Eine poppig-bunte Welt

Es wäre ein Trugschluß, zu glauben, daß einmal gestellte Weichen im Kulturbetrieb für alle Ewigkeit nur die Fahrt in eine Richtung zuließen. Moderne Kunst muß keinesfalls nur die Reproduktion von Unästhetik verkörpern oder sich in für den Betrachter nicht nachvollziehbaren Abstraktionen und Installationsskurrilitäten erschöpfen. Nein, allen Unkenrufen zum Trotz: Die figurative Malerei ist keinesfalls tot, es scheint statt dessen, als ob sie vor einer großen Renaissance in Deutschland steht. Dies beweisen nicht zuletzt zwei Ausstellungen, die derzeit in Frankfurt am Main zu besichtigen sind. In der Schirn Kunsthalle findet die in Kooperation mit dem Pariser Centre Pompidou entstandene Ausstellung „Lieber Maler, male mir…“ statt, die eine Werkschau des modernen internationalen Realismus sein will. Dabei geht es in den Darstellungen nicht um die Wiedergabe eines naiven Glaubens an „Authentizität“ durch Kunst, wie sie dem klassischen Realismus des späten 19. Jahrhunderts angehaftet haben mag. Der Ausstellungsprospekt stellt klar: „Seit Anfang des 20. Jahrhunderts wurde die Gültigkeit realistischer Darstellungsweisen von den Verfechtern der abstrakt-konzeptuell gefärbten Moderne als politisch und ästhetisch reaktionär abgelehnt. Die Ausstellung zeigt, daß die Annäherung an figurative Malerei nicht notwendig die Gestalt eines Rückzugs auf traditionelle Formen realistischer Darstellung haben muß. Realistische Malerei gibt sich heute provokant, kritisch, ironisch und emotional (….) Die hier versammelten Künstler widerlegen die These des immer wieder angekündigten Todes figurativer Malerei.“ Den Ausgangspunkt der Ausstellung bilden erotische Aktbilder Francis Picabias, der sich nach dem Durchlauf zahlreicher Avantgarde-Moden in den dreißiger und vierziger Jahren auf das Figurale besann und damit auf Ablehnung unter seinen modernen Künstler-Kollegen traf. Es folgen Arbeiten verschiedener Realisten von den fünfziger bis zu den achtziger Jahren, beispielsweise Alex Katz‘ von der Pop-Art beeinflußten Sittengemälde der New Yorker Elite oder Martin Kippenbergers ironische Porträts, unter anderem von Helmut Schmidt, Harald Juhnke oder Ronald Reagan. Interessant aber vor allem sind die jüngeren Nachwuchskünstler. Peter Doig (geb. 1959) präsentiert fast mystisch erscheinende Landschaftsbilder: Ein Winterwald, ein Kanufahrer vor einer märchenhaften Insel, was wie eine modernisierte Kombination aus George Kaleb Bingham und Arnold Böcklin wirkt. Eindeutig sind die Verweise auf die Romantik und das Thema „Mensch und Natur“. Enoc Perez (geb. 1967) präsentiert Abbildungen junger Partygirls, verfremdet durch eine Art Frottage-Technik. Kurt Kauper (geb. 1966) liefert in meisterhafter Stilsicherheit monumental angelegte Ganzkörperbilder, heroisch blickende Operndiven oder einen nackten Cary Grant in zerbrechlich erscheinender Privatheit. Kai Althoff (geb. 1966) wiederum holt in seinen Bildern verdrängte Teile der deutschen Identität und Geschichte hervor. Man entdeckt preußische Militäruniformen, Darstellungen katholischer Prozessionen, Burschenkappen, Anspielungen auf deutsche Mythologie und Romantik. Gleich gegenüber dem großen Kunstmuseum findet im Haus des Frankfurter Kunstvereins eine weitere Werkschau fast durchgehend gegenständlich ausgerichteter junger deutscher Nachwuchskünstler statt. „deutschemalereizweitausenddrei“ wurde vom Leiter des Kunstvereins Nicolaus Schafhausen mit Unterstützung von