Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Ein Ernst August der Historikergilde

Es ist geschafft. Hans-Ulrich Wehler hat den vierten Band seines Lebenswerks „Deutsche Gesellschaftsgeschichte“ – umfassend das Ende des Kaiserreichs, die Weimarer Republik, die NS-Zeit und gerade noch die Anfänge der deutschen Teilung – zum Abschluß gebracht. Insgesamt liegen nun über 4.000 Seiten des 1987 mit einer Darstellung des „Alten Reiches“ (1700-1815) begonnenen Opus vor, das einst vielleicht wie eine überdimensionierte Grabplatte für die von Wehler und seiner „Bielefelder Schule“ kreierte „kritische Geschichtswissenschaft“ wirken könnte. Dieser Schlußstein über das „Zeitalter der Extreme“ löste in Zeit, Süddeutscher Zeitung usw. den zu erwartenden reflexartigen Jubel aus, die üblichen Superlative waren zur Hand, und doch klang das alles schon wie eine Pflichtübung auf Parteitagen, wenn das Geklatsche für den jeweiligen großen Vorsitzenden nur noch dreizehn statt fünfzehn Minuten währt. Es war wohl kaum mehr zu übersehen, daß Wehler hier nichts weiter anbietet als eine exzessive Kompilation der Forschung, katalogisiert, schematisiert und, im monomanischen Stil einer scholastisch-starren Summa, schulmeisterlich qualifiziert nach Bielefelder Maßstäben. Sein linkslibertäres Geschichtsbild, das in den siebziger und achtziger Jahren, im Selbstverständnis der Bonner Republik, geradezu halbamtlich-legitimatorischen Rang beanspruchen durfte , sah sich aber schon vor der „Wende“ von Mentalitätsgeschichte, neuer Ideengeschichte, Kulturgeschichte und selbst dem zaghaft wiederaufgelebtem Historismus in seiner ideologischen Monopolstellung bedroht. Wem an einer zusammenfassenden Darstellung der Epoche nebst ausführlichen Referaten über Stand und Probleme der Forschung gelegen ist, der greife etwa fürs Dritte Reich lieber gleich zu der inzwischen in sechster Auflage in „Oldenbourgs Grundriß der Geschichte“ erschienenen Arbeit des Bonner Historikers Klaus Hildebrand. Man erspart sich damit Wehlers überbordende Polemik, die Freund-Feind-Sortiererei eines erklärten Carl-Schmitt-Hassers, der um so lauter schimpft, je klarer ihm inzwischen geworden ist, daß sein Unterfangen „Geschichtswissenschaft als retrospektive Politik“ (Klaus-Georg Faber) zu etablieren, ein Auslaufmodell ist, das seine Ursprünge selbst noch im „Zeitalter der Extreme“ hat. Das ist scharfsinnigen Beobachtern nicht entgangen, die in Wehlers programmatischem Aufsatz „Geschichtswissenschaft heute“, publiziert in einem von Habermas edierten Sammelband zur „geistigen Situation“ der Alt-BRD (1979), fast homologe strukturelle Übereinstimmungen mit einem älteren Gründungsdokument platter Tendenzhistorie, der Habilitationsrede Wilhelm Giesebrechts von 1859, erkannten. Auch dieser Architekt des „borussischen“, kleindeutschen Geschichtsbildes wollte volkserzieherisch wirken und mußte die Vergangenheit manichäisch auf den Kampf zwischen lichten Fortschrittsgestalten und finsteren Reaktionären reduzieren. Der „Reaktionär“ Giesebrecht wie der „Aufklärer“ Wehler teilen also die Überzeugung, daß die jüngste Geschichte die jeweils beste sein muß. Bei Wehler mag das auch biographisch bedingt sein. Vor kurzem bekannte er sich dazu, Köln als Hitlerjunge „gegen die Amerikaner verteidigt“ und sein Tagebuch „noch ganz in der Propagandasprache“ verfaßt zu haben. Hier offenbaren sich frühkindliche Prägungen, die sich, nach langen Studienaufenthalten in den USA, in den sechziger Jahren zwar andere ideologische Inhalte suchten, die aber den Primat des Weltanschaulichen gegen die Öffnung zu einer „kritischen“ Geschichtswissenschaft, die diesen Namen wirklich verdiente, stets abgesichert hat. Dabei gibt es allen Grund zum Mitleid mit einem von Max Weber inspirierten Leistungsethiker. Denn wer könnte es ihm gleichtun, von den urbanen Reizen Bielefelds nicht eben verwöhnt, seine Tage im westfälischen Workuta damit hinzubringen, Halden zeithistorischer Publikationen zu exzerpieren, zu referieren, zu paraphrasieren? Diesem öden Geschäft muß Wehler über Jahre so verbissen nachgegangen sein wie Thomas Manns Pastorin Höhlenrauch dem Kinderkriegen, bis auch er „keines Gedankens mehr fähig“ war. Der Zweite Weltkrieg auf sechs Seiten? Stets zu Diensten! Die Sozialgeschichte des Dritten Reiches? Kollege Wehler kommt gleich und serviert eiligst Kompott! Wäre er noch nicht emeritiert, hätten ihm die tausend Seiten drei Oberassistenten zusammengeleimt. Zu den eigenen Zutaten zählen nur der altbekannte, einst mit Wehlers „Wiederentdeckung“ des marginalen Werkes von Eckhard Kehr proklamierte „Primat der Innenpolitik“ sowie das Repetieren brüchiger Fritz-Fischer-Thesen von der Kontinuität des „antisemitisch“ eingefärbten „Radikalnationalismus“, die von den Alldeutschen bruchlos zum 30. Januar 1933 führe. Die „charismatische“ Figur Adolf Hitlers wächst deshalb bei Wehler als welthistorischer Alles- und Alleinbeweger in fast kosmische Dimensionen hinein. In schöner Ergänzung zu den Thesen des Geschichtsdenkers und Betroffenheitslyrikers Joschka Fischer, der den Völkermord aus der Luft und die ethnische Säuberung Ostdeutschlands als „Selbstzerstörung“ deutet, scheint es bei Wehler neben dem „Führer und Reichskanzler“ in der Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts vor 1945 keine anderen Akteure gegeben zu haben. Churchill etwa findet sich im Register mit zwei bedeutungslosen Einträgen, Roosevelt fehlt ganz! Dafür ist Marika Rökk berücksichtigt, nebst anderen Ufa-Stars, von denen viele, wie „Gustav“ (statt: Gustaf) Gründgens oder „Christina“ (Kristina) Söderbaum, auch noch falsch geschrieben werden – vermutlich, weil Pimpf Hans-Ulli der „fatalen Wirkung dieser Filmproduktion“, ihrer, wie er nörgelt, regimestabilisierenden, aber eben auch nicht jugendfreien „Seelenmassage“ selbst nicht ausgesetzt sein durfte. Der Eigenanteil, in Gestalt der manichäischen Hell-Dunkel-Obsessionen von „Wehlers Welt“, tritt zudem kraß im Anmerkungsapparat hervor. Wer nicht für ihn ist, ist gegen ihn. Die Arbeiten der „Freunde“ werden stereotyp als „brillant“ oder „glänzend“ gelobt, die der „Feinde“ sind vorwiegend „apologetisch“. Mitunter müssen sich „Feinde“ auch beleidigen lassen, wie Rainer Zitelmann, für Wehler ein „Wirrkopf“, oder Karlheinz Weißmann, der dem „zeitgenössischen Rechtsradikalismus“ zugezählt wird. Solche Entgleisungen finden sich inmitten bibliographischer Fehlleistungen, die vielleicht als altersbedingte Ausfallerscheinungen des 72jährigen Emeritus zu entschuldigen sein mögen, die aber doch unerbittlich dokumentieren, wie schlampig jemand arbeitet, der