Ein Priester mit spitzer Feder

Ob es um die "Politisierung des akademischen Diskurses" geht oder um die "Verwandlung des Theaters in Unterhaltung", um die "Parallelen von Stasi und Verfassungsschutz", um "Maske und Mimesis im Internet" oder "Die Ablösung Gottes durch den Holocaust", um Politik, Kultur oder Philosophie – die Artikel, Vorlesungen und Diskussionsbeiträge des publizierenden Philosophen Günter Zehm treffen so gut wie immer einen Nerv, stoßen Denkvorgänge an, schenken Lesevergnügen. Und manchmal sorgen sie für Aufregung. Gleichgültig lassen sie nicht. Wie kaum ein zweiter in unserer Zeit verbindet der Vollblutjournalist und Professor der Philosophie ein tief grundiertes Wissen und eine stupende Belesenheit mit einer bei allem Temperament doch gezügelten Disziplin des Geistes und einer ausgereiften Kunst des Schreibens.

Vielleicht am charakteristischsten für die Spannweite seiner Themen, seinen schriftstellerischen Fleiß und die Akzeptanz seines Wirkens ist seine wöchentliche "Pankraz"-Kolumne , die mit nur ganz kurzen Unterbrechungen seit 1975 erscheint, im immer gleichen Umfang – zuerst über viele Jahre in der Welt, später im Rheinischen Merkur und seit 1995 in dieser Zeitung. "Pankraz" dürfte damit die am längsten durchgehaltene aus nur einer Feder stammende Kolumne der deutschen Pressegeschichte sein.

Mit seinen rund vier Jahrzehnten als schreibender Journalist gehört Günter Zehm zum Urgestein des deutschen Journalismus. Fast fünfzehn Jahre lang leitete er den Kulturteil der Welt, markierte und gestaltete kulturpolitische Positionen, machte das im Grunde einzige nicht-linke Feuilleton, das es in ganz Deutschland gab, manchmal im Gedankenaustausch mit seinem Verleger Axel Springer, manchmal auch den unvorhersehbaren Machtspielen eines schwierigen Verlagskonzerns überlassen.

Man merkt die Erfahrung auch seinem "Pankraz" an: Scheinbar mit leichter Hand geschrieben, so pointiert wie locker, essayistisch in der Form, manchmal humorvoll, immer wieder kämpferisch und voller Verachtung gegenüber dem Treiben der herrschenden politischen Klasse, mit philosophischem Tiefgang, beleuchtet er wichtige und strittige Zeitfragen. Größere Rücksichten auf die verbreitete "Political Correctness" und übertriebene Angst vor Tabus sind ihm fremd. Der Philosoph, sagt Zehm, ist eben ein "verkappter Priester", der seine Meinung sagen muß, auch wenn er dafür nicht gelobt wird.

Natürlich hat die Kolumne ihren Namen von Gottfried Kellers "Pankraz der Schmoller", doch wäre auch der "Allesbeherrscher", das bedeutet der aus dem Griechischen abgeleitete Name "Pankraz", keine schlechte Erklärung für den Anspruch, den sie stellt. Souveränität und Mut, die sie auszeichnen, verdanken sich dem Charakter des Autors und auch seinen in der Jugend gemachten existenziellen Erfahrungen.

Geboren und aufgewachsen in der sächsischen Textilstadt Crimmitschau, nicht weit von Zwickau, war Günter Zehm wenig älter als zehn, als er die Macht der Geschichte zum ersten Mal erfuhr. 1944 sah er den Vater, der schon längst zur Wehrmacht eingezogen war, ein letztes Mal: ein Blitzbesuch anläßlich der Verlegung seiner Einheit nach Osten. Die Zeit reichte gerade zum Kaffeetrinken. "Zwischen den Tassen lag sein Stahlhelm." Ein paar Monate später kam die Todesnachricht aus dem "Kurlandkessel".

Im April 1945 erlebten die Crimmitschauer das Einrücken der Amerikaner und ein paar Monate später den Schrecken, daß man die ganze Gegend den Russen übergab. Für Kriegerwitwen gab es nun keine Unterstützung mehr. Als Textilarbeiterin versuchte die Mutter, die Familie durchzubringen. Der Hunger begleitete die nächsten Jahre – ein bleibender Eindruck.

In der Oberschule lernte dieser magere und nervöse Junge erstaunlich leicht. Deutsch, Geschichte, Französisch, Russisch – meist standen "Einsen" im Zeugnis. Für Erika von Hornstein, die "Pionierin des Tonbandinterviews", die sich vor 40 Jahren mit exemplarischen Lebensläufen von Verfolgten des DDR-Regimes befaßte, steht fest: "Er steckte voller Phantasie, und so begann mit fünfzehn Jahren seine romantische Vereinsamung."

Er wehrte sich gegen den Hunger und die materielle Not, indem er sie verachtete. Als Kompensation für das Bedrückende und Gewöhnliche, das ihn umgab, las er. Mit Büchern stillte er seinen Heißhunger. Deutsche und französische Klassiker, die Russen, Dostojewski, in dieser Zeit sein Lieblingsschriftsteller. Mit fünfzehn wühlte er sich durch das Marxsche Traktat über "Lohnarbeit und Kapital" und war überzeugt, mit der Mehrwerttheorie einen Schlüssel der Erkenntnis zu besitzen.

Mit sechzehn trat er in die kommunistische Freie Deutsche Jugend (FDJ) ein. Das Gedankengut des Marxismus-Leninismus eignete er sich ohne Mühe an, am "Fortschritt" mitzuwirken, erschien ihm sinnvoll. Bald hielt er Vorträge, stand oft hinter dem Rednerpult. Er nahm die Sache ernst, doch die Parteifunktionäre, zu denen er sprach, mit ihren eingelernten Worthülsen, fand er "dumm". Sollten das die Wegbereiter des Fortschritts sein?

