Die gewollten Kriege

Einige Bücher des letzten Buchherbstes, die sich direkt oder in direkt mit den verschiedenen Aspekten der US-amerikanischen Hegemonialpolitik beschäftigen, sind ganz besonders in die Schlagzeilen geraten. Das im Rowohlt-Verlag erschienene Buch „Der Kampf um das Heilige Feuer“, das von dem für das Hamburger Nachrichtenmagazin Der Spiegel arbeitenden Journalisten Lutz Klevemann verfaßt wurde, dreht sich vorrangig um die Rohstoffe Zentralasiens. Klevemann versucht sowohl die komplexen Pipeline-Routen als auch die verschiedenen Interessenlagen in Zentralasien transparent zu machen. Leider mangelt es den Reportagen Klevemanns an einem durchgehenden roten Faden. Von der von diesem ausgebreiteten Informationsvielfalt dürfte deshalb nur derjenige profitieren, dem der Kontext bereits geläufig ist. Dazu kommt, daß Klevemann zentrale Behauptungen nicht entsprechend substantiiert. Die Ambitionen, die mit den Pipeline-Plänen durch Afghanistan verbunden sind, belegt Klevemann, um hier nur ein Beispiel zu nennen, mit einer eher dürftigen Aussage des Kabuler Ministers für Wiederaufbau. Hier wäre mehr Hintergrund notwendig gewesen. Nur andeutungsweise kommt bei Klevemann das hochkomplexe Interessengeflecht im Zusammenhang mit dem „Großen Spiel“ am Kaspischen Meer zum Ausdruck. Dieses Interessengeflecht hat sich unterdessen längst über das Stadium reiner nationaler Interessenverfolgung hinaus entwickelt. Im Vordergrund stehen heute vor allem harte Kapitalinteressen, die keine nationalen Loyalitäten mehr kennen. So ist zum Beispiel ein US-Konzern – zum Unwillen der US-Regierung – der Hauptfinanzier der großen KTK-Exportpipeline von Kasachstan über Rußland ans Schwarze Meer. Die US-amerikanische Regierung hingegen machte sich vor allem aus geopolitischen Gründen heraus stets für eine große Pipeline von Baku zum türkischen Hafen Ceyhan stark. Diese soll nun auch gebaut werden, allerdings ohne die finanzielle Unterstützung von US-amerikanischen Konzernen, die die Wirtschaftlichkeit einer derartigen Pipeline von jeher kritisch beurteilt haben. Auch in diesem Zusammenhang wären differenziertere Analysen seitens Klevemanns angezeigt gewesen, wenn schon seitens des Verlages suggeriert wird, „Hintergründe“ über den Wettlauf der Großmächte am Kaspischen Meer liefern zu wollen. Klevemanns – oft sehr persönlich gehaltene – Reportagen erinnern eher an ein Tagebuch. Dieses Format hätte den Charakter seines Buches besser getroffen. „Krieg gegen den Irak. Was die Bush-Regierung verschweigt“, ist die zweite Neuerscheinung, die hier vorgestellt werden soll. Dieses von dem politischen Publizisten William Rivers Pitt herausgegebene Buch dreht sich im wesentlichen um Scott Ritter, der von 1991 bis 1998 UN-Waffeninspekteur im Irak war und daran mitgewirkt hat, die dortigen Massenvernichtungswaffen zu zerstören. Ritter mutierte im Laufe der Zeit vom Parteifreund von George W. Bush zum scharfen Kritiker des heutigen US-Präsidenten. Der ehemalige UN-Waffeninspekteur Ritter unterstreicht in seinen Ausführungen, daß die Technik, die der Irak für den Bau von Atomwaffen bräuchte, zerstört worden sei. Für vollkommen abwegig hält Ritter den Vorwurf, der Irak hätte enge Verbindungen zu Osama bin Laden gehabt oder würde diese immer noch unterhalten. „Saddam ist ein säkularer Diktator“, erklärt Ritter. „Er hat in den vergangenen Jahren den islamischen Fundamentalismus bekämpft und zerschlagen.