbildung in Berlin. Im gleichen Jahr nahm er den Künstlernamen „Murnau“ entsprechend dem gleichnamigen Ort in Bayern an. 1911/12 absolvierte Murnau eine Schauspielausbildung und wurde gleichzeitig in Regieassistenz geschult. 1913/14 spielte er in kleineren Nebenrollen am Deutschen Theater in Berlin. Nach dem Krieg nahm er im Juni 1918 in Luzern an der Uraufführung seiner Inszenierung des schweizerischen Volksschauspiels „Marignano“ teil, ein Jahr später führte er in Berlin in dem Film „Der Knabe in Blau“ erstmals selbständig Regie. Die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg war in Deutschland durch ein filmisches Schaffen geprägt, das sich neuen Methoden der Gestaltung öffnete und experimentierfreudig zeigte. Nachdem durch den Wegfall der Filmzensur auch inhaltlich die Grenzen gesprengt waren, wurde eine Vielzahl zumeist kurzlebiger Filme mit vordergründig erotischen Inhalten gedreht. Neben dieser frühen „Sexwelle“, die durch die Wiedereinführung einer Filmaufsicht rasch wieder in den Hintergrund trat, hatten phantastische und historische Stoffe die größten Erfolge, die durch eine ausladende Ausstattung und Kostümgestaltung die Bedürfnisse eines Publikums am besten trafen. Auch Murnaus erste Werke handeln von Märchen- und der Sagenwelten, so sein Erstling „Der Knabe in Blau“, „Der Bucklige und die Tänzerin“ oder „Marizza, genannt die Schmugglermadonna“. Erst im Film „Schloß Vogelöd“ (1921) tritt die charakteristische Handschrift Murnaus stärker hervor. Zum einen werden hier dramatische Licht- und Schattenspiele gezielt zur Verdeutlichung des inneren Zustandes der Charaktere verwendet. Zum anderen setzt Murnau das Schaudern und Grauen gezielt als zentrales Gestaltungselement ein; eine Entwicklung, die mit Wienes „Caligari“ ihren Anfang genommen hatte. Noch stärker treten diese Elemente in dem ungleich bekannteren und populäreren „Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens“ (1921) in den Vordergrund, bei dem sich Murnau einer Bearbeitung des klassischen „Dracula“-Stoffes bedient. Auch hier versteht er es meisterlich, Personen zu Objekten ihrer Zwänge zu machen, und damit die scheinbare Sinnlosigkeit des Unterfangens darzustellen, sich gegen den sicheren Tod aufzulehnen. Die Lähmung, zu der das Entsetzen führt, verstärkt das Chaos und bewirkt keine Lösung des Konflikts. Mit den Filmen „Der brennende Acker“ (1921/22) und „Der letzte Mann“ (1924) verließ Murnau zeitweilig die Welt der Sagen und wandte sich stärker realistischen Stoffen zu. In „Der brennende Acker“ stehen die unterschiedlichen Lebensentwürfe zweier Brüder im Mittelpunkt des Geschehens. Während der eine seiner vertrauten bäuerlichen Lebenswelt unbeirrt treu bleibt und zäh nach der Art der Väter dem Boden das Nötigste zur Versorgung seiner Familie abringt, verachtet der andere ein solches Dasein als unattraktiv und versucht durch Spekulationen schnell „das große Geld zu machen“. An diesem Konflikt zerbricht die Gemeinschaft zwischen beiden nahezu vollständig. Das Lob der einfachen bäuerlichen Welt greift Murnau auch in zwischen 1926 und 1929 in Amerika entstandenen Filmen „Sunrise – a song of two humans“ („Sonnenaufgang – Ein Lied von zwei Menschen“) und „Our daily bread“ („Unser täglich Brot“) erneut auf. Der Klassiker „Der letzte Mann“ markiert hinsichtlich der Dramatik bei der Behandlung eines scheinbar alltäglichen Stoffes einen Höhepunkt