Frauen sammeln, Männer jagen

Rosalind Franklin hat das Zeug zur feministischen Ikone. Und die brauchen wir heute mehr denn je. Vor allem auf dem Gebiet der Naturwissenschaften. Es nützt der Frauenbewegung wenig, wenn drei Viertel aller Germanistikstudenten dem weiblichen Geschlecht angehören und von den arbeitslosen Germanisten sogar achtzig Prozent. Die berühmten Seilschaften in höhere Führungsetagen lassen sich im Seminar über Hexenverfolgung nicht knüpfen. Gesucht werden Techniker und Naturwissenschaftler, aber dort überwiegt immer noch der männliche Anteil. Als mögliche Erklärung dieser Tatsache kann das Schicksal der englischen Biophysikerin Rosalind Franklin dienen. Die attraktive und begabte Wissenschaftlerin verzichtet auf Mann und Kind, um sich ganz ihrer anspruchsvollen Aufgabe im Zentrum des Fortschritts zu widmen – und wird von arroganten und frauenfeindlichen Kollegen gemobbt und schließlich als unbequeme Konkurrentin ausgeschaltet. Steigernd wirkt der historische Augenblick und seine unverwechselbare Atmosphäre im Cambridge der frühen 1950er Jahre. Alles sieht noch so aus wie vor dem Krieg und die Jahrzehnte davor. Doch hinter den efeubewachsenen Collegemauern braut sich nebelschwadenartig die genetische Revolution zusammen. Von hier geht etwas aus, das eines Tages zur geschlechtsneutralen Produktion von blau-rosa-karierten Bestellkindern führen wird – der Traum aller Penetrationsfeindinnen. Franklin gehört zu den Wissenschaftlern, die vor genau fünfzig Jahren die Struktur der Erbsubstanz, die sogenannte Doppelhelix, entdeckten. Bejubelt werden dafür im Jubiläumsjahr allerdings nur zwei Männer, James Watson und Francis Crick. In aller Bescheidenheit hatten die beiden sich vorgenommen, die DNS zu knacken. Leider fehlten ihnen dafür die fachlichen Voraussetzungen, und so bedienten sie sich weiblicher Hilfe – selbstverständlich, ohne die Dame im Hintergrund zu nennen. Aufgedeckt wird diese Diskriminierung nun durch eine umfassende Biographie Franklins von der englischen Autorin Brenda Maddox. Gerade erst war bekannt geworden, daß es sich bei der Desoxyribonucleinsäure um den Stoff handelt, aus dem die Chromosomen sind. Nun fragte man sich, auf welche Weise die genetische Information darin gespeichert sei und wie sie an die nächste Generation weitergegeben werde. Um diese Fragen zu klären, reicht die Kenntnis der einzelnen Bestandteile des DNS-Moleküls – Phosphatgruppe, Zucker und Basen – nicht aus. Wie bei den Proteinen liegen die erstaunlichen Fähigkeiten auch hier in der räumlichen Struktur des Riesenmoleküls begründet. Doch wie sieht diese Struktur aus? Crick ist kein Biologe, sondern Physiker und hat mit 35 Jahren seine Dissertation immer noch nicht beendet. Watson ist zwar mit 23 schon promovierter Biologe, hat aber, wie er selbst sagt, jede Lehrveranstaltung in Richtung Chemie ängstlich gemieden und sich am liebsten mit Vögeln beschäftigt. Eines Tages liest er in der New York Times Book Review eine Besprechung des Buches „Was ist Leben?