Die ganze Pracht der Seinsfülle

Auf einem Stilleben ist den Erscheinungen des Lebens die Bewegung genommen, die Welt ist angehalten und kann in Muße betrachtet werden. Eine ganze Pracht der Seinsfülle bietet sich dem schauhungrigen Auge dar, das sein Vermögen im Wechsel zwischen Detail und Gesamtansicht beweisen darf. Das ist anstrengender, aber auch beglückender als Fernsehen, bei dem die Pupillen in Starrheit verharren. Eine Gelegenheit zu solcher Sehlust bietet derzeit die Münchner Ausstellung „Stille Welt – Italienische Stilleben“. Mehr als 200 bisher meist ungezeigte Exponate von über 100 Künstlern fordern zur Betrachtung heraus. Um 1600 wurden südlich der Alpen Stilleben schlagartig in Menge gemalt. Schon vorher waren sie als einzelne Partien auf Altarbildern erschienen und formten sich nun unter der veränderten Weltsicht und Naturwahrnehmung der Renaissance zur eigenständigen Bildgattung des Stillebens. Ästhetische Beobachtungsweise und Augenwirklichkeit triumphierten. Prägend wurde Caravaggio. Er löste das Stilleben endgültig von religiösen oder philosophischen Nebenbedeutungen und stellte es als eigene Bildform neben die menschliche Figur. Vorerst waren Blumen, Früchte und Gemüse die von ihm überlieferten Motive. Später fanden auch Küchenstilleben, Marktbilder, Vorratskammern, Musikinstrumente und vieles andere auf die Leinwand. Im ersten Ausstellungsraum werden die Ursprünge skizziert. Da hängen zwei eingefaßte Stücke pompejanischer Wandmalerei. Ein Purpurhuhn, in sparsamen Strichen und zurückhaltender Farbgebung gemalt, wirkt auf dem fast 2000 Jahre alten Mauerstück äußerst gegenwärtig und läßt eine Ahnung von der Wiederholbarkeit von Kunst verspüren. Schließlich war Pompeji erst 1748 wiederentdeckt worden. Dürers Hummeraquarell von 1495 aus seiner ersten Venedigreise zeugt von der renaissancetypischen Naturwahrnehmung. Ein Vorläufer des Stillebens ist auch Arcimboldis Bildnis Kaiser Rudolfs II., gebildet allein aus Früchten und Gemüse. Die Blütezeit des Stillebens in den einzelnen Regionen des zersplitterten Italiens reichte vom 16. bis ins späte 17. Jahrhundert. Durch Großaufträge reicher Sammler kamen zahlreiche Künstler nach Rom. Maler aus allen Landesteilen strömten in die Ewige Stadt, so Caravaggio aus der Lombardei, ebenso wie Evaristo Baschenis, der wegen seiner Musikstilleben bekannt wurde. Aus Genua kamen Bernardo Strozzi und Giovanni Castiglione. Der römische Meister des Stillebens, Acquavella, malte zwischen 1615 und 1635 das Aufmacherbild der Ausstellung: Geigenspieler und Obstkorb. In einem caravaggesken Seitenlicht blickt uns unvermittelt ein Geigenspieler im Renaissancekostüm an. Auf der nach rechts gehaltenen Geige setzt er steil den Bogen auf. Die bauschige Feder am dunklen Hut sorgt für den schwebenden Ausgleich zum Streichinstrument. Links ist eine Fülle von Weintrauben aufgetürmt, worauf sich Äpfel und zwei aufgeplatzte Granatäpfel stapeln, zur Rechten liegen Kürbisse und Obst. Vor den jugendlichen Spieler schieben sich Notenblätter und zwei Blockflöten. Es scheint, als wollten Natur und Kultur miteinander in den Wettstreit treten. In Florenz waren zahlreiche Maler für die Medici tätig, wie zum Beispiel Bartolomeo Bimbi, der die Sammlungen Cosimos III., außergewöhnliche Pflanzen, Tiermonster, exotische Vögel und Zitrusfrüchte, wortgetreu festhielt. Fische am Meeresstrand, in Küchen und Vorratskammern waren das bevorzugte Motiv der Malerei Neapels im 17. Jahrhundert. Luca Forte brachte das caravaggeske Stilleben in die Vesuvstadt. Den Höhepunkt bezeichnen hier die monumentalen Stilleben mit Fischen und Meeresfrüchten von Giovanbattista Recco. Doch auch das gesamte Küchenreich wurde zu Stilleben. So wirklich, so schön, so greifbar wirken viele Küchenstilleben, daß einige Ausstellungsbesucherinnen Ausrufe wie „oh der Schinken!“ oder „der prächtige Kohl, au lecker!“ nicht unterdrücken können. Kunst aus der Küchenperspektive: hier ist die Welt noch in Ordnung! Auch Tierstilleben entstanden. Darauf sind manchmal die Opfer ganzer Massaker dargestellt, wie auf einem Bild von Joannes Hermans, das nur aus einem Haufen toter Dompfaffen besteht. Sie liegen auf einem dunklen Steingesims aufeinandergestapelt. Welch schaurig prächtiges Bild des Todes, wie sie in ihrem zarten Gefieder ganz frisch und ohne Verwesungsspuren dahinzuträumen scheinen. Das ist der Reiz solcher Motive, daß etwas gerade eben dahingerafft wurde und sich nun scheinbar zum letzten Male unserem Auge darbietet. Das „Noch einmal …“ grüßt uns feierlich. Möge es uns ermutigen! Die Ausstellung in der Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung in München, Theatinerplatz 8, ist bis zum 6. März zu sehen. Der reich bebilderte Katalog kostet 35 Euro. Info: 089 / 22 44 12, Internet: www.hypo-kunsthalle.de

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