Bücher, über die er urteilt, nicht einmal so lange in Händen hielt, daß er sich ihren Titel hätte notieren können – also überhaupt nicht! Quellenabstinenz ist ja ohnehin Wehlers Markenzeichen. Denn der opulente Anmerkungsteil verschleiert kaum mehr, wie hier einer nicht aus Primärquellen schöpft, sondern letztlich nur aus Sekundärliteratur ein Stück Tertiärliteratur fabriziert, Regalschmuck für den studienrätlichen Zeit-Leser, Wehlers Zielpublikum. Mehr war von dem Treitschke unserer Tage, dem Idealtyp des politischen Professors, auch nicht zu erwarten. Seit Jahrzehnten liefert Wehler nur Volkspädagogik, erspart sich das Alltagsgeschäft des Historikers, die mühevolle Quellenarbeit, die allein zutage fördert, wie es wirklich gewesen ist. Nicht zufällig kann sein Verlag von ihm neben der „Gesellschaftsgeschichte“ ausschließlich Essaybände mit so beziehungsreichen Titeln wie „Politik in der Geschichte“ anbieten, historiographisch drapierte Tagespublizistik, oftmals regelrechte Pöbeleien eines Mannes, der sich spätestens nach seinen gegen Ernst Nolte gerichteten Tiraden als eine Art Ernst August der bundesdeutschen Historikergilde profilierte. Während des Historikerstreits um die skandalisierte „braune Vergangenheit“ von Hans Rothfels oder Wehlers Lehrer Theodor Schieder war aufgefallen, wie hilflos dieser Großmogul die Anwürfe von Doktoranden konterte, die ihn in ihrem moralischen Rigorismus links überholten und ihn nun selbst als „Apologeten“ denunzierten. Die Erklärung für Wehlers Hilflosigkeit ist einfach: Er stand wieder einmal außerhalb des Forschungsprozesses und kannte noch weniger Quellen als Schieders Ankläger. Wie er angesichts solchen Versagens seinen Ehrgeiz in diesem Band ausgerechnet darauf richten kann, als Kenner der Ideengeschichte und spezieller der Wissenschaftsgeschichte zwischen 1914 und 1949 gelten zu wollen, bleibt sein Geheimnis. Das ist ein Feld, auf dem er selbst nichts vorzuweisen hat, was Wehler aber offenbar durch giftig-gereizte Reaktionen auf die Leistungen anderer, zum Beispiel auf die drei Bände des Münchner Kollegen Helmut Heiber über die „Universität unterm Hakenkreuz“ („diffuser Pointillismus“) kompensieren möchte. Die umfangreichen Passagen, die er darauf verwendet, die Ideenlandschaft der Zwischenkriegszeit zu vermessen und dabei Lieblingsfeinde wie Carl Schmitt nach Kräften zu schurigeln, bewegen sich daher auf einem Niveau, das selbst den Durchschnitt einer solchen Kompilation noch unterbietet. Man vergleiche nur einmal, pars pro toto, zu welchen – zuletzt im „Braunbuch“ der DDR präsentierten – Platitüden Wehler greifen muß, um das Frühwerk des „jungkonservativen“ Staatsrechtslehrers Ernst Forsthoff zu charakterisieren! Wenn ein derartiger intellektueller Verfall nicht trübsinnig stimmen soll, hilft es, sich bei der Lektüre des Wehlerschen Werkes ständig bewußt zu halten, hier einem Abgesang zu lauschen. Die Erzeugnisse „kritischer Geschichtswissenschaft“, der „Geschichte als Historische Sozialwissenschaft“ Bielefelder Prägung, werden in unseren Tagen, mit der Emeritierung ihrer Protagonisten, selbst Geschichte. Wehlers „Gesellschaftsgeschichte“ – ein Staubfänger, irgendwo zwischen Heinrich von Treitschke, Walter Frank und Joachim Streisand.

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