Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

„Er hatte noch viele tiefe Gedanken“

Am Rand des Münchner Nordfriedhofs, unter leise rauschenden Ahornbäumen, hat Armin Mohler seine letzte Ruhestätte gefunden. Zum Begräbnis des vorletzte Woche im Alter von 83 Jahren verstorbenen Publizisten und Chronisten der „Konservativen Revolution“ haben sich etwa hundert Freunde, Bekannte und Schüler eingefunden. In der Aussegnungshalle steht Mohlers schlichter, heller Holzsarg, bedeckt von einem gelb-weißen Rosengesteck. „Armin Mohler war den Künsten, der Malerei, sehr verbunden. Aber er hatte auch eine geheime Liebe zur Musik, vor allem zu Brahms“, erinnert sich sein Freund, der Kunsthistoriker Bernhard Rupprecht. Als musikalischer Abschiedsgruß erklingt nun ein Klavierkonzert von Brahms im hohen, lichten Raum. In der vorderen Reihe sitzt die engste Familie, Gattin Edith, Sohn Wulf mit seiner Frau Nyamete und der zweijährigen Enkeltochter Elodie. Unter den Trauergästen sind als Vertreter der Carl Friedrich von Siemens-Stiftung, deren Chef Mohler über zwei Jahrzehnte war, der gegenwärtige Vorsitzende Heinz Gumin und Geschäftsführer Heinrich Meier. Mohlers Begräbnis ist ein Treffen bekannter Konservativer. Gekommen sind der Carl-Schmitt-Forscher Günter Maschke, der Verleger Herbert Fleissner und Professor Robert Hepp, dann Gabriele Fernau, die Witwe des unvergessenen Schriftstellers, der Maler Peter Schermuly, Baron Franz Schenck von Stauffenberg und nicht zuletzt Caspar von Schrenck-Notzing, Gründer der Zeitschrift Criticón, der Mohler über Jahrzehnte verbunden war. Auf der Schleife an Schrenck-Notzings Kranz ist zu lesen: „Leser, Mitarbeiter und Herausgeber des ‚alten‘ Criticón“. Es heißt nun Abschied nehmen. Langsam geht der Trauerzug dem frisch geschaufelten Grab entgegen. Ein übergroßes Kruzifix, von der eifrigen Friedhofsverwaltung bereitgestellt, wird zur Seite geräumt, denn Armin Mohler hatte sich der nach links gedrifteten Kirche entfremdet. In seiner kurzen Ansprache hebt Professor Gumin die Verdienste Mohlers um die Carl Friedrich von Siemens-Stiftung hervor. Unter Mohlers Leitung erlebte das Haus im Nymphenburger Schloßrondell seit den siebziger Jahren einen beachtlichen Aufschwung und wurde ein national beachteter „Ort großer, intensiver Debatten“. Erstaunlich sei, daß der „rechte“ Mohler vor allem auch mit linken Referenten diskutiert habe. Die Besucherzahlen gingen in die Tausende, und die Vorträge erschienen später in Buchform, viele wurden auch im Rundfunk gesendet. Der junge Verleger Götz Kubitschek, Leiter der Edition Antaios, übernimmt es, auf Mohlers politisch-ideelles Vermächtnis einzugehen. Mohlers „Wucht in Sprache und Auftritt“ sei nicht zu ersetzen, doch „die Schüler der dritten Generation beharren auf der geistigen Gegenwart Armin Mohlers“. Fünf Lehren für die Zukunft der Konservativen gelte es aus Mohlers Schriften und Vorbild zu ziehen, sagt Kubitschek: Zuerst die „Unbekümmertheit des Vorstoßes“, wenn der richtige Moment gekommen sei. Mit der „Befreiung der Gestalt“ lasse sich ein Blick fürs Wesentliche finden. Dann, in Anspielung auf Benn, die „Hochschätzung der Form“, die Behauptung des Konkreten. Zuletzt habe ihn an Mohler die Breite seiner Interessen und die „Bewaffnung der Sprache“ fasziniert, bekennt Kubitschek. Die deutsche Presse reagierte verhalten auf die Nachricht vom Tode Armin Mohlers. Vorbei die Zeiten des hysterischen Exorzismus, als ein Claus Leggewie fragend anregte: „Muß man Mohler verbrennen?