“ von dem Physiker Erwin Schrödinger. Seitdem ist Watson klar, welches wissenschaftliche Ereignis die Welt demnächst erschüttern wird: die Entdeckung der DNS-Struktur. Als der hochaufgeschossene Amerikaner im Cavendish Laboratory in Cambridge auftaucht, um sich die nötigen Kenntnisse für seine ehrgeizigen wissenschaftlichen Pläne „mal eben schnell“ anzueignen, ist nur einer begeistert: Francis Crick, denn der hat von seiner Doktorarbeit längst die Nase voll. Das Erfolgsgeheimnis des unmöglichen Duos besteht – wie nach den Chargaffschen Regeln – in ihrer Komplementarität. Die Stärken des einen passen jeweils genau in die Lücken des anderen hinein. Während Watson von seinen Vögeln weiß, daß „wichtige biologische Objekte paarweise auftreten“, kann Crick immerhin eine Röntgenaufnahme lesen, wie sie von kristallisierten Molekülen hergestellt wird, um auf deren innere Struktur zu schließen. Freudig stürzen sich die beiden großen Jungen in das Basteln schöner Modelle, doch noch fehlt es ihnen an den notwendigen technischen Daten, so daß die Träume immer wieder in sich zusammenfallen. Doch wozu gibt es Männerfreundschaften? Maurice Wilkins, Leiter des Fachbereichs Physik am Londoner King’s College, arbeitet ebenfalls an der DNS – allerdings mit eigenem Labor, größeren Geldmitteln und mit einer „Assistentin“ namens Dr. Rosalind Franklin, die trotz ihrer Jugend bereits eine Kapazität auf dem Gebiet der Röntgenkristallografie ist. Von ihr kommt jenes Foto Nr. 51, das Watson Ende Januar 1953 „mit dem Unterkiefer klappen und seinen Puls flattern ließ“, obwohl es nichts mit dem Geschlecht der Urheberin zu tun hat. Dezent hätte Wilkins solche Daten trotzdem behandeln müssen, doch der eitle Wissenschaftler kommt gar nicht auf die Idee, daß die netten Kollegen ihm die Beute vor der Nase wegschnappen wollen. Statt dessen genießt er es, sich über die undankbare Arbeit auszuweinen und über Miss Franklin zu klagen, die doch tatsächlich bei der Auswertung des von ihr gelieferten Materials ein Wort mitreden will. Die Konkurrenz zwischen London und Cambridge bricht im gemeinsamen Frauenhaß zusammen. Nur so ist es zu erklären, daß die beiden Wunderkinder am 28. Februar 1953 scheinbar ohne jede experimentelle Vorarbeit ihr Kaninchen aus dem Hut zaubern können. Die Assistentin hat hinter den Kulissen für das reibungslose Gelingen des Tricks gesorgt. Doch das Publikum ist, wenn überhaupt, nur an ihrer BH-Größe interessiert. „Rosy würde gar nicht so übel aussehen“, überlegt Watson während eines Vortrages im King’s, „wenn sie Lippenstift benutzen und irgend etwas Neues mit ihrem Haar anstellen würde.“ Dabei gleicht er selbst einer hautfarbenen Giraffe. Selbstbewußtsein ist alles. Das fängt schon früh an. Wird etwa im Schulunterricht ein Experiment aufgebaut, traben gleich mehrere Knaben heran, betatschen die Instrumente, spritzen mit Wasser und reden ständig davon, wie sie „alles hochgehen lassen“. Und was tun die Mädchen inzwischen? Sie starren verzweifelt ins Buch, um zu begreifen, was eigentlich demonstriert werden soll. Schlechte Voraussetzung für eine wissenschaftliche Karriere. Männer veröffentlichen, was ihnen gerade in den Kopf kommt. Wenn es falsch ist, macht es auch nichts. Linus Pauling, der berühmteste Chemiker damaliger Zeit, schlägt eine Struktur vor und übersieht dabei, daß die Desoxyribonucleinsäure eine Säure ist. Jede Frau hätte sich danach nur noch aus dem Fenster gestürzt. Pauling schiebt einfach den nächsten Aufsatz nach. Als Franklin den Arbeitsvertrag mit dem King’s College unterschreibt, steht darin nichts von der DNS. Sie soll Proteine untersuchen. Kurz darauf gelangt Wilkins an besonders gute Nucleinsäure-Proben: „Wenn sie angesichts der veränderten Aufgabenstellung erstaunt war, dann ließ sich Rosalind dies nicht anmerken.