Schnell kam er dahinter, daß es der Partei mehr um den Machterhalt ging als um das Glück der Menschen. Er kam aus einer Arbeiterfamilie, aus dem Juste Milieu, und wußte, was die Arbeiter in Crimmitschau über den "ersten Arbeiter- und Bauernstaat" dachten. Aber einfach aufgeben, das entsprach nicht seinem Naturell. Vielleicht waren seine Beobachtungen nur Ausnahmen? Vielleicht lag es an der provinziellen Beschränktheit der kleinstädtischen Verhältnisse? Nach dem Abitur wollte er nach Leipzig gehen, Germanistik und Philosophie studieren, Schriftsteller werden, das war sein fester Entschluß.

Doch auf "Rat", also auf Befehl der Partei, wurde er ins Publizistische Institut gesteckt, eine reine Parteiinstitution. Die verlogene, muffige Atmosphäre dort widerte den Studenten Zehm an. Er war zwar nun Kandidat der SED geworden. "Doch mit dem Eintritt in die Partei", lautet ein einleuchtendes Urteil über ihn, "hatte sein innerer Abfall von ihr bereits begonnen."

Der 17. Juni 1953 war der nächste Schritt. Zehm machte gerade ein journalistisches Praktikum in Zwickau, als die Arbeiter im Arbeiterstaat gegen Unterdrückung und Ausbeutung marschierten. Er konnte sie von der Druckerei aus sehen, ihre Sprechchöre hören, während die DDR-Sender die Mär vom "faschistischen Putsch" verbreiteten.

Erst nach drei Semestern schaffte er es, ans Philosophische Institut zu kommen. Dort war seit 1948, nach seiner Rückkehr aus der Emigration und seiner Berufung zum Professor der Philosophie, Ernst Bloch Direktor, der "Philosoph der humanen Gesellschaft". Der schillernde Bloch war Mitglied der KPD und lange ein Bewunderer von Josef Stalin. In der DDR erlebte er die Wirklichkeit des Kommunismus etwas näher, und dies beflügelte seine allmähliche politische Wandlung. Ohnehin stand sein Hauptwerk, "Das Prinzip Hoffnung", im Widerspruch zum realen Sozialismus der DDR. Immer häufiger und offener kritisierte er die SED.

Zehm war von diesem Philosophen fasziniert, und dieser von dem Studenten Zehm. Nach einem fulminanten Seminarreferat über drei "Lieblingsphilosophen" (Paracelsus, Jakob Böhme und Leibniz) zog ihn der "große" Bloch als seinen Schüler an sich und nannte ihn "Herr Kollege".

In seiner Examensarbeit über marxistische Anthropologie charakterisierte Zehm den Stalinismus als die radikalste Form der menschlichen Selbstentfremdung und wies nach, daß sie auch im SED-Staat regierte. Dafür bekam Zehm ein rotes "Vorsicht!" in seine Parteiakte. Assistent Blochs in Leipzig durfte er nicht mehr bleiben. Doch der brachte ihn als wissenschaftlichen Assistenten für Philosophie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena unter – bis auf weiteres.

Der Ungarn-Aufstand vom Oktober 1956 beschleunigte die Ereignisse. In der DDR wurden die Kritiker zur Räson gebracht. Zuerst traf es die philosophischen Institute in Berlin, Leipzig und Jena. Wolfgang Harich und andere verschwanden in Stasi-Untersuchungshaft. Zehm schrieb dazu ebenso ahnungsvoll wie rührend in sein Tagebuch: "Ich muß die große Kunst lernen, durch Schweigen zu reden." Doch schweigen konnte er schon damals nicht, wenn Beamte oder Funktionäre sich anmaßten, das freie Denken durch Verordnungen zu "regeln".

Als Bloch wegen seiner Kritik zwangsemeritiert und als "Verführer der Jugend" gebrandmarkt wurde, kam auch sein gefährlichster Schüler ins Visier. Mit einem Ausschlußverfahren wegen "verworrener idealistischer Thesen" und seiner "Leugnung des Prinzips der Parteilichkeit in der Wissenschaft" markierte ihn die Partei als nächstes Opfer. Zehm, damals 22 Jahre alt, war nun kein Genosse mehr. Postwendend erhielt er von der Universität die Kündigung. Im Juni 1957 nahm man ihn fest und machte ihm den Prozeß mit vorbestimmtem Urteil: vier Jahre Zuchthaus wegen "Boykotthetze".

In Waldheim und Torgau lernte er den sozialistischen Strafvollzug kennen. Ende 1960 entlassen, ging er ein paar Monate später, noch vor dem Mauerbau, nach Berlin und weiter nach Westdeutschland, promovierte bei Theodor W. Adorno und Carlo Schmid in Frankfurt.

Am 12. Oktober wird Günter Zehm siebzig. An der selben Universität, am selben Institut in der Zwätzengasse 9 zu Jena, aus der er wegen "unerlaubter" philosophischer Gedanken von den Betonköpfen der SED einst entfernt worden war, ist er – gleichsam in einem Akt ausgleichender historischer Gerechtigkeit – seit nunmehr zehn Jahren Professor für Philosophie. Er denkt und denkt – und manchmal auch einige von den heute unerlaubten philosophischen Gedanken. Und er schreibt und schreibt. Denn das ist sein Leben.

Probeabo JF 2021 Gratis lesen

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.
aktuelles