Die Titanen sind noch fern

Bene vixit, qui bene latuit – Gut lebte, wer gut verborgen blieb. Gleich zwei Männern des 19. Jahrhunderts war dieser Satz als Wahlspruch auserkoren, beide lebten in Dachstuben, wo Ruhe herrschte. Der eine war Jacob Burchhardt in Basel, der andere lebte und malte in München – Carl Spitzweg. Seine Bilder erfreuen sich einer ungeminderten Popularität. Sie haben unsere Vorstellung der Biedermeierzeit von Idylle, Ruhe und Geborgenheit mitgeprägt. Es mag ein Schauder vor der Moderne sein, vor Technik und Hast, vor Entwurzelung und Entseelung, der Spitzwegs Bildern so viele Freunde einbringt. Auf ihnen sind die Titanen noch fern. Hätte Carl Spitzweg allerdings nur in der Idylle gelebt, wären nicht Bilder dieses Formats entstanden. Alles bedarf seines Gegenteils und das heißt in diesem Falle Aktion, Bewegung – Reisen. Es mag verblüffen, aber Spitzweg war ein großer Reisender. Dies sind die Themen einer neuerlichen Ausstellung seiner Werke im Münchner Haus der Kunst, sein Reisen und Wandern in Europa und der „Glückliche Winkel“, den er auf die Leinwand brachte, in dem er lebte. Reise und „Winkel“ waren die Polaritäten, zwischen die er sein Leben gespannt hatte. „Du kannst Dir nicht vorstellen, welche Lust zum Reisen ich habe“, schreibt er einmal an seinen Bruder Eduard. Als dieser 1829 krank in Triest darniederlag, eilte Spitzweg zu ihm. Es wurde seine erste Italienreise, die ihn auch nach Venedig führte, und der Auftakt zu einer für die Verhältnisse seiner Zeit immensen Reisetätigkeit. Allein die Lagunenstadt soll er 16 mal besucht haben. Bis 1851 war er mehrfach in Italien (Bologna, Florenz, Rom, Neapel) und Südtirol, in Laibach, Dalmatien und der Schweiz; er reiste nach London, Paris, Wien und Prag. Die Quelle aller Unwissenheit läge überhaupt darin, daß Menschen zu lange an einem Ort blieben, sagte er einmal später, nach vielen Erlebnissen mit seinen Mitbürgern. Immer wieder zog es ihn zu ausgedehnten Wanderungen durch das Alpenland, durchfuhr er mit dem Postwagen die bayerischen und fränkischen Lande und eignete sich gezielt einen Fundus an, aus dem er für seine Bilder schöpfte. Schließlich war er Autodidakt. Am 5. Februar 1808 in München als zweites von drei Kindern in eine vermögende Kaufmannsfamilie hineingeboren, absolvierte Carl Spitzweg zwischen 1925 und 1928 eine Apothekerlehre. Anschließend arbeitete er zunächst weiter als Gehilfe und studierte nebenher bis 1832 Pharmazie, Chemie und Botanik. Während eines Kuraufenthaltes 1833 in Bad Sulz redete ihm der Maler Christian Heinrich Hanson nach der Sichtung einiger Zeichenproben zu, den Apothekerberuf aufzugeben und Maler zu werden. Er besann sich und begann Stoff zu sammeln. „Bruder Carl ist mit Pinsel und Staffeley seit 13. Juni 8 Tage in das Gebürge gewandert“, schrieb Eduard in einem Brief. 1835 wurde Spitzweg Mitglied des Münchner Kunstvereins. Drei Jahre später, 1838, entschieden endgültig die Musen den weiteren Lebensweg. Spitzweg konnte in diesem Jahr acht Bilder verkaufen, darunter die „Hosenflickende Schildwache“. Der Maler zählte gerade 30 Sommer. Zwar wurde er zu Lebzeiten von der breiten Öffentlichkeit wenig geschätzt – 1839 wurde sein „Armer Poet“ von der Jury des Kunstvereins abgelehnt -, doch entstand um ihn ein wachsender Liebhaberkreis. Dazu war er ein Verkaufsgenie und setzte über Vertreter seine Bilder bis nach Amerika ab. 1851 lernte er bei einem Aufenthalt in Paris und Barbizon die französische Malerei kennen, die ihn ungemein beeindruckte. Doch war er zu dieser Zeit in seinem Metier schon zu gefestigt, als daß er sich noch wesentlich hätte wandeln können. Seinen Frühstil hatte er sich an den Malern der deutschen Romantik erarbeitet und dabei eine höchst individuelle Zeichen- und Malweise entwickelt. Es kann schon jetzt als das Verdienst dieser Ausstellung betrachtet werden, die noch weitgehend unbekannte Reisetätigkeit Spitzwegs herausgestellt zu haben. Thematisch werden die malerischen Ergebnisse der einzelnen Reisen präsentiert. Das Italienerlebnis wird vorgeführt, wie seine Streifzüge in Oberbayern. Seine gezielten Reisen zu Festungsanlagen führten zu dem Sujet des einsamen Soldaten, der strickend oder gähnend seinen verlorenen Posten hält. So wird Spitzweg jetzt als Pazifist gedeutet. Daneben hatte er in seinen „märchenhaften Wanderungen“ einen Hang zum Phantastischen. Da saß er allabendlich in seinem Dachgeschoß, das ihm durch seine Höhe und Abgeschiedenheit den Alltag und Lärm der Straße fernhielt, den er tagsüber studiert hatte. Dort lebte er in einer Art Wachraum, hörte nur die Turmuhr des Alten Peters ticken, deren Schlag ihn oft aus den Träumen riß. Tabakswolken standen über der Lektüre Jules Vernes. Den Schöpfungen seiner Leinwand könnte er geglichen haben, skurrile Gestalten, entrückte Sonderlinge, Deutsche, die sich aus den Händeln der Welt auf ihre Innerlichkeit und ihr Gemüt zurückgezogen haben, verschrobene Kauze, jedoch mit innerem Gewicht, sich jeder Herrschaft entziehend. Sie sind keine Masse, sie sind stille Anarchen. Oft sitzt ihnen der Humor auf. Schließlich war ihr Schöpfer ein fröhlicher Plauderer und wackerer Zecher. Spitzweg gilt als Maler des Biedermeier, doch fing er zu malen an, als diese Epoche gerade vorüber war. Die Uniformen seiner Soldaten stammen sämtlich aus der Zeit Napoleons. Der Stoff gehört wohl der Romantik an, das Kolorit wächst darüber hinaus. So sind seine Bilder eher eine Historisierung des Biedermeier, die formgewordenen Ideen eines Menschenkenners und Phantasten. „Die Dachstube“ (Öl auf Leinwand, um 1848/50) „Der Sonntagsjäger“ (Öl auf Leinwand, um 1845) Die Ausstellung „Carl Spitzweg – Reisen und Wandern in Europa – Der Glückliche Winkel“ ist bis zum 4. Mai im Münchner Haus der Kunst, Prinzregentenstr. 1, zu sehen. Der Katalog ist im Belser Verlag, Stuttgart, erschienen und kostet in der Ausstellung 34,80 Euro.

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