Die gestundete Zeit

Dieser Roman des Dresdner Schriftstellers Jörg Bernig, Jahrgang 1964, spielt im Spätsommer 1946 im Sudetenland. Die deutschen Dörfer sind bereits systematisch leergeräumt worden – „ethnisch gesäubert“, sagt man heute – von den berüchtigten „Revolutionsgarden“, den paramilitärischen, aus zweifelhaften Elementen zusammengesetzten Banden, die das Macht- und Gesetzesvakuum nutzen und ihre Gewaltinstinkte ausleben. Am Schauplatz des Buches, einem entlegenen Ort an der deutsch-tschechischen Grenze, in diesem noch unentdeckten Winkel, haben sich Flüchtlinge unterschiedlicher Herkunft zusammengefunden: Da ist die junge Theres, eine Deutsche, deren Vater nach dem Anschluß des Sudetenlandes an der Enteignung von Tschechen mitgewirkt hat. Der Vater wurde im Mai 1945 umgebracht, sie selber mißhandelt, ihre Mutter ist verschollen. Zuflucht gefunden haben auch eine Witwe und ihr geistig zurückgebliebener Sohn. Ihr gänzlich unpolitischer Ehemann ist von Gardisten wahllos aus einem Flüchtlingstreck herausgegriffen und zu Tode gequält worden. Zwei junge Tschechen, Freunde, die aus Gewissensgründen von der Revolutionsgarde desertiert sind, komplettieren die Notgemeinschaft. Im Verlust erschließt sich erst der – vor allem immaterielle – Wert von Haus und Heimat: Sie sind ein kleines Ganzes, ein Hort der vertrauten Lebensordnung, von menschlicher Bindung, Pietät und Kommunikation, ein äußerster, notwendiger Rückzugsort, an dem das Individuum einen notdürftigen Schutz genießt. Die Flüchtlinge sind ein letztes Mal der aus den Fugen geratenen Welt enthoben, leben wie in einer Monade in „niemands Zeit“ an „niemands Ort“. Auf der Flucht vor dem Terror und dem sich steigernden Massenwahn bilden sie eine solidarische, binationale Welt, in der die ethischen Gesetzen, die draußen außer Kraft sind, noch immer – oder schon wieder – wirken. Doch ihr Grundgefühl ist die Angst, daß ihre Zeit nur gestundet ist und der Jagdinstinkt der Garden ihr ein Ende setzen wird. Das Vertreibungsthema ist längst in einer Fülle literarischer Werke aufgegriffen worden, doch im Grunde handelt es sich häufig um Reportagen, die sich auf die Beschreibung der äußeren Vorgänge beschränken und im Moment des Abschieds und Verlusts enden. Sie beeindrucken durch die schiere Wucht der geschilderten Ereignisse, doch an eben dieser Wucht scheitern auch ihre Erklärungsversuche. Insofern bedeutet Jörg Bernigs Roman eine Premiere. Er setzt die Geschehnisse weitgehend voraus bzw. beschränkt sich darauf, sie anzudeuten. Wichtiger ist es ihm, zu erfassen, was sie im Menschen bewirken. Was etwa geschieht mit Menschen, die von einem Moment auf den anderen heimatlos werden, denen mit dem Argument des historischen und moralischen Rechts außer ihrer juristischen auch jede private Schutzhülle genommen wird? Bernig beschreibt die Innenseite eines millionenfach erlebten deutschen – und nicht nur deutschen – Traumas. Die Fabel ist so angelegt, daß in ihrem Zentrum keine nationalen Konfrontationen stehen. Das Handeln des Menschen wird eben nicht zwingend von seiner Herkunft, der Nation und den Zeitumständen, in die er gerade gestellt ist, determiniert. Es gibt Freiräume, in denen sich Möglichkeiten für individuelle Entscheidungen eröffnen. Darin liegt die Hoffnung für das menschliche Zusammenleben. Aber: Ist erst eine bestimmte Grenze überschritten, dann brechen die Dämme, dann zählt unter dem kollektiven Druck der Einzelne nichts mehr, dann ist auch der Versuch lebensgefährlich, sich dem Gewaltsog zu entziehen und bei der Beurteilung anderer jenen feinen Unterscheidungen Geltung zu verschaffen, die im zivilisierten Leben unerläßlich sind. In solchen Situationen, in denen der Rausch der Allmacht und das Gefühl völliger Machtlosigkeit sich ineinander verschränken, gehen Opfer und Täter gleichermaßen ihrer Würde verlustig. Solche Situationen sind unlebbar und eigentlich unaussprechbar, sie dürfen gar nicht erst geschehen. Und wenn sie dennoch geschehen, hinterlassen sie Spuren noch auf Generationen. Bernig arbeitet mit Vor- und Rückblenden, der Leser weiß von Anfang an mehr als die Figuren. Durch diesen Kunstgriff verlegt der Autor die Spannung nach innen. Der Erzählfluß wird durch rhetorische Fragen unterbrochen, die Sätze sind oft kurz, abrupt, als müsse das Ungeheuerliche sich erst seinen Ausdruck suchen. Zu monieren ist eine einzige Stelle, an der raunend gefragt wird: „Und woher nahmen die Tschechen die Abscheu für die Deutschen, mit denen sie in einer Stadt lebten? Erscheint das wie aus dem Nichts, und von dem Augenblick an, da es vorhanden ist, ist es allen das Schon-immer-Dagewesene?“ Ein Blick auf die Geschichte Böhmens, die Topographie Prags oder in die frühen Erzählungen Rilkes hätte einiges beantwortet. Das jahrhundertelange deutsch-tschechische Nebeneinander in Böhmen war einerseits fruchtbar, doch stets auch von Unterwerfungen, Komplexen und Ressentiments, von auftrumpfender Rechthaberei, Hochmut und Überwältigungsängsten gekennzeichnet. Die politische Hybris des 20. Jahrhunderts hat diese destruktiven Energien die Oberhand gewinnen lassen. Günter Grass hatte mit seiner „Krebsgang“-Novelle, deren literaturpolitischer den literarischen Wert weit übertrifft, das Thema der Vertreibung der Deutschen für die breite Öffentlichkeit endgültig hoffähig gemacht. Jörg Bernig zeigt nun, wie man ihm literarisch gerecht wird. Jörg Bernig: Niemandszeit. Roman. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart/München 2002, 283 Seiten, 19,90 Euro

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