René Zechlin kuratiert. Es gelang, über 50 innovative und spannende Positionen zu vereinen. Um Angriffen im voraus zu begegnen, erklärte der Kunstverein in einer Pressemitteilung: „Viele der an deutschemalereizweitausenddrei teilnehmenden Künstlerinnen und Künstler sind keine ‚klassischen‘ Maler. Sie arbeiten häufig parallel in verschiedenen Medien und verschiedenen Professionen, betreiben eigene Ausstellungsräume, geben Zeitschriften heraus, organisieren Performances oder Austauschprojekte mit anderen Künstlern. Ihr Interesse an Malerei resultiert in vielen Fällen aus der Unmittelbarkeit des Mediums und dem Wunsch nach dem Original, der Behauptung der Subjektivität. In einer Gesellschaft, die nach objektiven Maßstäben strebt, ist gerade diese Haltung so sympathisch: sie machen sich angreifbar – und kommentieren damit genau das, was ihnen all zu oft vorgeworfen wird: Restauration.“ Die Werkschau enttäuscht den aufgeschlossenen Betrachter keinesfalls. Mehrfach trifft man auf vom Fotorealismus beeinflußte Arbeiten: Eberhard Havekosts verwischt wirkende Fotografen-Abbildungen, Antje Majewskis Szenen aus einem Moskauer Gefängnis oder Frank Bauers beeindruckende großformatige Gemälde zum das Thema Musikkonzert, bei dem die Masse der wartenden oder tanzenden Gäste ebenso verewigt wurde wie die Musiktechniker hinter den Apparaturen. Ausgesprochen fröhlich, lustvoll, ja poppig-bunt agieren zahlreiche Künstler. Katharina Wulff verausgabt sich an farbigen Blütenstrukturen mit Vögeln, Bernhard Martin liefert grelle, erheiternde Bildcollagen im Großformat, Corinne Wasmuth aufwendig verarbeitete Szenenfetzen einer nächtlichen Großstadt, deren farbige Lichtreflexe sich zu kristallinen Strukturen zu verbinden scheinen. Eine nachdenkliche Szene vor dem Ost-Berliner Thälmann-Denkmal in Senfgrün zeigt Hendrik Krawen. Daniela Wolfer hat sich die ungewöhnliche metallische Arbeitsfläche Aluminium für das Auftragen der Lackfarbe ausgewählt und dadurch sehr innovative Effekte erzielt. Ästhetisch hervorzuheben sind außerdem Gabi Hamms sensible Frauenporträts, Silke Otto-Knapps impressionistisch angehauchte Aquarelldarstellungen im türkisen Licht gestellter Landschaften und Tim Eitels beeindruckende und rührende Darstellungen menschlicher Rücken- und Seitenansichten vor grünen, leicht abstrahierten Sommerszenerien. Sehr aus dem Rahmen des gängigen Kunstbetriebs fallen die Arbeiten Kiron Khoslas und Dirk Bells. Khoslas Gemälde wirken von der Ferne wie traditionelle japanische Szenerien. Doch auf den zweiten Blick entdeckt man, daß allein die Anordnung der figurativen Elemente fernöstlichen Charakter aufweist, und man statt dessen vom Fantasy beeinflußte Collagen vor sich sieht: Mittelalterliche Ritter, indische Götter, Burgen und Fabelwesen bevölkern die Leinwand. Dirk Bell hingegen zeigt drei phantastisch-romantisch beeinflußte dunkle Waldbilder, hohe Bäume im Mondlicht, Wölfe, von Frakturschrift durchsetzte Ornamentik-Gemälde auf hohem Niveau, die, so sie einmal entdeckt werden, in der „Gothic“-Szene Kultcharakter erlangen könnten. „Es ist schön, daß wieder gemalt werden darf“, äußerte nach dem Werkschau-Besuch eine junge Graphikerin gegenüber dem Autor. „Diese starke Reduzierung auf Videotechnik und Rauminstallationen war man irgendwann richtig leid.“ Bilder: Martin Kippenberger, Ohne Titel (1981): Ironische Porträts u. Tim Eitel, „Krümmung“ (2002): Rührende Darstellungen

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