Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Dresden feiert seine Seele

In Dresden werden die Tage gezählt. Noch genau 22 sind es, dann fügen sich am Pfingstsonnabend zum ersten Mal seit mehr als 58 Jahren die Glocken der Frauenkirche in den Kanon der anderen Kirchenglocken der sächsischen Landeshauptstadt. Für die Dresdner ein bedeutendes Ereignis. Seit fast zehn Jahren verfolgen sie gebannt jeden kleinen Baufortschritt, der „ihre Kirche“ aus dem Trümmerschutt, in dem sie am 15. Februar 1945, einen Tag später als das alte Dresden, nach einem alliierten Bombenangriff versank, wieder entstehen läßt. Erst jetzt, wo der noch von einem Wetterschutzdach umgebene steinerne Glockenbau aus der Silhouette der anderen Gebäude herauswächst, wird klar, warum die alten Dresdner so auf den Wiederaufbau dieser Kirche beharrt haben: Ohne dieses Gotteshaus stimmt die Ansicht der Stadt nicht. Denn bis zu ihrer Zerstörung galt die Frauenkirche mit ihrer „steinernen Glocke“ als das Wahrzeichen der Elbestadt. Jahrzehntelang kämpften die Dresdner für die Rückkehr des Anfang des 18. Jahrhunderts von George Bähr geschaffenen Bauwerkes in das Stadtbild. Aber erst durch die friedliche Revolution des Herbstes 1989 gewann der Wunsch und die Vision, aus der Ruine die alte Kirche wieder entstehen zu lassen, Konturen. Im November 1989 gründeten engagierte Dresdner eine Bürgerinitiative für den Wiederaufbau der Frauenkirche. Am 13. Februar 1990 trat diese mit dem „Ruf aus Dresden“ an die Öffentlichkeit. Ein Jahr später beschloß die Synode der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens den Beitritt zu einer zu gründenden Stiftung für den Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche. Ende 1994 wurde schließlich der erste Stein für den Wiederaufbau gesetzt und bereits im kommenden Jahr soll der Steinbau fertiggestellt und mit dem Kuppelkreuz bekrönt werden. Im Herbst 2005 soll die Kirche originalgetreu wiedererstanden sein und geweiht werden. Nachdem der für viele Dresdner weitgehend unverständliche Streit um die künftige Orgel der Kirche für Turbulenzen und negative Schlagzeilen gesorgt hatte, wurde die Ankunft des neuen Geläutes Anfang Mai als mehrtägiges Fest begangen. Als der Sattelschlepper am 2. Mai girlandengeschmückt mit den sieben Glocken durch die Innenstadt fuhr, erklang von den umliegenden Kirchen das Begrüßungsgeläut und die Dresdner füllten das Zentrum, um die Glocken willkommen zu heißen. Waren es an diesem Tag 25.000, die den Glocken in einer Prozession durch die Stadt folgten, so standen einen Tag später wiederum fast doppelt so viel Menschen Schlange, um die auf dem Schlossplatz ausgestellten Glocken zu bewundern, zu fotografieren und auch einmal zu berühren. Eine Nacht lang zitierten sechs Schauspieler des Dresdner Staatstheaters Passagen aus Schillers Lied von der Glocke. Bis sechs Uhr erklang zu jeder vollen Stunde: „Holder Friede,/ Süße Eintracht,/ Weilet, eilet/ Freundlich über dieser Stadt!“ Vor allen den Angehörigen der Kriegsgeneration standen die Tränen in den Augen. Dresden feierte seine Seele. Vielleicht war die Anteilnahme auch so groß, weil die Herstellung der Glocken nicht unproblematisch war. Der erste Guß mißlang: Sechs Glocken bestanden die Klangprobe nicht. So etwas war den Glockengießern der Traditionsfirma Bachert im schwäbischen Bad Friedrichshall zuvor noch nie passiert. Schuld am Mißklang waren die schweren Verzierungen auf der Außenhaut der Glocke. Sie veränderten den Klang. Der wichtige Prinzipalton Prim war zweimal zu hören. Erst im zweiten Anlauf im April hatten die Gießer schließlich Erfolg. Zuvor war in Zusammenarbeit mit dem Künstler Christoph Feuerstein aus Neckarsteinach die „Glockenzier“ abgespeckt worden. Lediglich die Friedensglocke „Jesaja“, die mit 1,4 Metern größte der Glocken, mußte nicht noch einmal gegossen werden. Wie sie tragen auch die anderen einen Namen und einen Spruch aus der Bibel: Jeremia, Josua, Johannes, Philippus, David und Hanna. Dazu kommt „Maria“. Sie ist die einzige erhalten gebliebene Glocke der alten Frauenkirche und stammt aus dem Jahr 1518. Bereits Anfang des 20. Jahrhunderts wurde sie unter Denkmalschutz gestellt, was sie, im Gegensatz zu ihren Gefährtinnen, während des Zweiten Weltkrieges vor der Einschmelzung bewahrte. Mit insgesamt acht Glocken wird die Frauenkirche das „stimmenreichste“ Geläut Sachsens besitzen. Jeweils vier Glocken kommen in die beiden Glockentürme. Allerdings sind die neuen Glocken etwas kleiner als ihre historischen Vorgänger. Ursprünglich verfügte das Gotteshaus über vier Glocken, die aber überdimensioniert waren und für erhebliche Schäden in den Türmen sorgten. Die Neuen werden auch anders klingen, damit „sie sich in das Geläut der anderen Dresdner Glocken einfügen“, sagt Pfarrer Stephan Fritz. Der 43jährige freut sich schon heute, wenn seine Kirche „wieder mit eigener Stimme sprechen wird“. Am 4. Mai erklangen als erstes die drei Töne der Friedensglocke „Jesaja“. Frauenkirchen-Baudirektor Eberhard Burger hatte sie angeschlagen. „Jesaja, wir nehmen dich in den Dienst unserer Kirche“, sprach Sachsens evangelischer Landesbischof Volker Kreß. Die nächsten Worte galten „Johanna“. Erneut verfolgten Zehntausende, wie Kreß jede einzelne der Glocken in einem Festgottesdienst unter freiem Himmel weihte. „Glocken haben einen besonderen Klang, der in unsere Seele führt“, sagte Bischof Kreß in seiner Predigt. Einen Tag später wurde mit dem Aufziehen des neuen Geläuts in die Glockentürme begonnen. Am Pfingstsonnabend sollen von 19.30 bis 20.15 Uhr alle Glocken erstmals über der Stadt erklingen, um das Pfingstfest einzuläuten. Die Frauenkirche meldet sich zurück. Gesellschaft zur Förderung des Wiederaufbaus der Frauenkriche Dresden e.V. Marienstr. 20, 01067 Dresden, Tel. 03 51 / 4 98 19-0, Fax 03 51 / 4 98 19-49, E-Post: office@frauenkirche-dresden.org . Spendenkonto bei der Dresdner Bank, Kto. 04 119 009 00 , BLZ: 850 800 00

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