im Schaffen Murnaus. Eindrucksvoll erzählt er die Geschichte eines alten Hotelportiers (gespielt von Emil Jannings), der aufgrund seiner abnehmenden Leistungsfähigkeit zur Toilettenaufsicht degradiert wird. An dem Verlust seiner durch eine Uniform bislang demonstrativ zur Schau gestellten äußerlichen Würde zerbricht die Hauptfigur innerlich. Allerdings markiert „Der letzte Mann“ auch den Anfang einer Entwicklung in Murnaus Filmschaffen, die sich durch Widersprüche in der letzten Konsequenz der Handlungen auszeichnet. Offensichtlich auf Drängen der Produzenten gab Murnau seinem Drama doch noch die gewünschte Wende zu einem versöhnlichen Schluß, indem er seinem Hauptprotagonisten kurz vor dem Ende noch eine unwahrscheinliche Erbschaft zukommen läßt. Der Zwang, den vermeintlichen Wünschen des Publikums Rechnung zu tragen und selbst scheinbar unlösbare Verwicklungen noch zu einem „Happy End“ zu führen, wird auch in den späteren Werken Murnaus; insbesondere der in Amerika gedrehten, deutlich. Die Veränderungen hinsichtlich der eigentlichen Intention der Filme führen zu inhaltlichen Widersprüchen, die trotz aller Professionalität deren Glaubwürdigkeit mitunter sehr schmälern. Auch in der Verfilmung von Jean Baptiste Poquelins (Moliere) „Tartüff“ gelingt es Murnau mit dem Einsatz äußerst bescheiden und spärlich wirkender Mittel und einer sehr ruhigen Kameraführung, eine Spannung in die Handlung einzubauen, die keinen Vergleich zu heutigen Produktionen scheuen braucht. Bei den Arbeiten zu seinem letzten in Deutschland gedrehten Film von größerer Bedeutung, „Faust – Eine deutsche Volkssage“ standen unzweifelhaft Langs „Nibelungen“ Pate. Murnaus Filme fanden im europäischen Ausland, insbesondere in Frankreich, aber auch in den USA, großes Interesse. Der Regisseur nahm 1926 die Einladung des großen amerikanischen Filmproduzenten William Fox um so lieber an, als ihm hier scheinbar die Möglichkeit eröffnet wurde, ohne die in Deutschland verbreiteten Schwierigkeiten bei der Finanzierung und hinsichtlich der oft etwas rückständigen Technik seine eigenen Wünsche zu verwirklichen. Doch wie auch andere europäische Regisseure und Künstler, die den Weg über den Großen Teich antraten, mußte sich Murnau dort mit weitaus massiveren Eingriffen der Produzenten in die Ausgestaltung der Inhalte anfreunden. 1929 trennte er sich wieder von Fox. In seinen letzten beiden Lebensjahren arbeitete Murnau an dem Film „Tabu“, der sich mit dem Brauchtum von Eingeborenen in der Südsee beschäftigte. Dabei faszinierte ihn die Schönheit der Körper, in denen er alte griechische Ideale wiederzuerdecken glaubte, ebenso, wie die Ungezwungenheit der Menschen abseits der europäischen Moral- und Schulvorstellungen jener Jahre. Bei einer Autofahrt von Hollywood nach Monterey verunglückte Murnau auf einer Küstenstraße und erlag am 11. März 1931 im Alter von nur 42 Jahren seinen Verletzungen. Am 11. April wurde der große Stummfilmregisseur in Stahnsdorf bei Berlin beigesetzt. Foto: Friedrich Wilhelm Murnau (mit Hut) bei Dreharbeiten zu „Der letzte Mann“ mit Emil Jannings (r.) Die Ausstellung ist bis zum 4. Mai 2003 im Filmmuseum Berlin, Potsdamer Straße 2, täglich außer montags von 10 bis 18 Uhr, Do. bis 20 Uhr zu sehen. Tel: 030 / 30 09 03-0, Fax: 030 / 30 09 03-13. Der Katalog zur Ausstellung kostet 25 Euro (im Museum 20 Euro).

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