Die Journalistin und der Todeskandidat

Die Menscheitsgeschichte kennt viele Arten der Vollstreckung von Todesstrafe – vom Versenken im Moor, über das lebendige Eingraben im Steppensand, das Kreuzigen, das Aufhängen, Erschießen, Kopfabhacken mittels Beil oder Guillotine, bis zum Vergasen oder dem elektrischen Stuhl. Im Europa weitgehend abgeschafft, wird die Todesstrafe nach einer kurzen Pause der verfassungsrechtlichen Prüfung seit 1976 in den USA wieder eifrig vollstreckt. Zumeist mittels Giftinjektion. 807 Exekutionen wurden seitdem durchgeführt. 2002 betrug die Zahl 66. Spitzenreiter ist hierbei der Bundesstaat Texas, gefolgt von einigen Südstaaten, während andere Bundesstaaten die Todesstrafe nicht vorsehen oder nur sehr selten vollstrecken. Die Liste der Länder mit den meisten staatlichen Exekutionen (Stand: 1999) wird angeführt von China, Irak und dem Kongo. Auf Platz vier folgen die USA, danach kommt der Iran. Um diese Problematik dreht sich Alan Parkers neuester Film. Ebenso beschäftigt er sich aber auch mehr oder minder mit der anderen Seite, auf der der breite öffentliche Protest gegen die Todesstrafe steht. Auch dies übrigens ein merkwürdiges Phänomen: Gutbürgerliche Demonstranten skandieren Parolen vor Gefängnissen und Regierungsgebäuden, liegen sich schluchzend in den Armen, wenn wieder einmal ein verurteilter Mörder, dem sie ansonsten auch tagsüber niemals in der Straßenbahn begegnen möchten, hingerichtet wird. Dabei ist es ein Luxus unserer Rechtsstaats- und Wohlstandsgesellschaft, seine Zeit für das Leben von Menschen aufzuopfern, die man nicht kennt, denen zudem schwerste Verbrechen angelastet werden. Und allzu oft bleiben dabei die Opfer der inhaftierten Gewalttäter seltsam abstrakt. Sie sind ja in der Regel auch bereits lange tot und vergessen. Kaum einer derjenigen, die auf den Straßen demonstrieren, weint ihnen noch eine Träne nach. Um das Leben eines gerichtlich verurteilten Mörders hingegen wird mit aller Inbrunst gebangt, gezittert, geschrien, geweint. Doch es ist auch ein moralisch integrer und gesellschaftlich anzuerkennender Luxus, der – trotz aller bisweilen auftretenden Schieflage in der Wahrnehmung – von einem hohen zivilisatorischen und humanen Bewußtsein der Todesstrafengegner zeugt. Andererseits ist humanes Engagement von Bürgern nur unter den Bedingungen einer ohnehin schon human strukturierten Gesellschaft relevant. „Das Leben des David Gale“ ist ein Film wider die Todesstrafe. Ein engagierter und ehrlicher Film. Lange überlegte Regisseur Alan Parker, welchem Stoff er die nächsten zwei Jahre seines Lebens zu widmen gedächte (er hatte in 28 Jahren 14 Filme gemacht). Seine Frau entdeckte 2000 schließlich das Drehbuchskript von Charles Randolph, Philosophieprofessor in Vienna, eine fiktive Geschichte, die seit ihrer Entstehung 1998 in den Regalen von Warner Bros. Staub angesetzt hatte. Die Handlung: David Gale (Kevin Spacey), ein ehemals fürsorglicher Vater und – wie der Erfinder seiner Filmfigur – angesehener Professor, ist ein vehementer Gegner der Todesstrafe. Um so kurioser und grausamer erscheint es, daß er von einem Gericht für den Tod seiner Mitstreiterin Constance Harraway verantwortlich gemacht und selber zum Tode verurteilt wird. Kurz vor der Hinrichtung erhält die Journalistin Bitsey Bloom (Kate Winslet) die Chance zu einem Exklusiv-Interview mit dem Todgeweihten. Gale berichtet ihr seine Geschichte, so auch, wie sein sozialer Abstieg mit der falschen Behauptung einer seiner Studentinnen, er habe sie vergewaltigt, begann. Nachdem Bloom ein Videoband mit dem aufgezeichneten Tod des Opfers zugespielt wird, wachsen ihre Zweifel, ob Gale nicht fälschlicherweise eines Mordes beschuldigt wird. Ein verzweifelter Wettlauf gegen die Zeit beginnt. Das gewichtigste Argument gegen die Todesstrafe ist – neben der scheinbar unausreichenden Abschreckwirkung – die Möglichkeit, daß ein Unschuldiger hingerichtet werden könnte. Und wahrlich sind in den USA 102 bereits verurteilte Gefangene aus der Todeszelle entlassen worden, weil man Jahre nach der Verurteilung ihre Unschuld durch DNS-Tests oder späte Entlastungszeugen herausgefunden hatte. „Das Leben das David Gale“ spielt auf diese Möglichkeit an und vermag dabei argumentativ und inszenatorisch zu überzeugen. Gale, der den Grundsatz vertrat, daß wahre Erfüllung im Leben nicht die Gier nach Befriedigung von Bedürfnissen, sondern das Leben in eigenen Wertmaßstäben darstellt, gerät, nachdem er fast alles Materielle und fast alle sozialen Bindungen verloren hat, in die Rolle eines Märtyrers in seinem Kampf gegen die Todesstrafe. Beginnt Parkers Geschichte etwas holprig, mit einer nicht ganz glaubwürdigen, wenngleich gegenüber der „political correctness“ sehr kritisch eingestellten Verführungsgeschichte (eine zu direkte und zu hübsche Studentin; ein zu lange vor der Gelegenheit, mit einem 25 Jahre jüngeren Model schlafen zu können, zaudernder Professor; und eine zu bösartige Intrige), so gewinnt der Streifen mit zunehmender Dauer an Spannung und Format. Alan Parker äußerte hierzu: „Unser Film ist ein Thriller. Es wäre heuchlerisch, das Gegenteil vorzutäuschen, da wir uns doch alle der kommerziellenAnfordungen des heutigen Filmgeschäfts bewußt sind. Vielleicht hätte ich den Film ja allein schon aus diesem Grund gemacht. Aber es wäre genauso eine Vortäuschung falscher Tatsachen zu behaupten, daß dies mein einziger Grund gewesen wäre, mich für das Projekt zu interessieren. Ich persönlich bin streng gegen die Todesstrafe (…) Trotzdem ist unser Film keine politische Schmährede.“ Parkers Werk ist anzumerken, daß er es ernst meint und die Diskussion auf einem hohen, seriösen Niveau zu führen gedenkt. Die Recherchen wurden akribisch durchgeführt und geben ein sehr authentisches Bild der Todestrakte und Abläufe in texanischen Gefängnissen wieder. Auch die schauspielerische Leistung vermittelt durchgehend glaubwürdige Charaktere. Regisseur Parker hat es verstanden, einen durchaus spannend inszenierten Unterhaltungsfilm mit einer respektablen Kritik an der Fehlbarkeit des Todesstrafen-Systems zu verbinden. Fotos: Bloom (M.) bei einer Demonstration gegen die Todesstrafe Bitsey Bloom (Kate Winslet) und David Gale (Kevin Spacey): Ein verzweifelter Wettlauf gegen die Zeit

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