“ In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung veröffentlichte Henning Ritter einen wohlwollenden Nachruf. Unter der Überschrift „Bockigkeit als politische Leidenschaft“ schrieb er: „Die Skandale, die Mohler durch seine Zeitungsartikel auslöste, pflegten sich rasch als Produkte der panischen Wahrnehmung der Sittenwächter der Republik herauszustellen.“ Auch die Süddeutsche Zeitung äußerte sich erstaunlich anerkennend zu Mohler: „Sein Handbuch zur ‚Konservativen Revolution‘ ist … ein Standardwerk geblieben. Man kann es lesen als ein Manifest eines zornigen Menschen, der jeglichen Konsens für langweilig und tragisch hält.“ Dabei hätten ihn Gegner wie Freunde mißverstanden, auch Botho Strauß, der Mohler als Vorkämpfer der intellektuellen „Gegenreformation“ bewundert. Man müsse ihn sich, behauptet Alexander Kissler in der SZ, „wohl eher als streitlustigen Kobold vorzustellen, der, furiengleich, die Aufklärung vor sich her trieb“. Blanken Unsinn verbreitete die Welt in ihrem ebenso reißerischen wie dürftigen Kurznachruf. Journalistische Recherche scheint dem Schreiber, Rolf Schneider, ein Fremdwort zu sein. So verließ er sich auf „glaubwürdige Überlieferung“ und gab per Ferndiagnose eine aberwitzige Analyse von Mohlers Kunstvorlieben. Anstatt der Sowjetkünstler „Tatlin, Malewitsch, El Lissitzky und Gontscharowa“, wie Schneider behauptete, hat Mohler in Wirklichkeit Russen des 19. Jahrhunderts gesammelt, zum Beispiel den klassizistischen Maler Brüllow, die Realisten Levitan und Repin oder den Neoromantiker Wrubel. Auch die mexikanischen Maler des Muralismo, Rivera, Orozco und Siqueiros, schätzte Mohler, ebenso Künstler aus der DDR wie Tübke, Mattheuer, Sitte und Heisig. Dem Welt-Versteher Schneider hätte dieses Tatsachenwissen jedoch die schöne Pointe vermasselt, wonach Mohler die „rote Variante einer ästhetischen Bewegung … von faschistischer Gesinnung“ bewundert habe. Viele Gespräche nach der Beerdigung drehen sich um Armin Mohlers künstlerischen wie politischen Qualitätssinn. „Durch seine Beschäftigung mit der ‚Konservativen Revolution'“, erinnert sich Schrenck-Notzing an seinen Freund, „kannte er eine Menge sehr guter Autoren.“ Für den Sohn hatte Armin Mohler „die Lebenshaltung eines rechten Bohemien“. Wulf ist politisch wie beruflich andere Wege gegangen. Als Ethnologe hat er lange im Ausland, in Afrika, gearbeitet, auch seine Frau stammt aus dem Kongo. Während Wulfs Augen schweifen, erzählt er vom Vater, der die letzten Jahre von Alter und Krankheit schwer gezeichnet war. „Er hatte noch viele tiefe Gedanken, aber es fehlten ihm zuletzt die Worte.“ Tausend Worte findet später Günter Maschke, als er Mohler- und Carl-Schmitt-Anekdoten zum Besten gibt. Mit Blick auf Mohlers Dissertation „Die Konservative Revolution in Deutschland“ von 1950 kommt Maschke, der ehemals radikale Linke, ins Schwärmen. „Sein Werk über die ‚Konservative Revolution‘ ist unsere große Landkarte, er hat darin die Grundlinien zur Orientierung gezeichnet.“ Mohler habe gezeigt, daß „Rechtssein“ und Moderne zusammenpaßten. Überhaupt, stichelt Maschke, seien doch „unsere Gegner total verstaubt“, die immer noch am dritten Aufguß der Aufklärung festhielten. „Das sind doch die Ideale der Perückenzeit.“ Fotos: Trauerzug bei der Beerdigung Armin Mohlers auf dem Münchner Nordfriedhof: Es heißt nun Abschied nehmen von einem wuchtigen Geist Beisetzung: Weil Armin Mohler sich der Kirche entfremdet hatte, wurde das bereitgestellte Kruzifix später zur Seite geräumt

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