“ Ein Mann, der nur ein bißchen Selbstrespekt hätte, würde die Aufgabe wenigstens ein halbes Jahr lang boykottiert haben. „Es fällt leicht, für Rosalind Franklin große Sympathien zu empfinden“, schreibt der Wissenschaftshistoriker Horace Freeland Judson. „Die Tatsache bleibt, daß sie nie den induktiven Sprung machte.“ Die Biographin versucht eine Verteidigung: „Riskante Spekulationen zu wagen, wäre ihrem Charakter so fremd gewesen, wie ihr Bankkonto zu überziehen oder ein rotes, trägerloses Kleid zu tragen.“ Das mag psychologisch verständlich sein. Nur leider verstehen die Frauen mit den trägerlosen Kleidern meist nicht genug von Röntgenkristallographie, so daß der „induktive Sprung“ wieder den Männern vorbehalten bleibt. Noch bevor Watson und Crick ihren Nobelpreis bekommen, stirbt Franklin mit erst 37 Jahren an Krebs. Nur ein Unsensibler wird das auf ihren leichtsinnigen Umgang mit der Röntgenstrahlung zurückführen. Oh nein, wir haben es hier mit einem Fall von weiblichem Masochismus zu tun. Wenn trockene Physiker wie Schrödinger sich um die Mitte des Jahrhunderts plötzlich für „das Leben“ begeistern, ist Vorsicht geboten. Das Patriarchat setzt zu seiner letzten Schlacht an und zwingt das Geheimnis in die eiserne Klammer seiner verdammten Strukturformel. Das Karzinom der Eierstöcke ist ein stummer Protest gegen das zutiefst unweibliche Unternehmen, an dem sich Franklin auf fremde Weisung beteiligen mußte. Es geht ihr wie vielen Wissenschaftlerinnen, die sich männliche Methoden aneigneten und nicht merkten, daß sie damit bereits männlichen Zielen unterstehen. Frauen wissen, was sie können, und streben meist vergeblich nach Anerkennung. Männer wissen, was sie wollen, und es ist ihnen völlig egal, was andere davon halten. Die Biographin hat hervorragende Arbeit geleistet. Sie hat das eher verborgene Dasein der Franklin ans Licht gezogen und einen bewundernswerten Charakter gezeichnet. Sie hat aber vor allem die Detailarbeit der Röntgenkristallographin für den Laien ansatzweise (das ist hier schon viel!) nachvollziehbar gemacht und die Einzelheiten immer wieder mit der grandiosen Fragestellung nach dem Leben als solchem verknüpft. Ein empfindlicher Nachteil bleibt, daß Maddox das Schicksal ihrer Heldin an keiner Stelle mit deren Geschlecht verknüpft. Sie weigert sich sogar, dieses Frauenlos als unglücklich zu bezeichnen. Mag die Arbeit am King’s College nicht ganz zur Zufriedenheit verlaufen sein, vorher in ihrer Stellung am linken Seine-Ufer inmitten echter französischer Intellektueller war Franklin glücklich und nachher als „anerkanntes Mitglied einer internationalen Zunft kluger Köpfe“ erst recht: „Es machte Spaß, dieselben Gesichter in der einen Woche in Baltimore, in der nächsten in New Hampton oder kurz danach in San Francisco oder Madrid zu sehen.“ Der Krebs, na ja, das war Pech, aber sonst weigert sich die Biographin beharrlich, etwas Weiblich-Unterdrücktes in dieser Existenz zu sehen. Das Buch ist insofern paradigmatisch. Es zeigt, wie begabte Frauen über noch begabtere Vorgängerinnen urteilen, ohne die Geschlechterfrage überhaupt zu berühren. Da kommen wir alten Emanzen einfach nicht mehr mit. Foto: Rosalind Franklin inmitten einer Männerwelt: „Irgend etwas Neues mit ihrem Haar anstellen“ Brenda Maddox: Rosalind Franklin. Die Entdeckung der DNA oder der Kampf einer Frau um wissenschaftliche Anerkennung. Campus Verlag, Frankfurt 2003, gebunden, 308 Seiten, 24,90 Euro

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