“ Ritter bestätigt, daß die USA mit Hilfe des Chefs der UN-Waffeninspekteure, Richard Butler, die Inspektionen zur Spionage nutzten. Die Iraker waren also zu Recht aufgebracht. Der spätere Abbruch der Inspektionen 1998 sei zudem von den US-Vertretern provoziert worden. Bei der Durchsuchung des Hauptquartiers der Baath-Partei forderten sie entgegen der Abmachung den Zutritt des gesamten Inspektionsteams. Die Iraker antworteten, sie würden nur ein Team entsprechend der vereinbarten Modalitäten zulassen. Daraufhin zogen sich die Inspekteure zurück und erstatteten Richard Butler Bericht. Dieser wiederum führte den Vorfall als Beispiel für die eklatante Mißachtung des Mandats des UN-Sicherheitsrates an. Zwei Tage später bombardierten amerikanische und britische Kampfflugzeuge den Irak. Als Legitimation diente Butlers Bericht an den UN-Sicherheitsrat. Ritter ist davon überzeugt, daß die Bush-Regierung mit dem von ihr offensichtlich geplanten Angriffskrieg gegen den Irak den Weltfrieden gefährde. „Wir sprechen“, so Ritter resümierend, „über eine ungeheure Zahl von Toten unter der Zivilbevölkerung, ganz zu schweigen von Zehntausenden irakischer Soldaten und Sicherheitsleute, die umkommen werden. Dieser Krieg wird nicht gut enden.“ Wer sich kurz und knapp über den Gehalt der US-amerikanischen Vorwürfe gegen den Irak informieren möchte, wird in dem Buch von Scott Ritter bestens bedient. Knappheit zeichnet auch das Buch „55 Gründe, mit den USA nicht solidarisch zu sein“ von Till Bastian aus. Bastian, Humanmediziner und einige Jahre als deutscher Geschäftsführer der „Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges“ tätig, versteht sein Werk als Streitschrift. Der Autor bündelt die vielfältigen Gründe, die gegen eine – „bedingungslose“ – Solidarität mit der aktuellen US-amerikanischen Politik sprechen, übersichtlich in 55 Kapitel. Mit ihnen führt er den Leser Schritt für Schritt durch das weite Feld der US-amerikanischen Außenpolitik. Der Bogen reicht dabei von Hiroshima bis hin zu dem heutigen Kampf gegen den internationalen Terrorismus. Dabei durchbricht Bastian immer wieder die Grenzen der politischen Korrektheit. So beispielsweise, wenn er feststellt, daß das „deutsche politische Establishment“ an einem geradezu „krankhaften, oft äußerst duckmäuserisch-peinlich ausgeprägten Amerikanismus“ leide. Diesem „Amerikanismus“ entgegnet Bastian mit einer ganzen Suada an Vorwürfen. Die Vereinigten Staaten seien unglaubwürdig, weil opportunistisch im Umgang mit diktatorischen Regimen. Und weiter: Vom Krieg in Afghanistan bis zu den derzeitigen Vorbereitungen für einen Krieg gegen den Irak war und ist die Politik der USA gegenüber der internationalen Staatengemeinschaft und insbesondere auch gegenüber ihren Verbündeten heute so unilateral, nationalistisch und imperialistisch wie nie zuvor. Die USA gäben der Waffengewalt den Vorzug vor einer umfassend orientierten, mittel- und langfristig vorbeugenden Politik. Bastian prangert die Ignoranz der USA gegenüber dem Völkerrecht an. Dazu paßt aus seiner Sicht die Rücksichtslosigkeit, mit der diese gegenüber ihren Verbündeten und gegenüber internationalen Organisationen sowie im Krieg gegenüber der Zivilbevölkerung handelten. Zugegeben: Viele der vom Autor erwähnten Beispiele sind hinreichend bekannt und vielfach erörtert worden. Die Stärke des Buches von Bastian besteht aber darin, die vielen separat verhandelten Einzelaspekte zu einem stimmigen Gesamtbild gebündelt zu haben. Dieses sollte auch hartgesottene Amerikanophile nachdenklich stimmen. Lutz Klevemann: Der Kampf um das Heilige Feuer. Rowohlt Verlag, Berlin 2002, gebunden, 256 Seiten, 19,90 Euro William Rivers Pitt mit Scott Ritter: Krieg gegen den Irak. Was die Bush-Regierung verschweigt. Verlag Kiepenheuer&Witsch, Köln 2002, 107 Seiten, 6,90 Euro Till Bastian: 55 Gründe, mit den USA nicht solidarisch zu sein. Pendo Verlag, Zürich/ München 2002, 116 Seiten, 14,90 Euro

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