Die Form bestimmt den Inhalt

Am 7. März 1976, dem damaligen Fastensonntag, wurde die Zelebration der hl. Messe in dem von Pius V. kodifizierten Ritus offiziell verboten. Es ist erhellend, was Kardinal Ratzinger in seinem Buch „Mein Leben. Erinnerungen 1927-1997“ über diesen radikalen Bruch der Reformer mit der Tradition schreibt: „Ich bin überzeugt, daß die kirchliche Krise, in der wir uns heute befinden, zum großen Teil vom Zusammenbruch der Liturgie herrührt. Ich war bestürzt über die Ächtung des alten Missale, zumal es eine solche Entwicklung noch nie in der Liturgiegeschichte gegeben hatte.“ Die Unordnung in der katholischen Kirche, die ja nichts anderes als den mystischen Leib Christi verkörpert, hat ihren eigentlichen Ursprung in der Bischofsversammlung von 1962 bis 1965, dem sogenannten Zweiten Vatikanischen Konzil. Damals nahmen zahlreiche Gläubige an, in die – von starken Ausnahmen abgesehen – oftmals von Engstirnigkeit, Moralismus und Pharisäismus geprägte Seelsorge würde nun ein „frischer Wind“ einziehen. Es gab jedoch in der Folge einen totalen Bruch mit der gesamten Tradition der heiligen, katholischen, apostolischen und römischen Kirche. Man erfüllte der Welt die „Versöhnungsbedingungen“, die aus lauter Konzessionen und Abstrichen bestanden, und gab den absoluten Wahrheitsanspruch der Kirche auf. Ein Blick in die Hl. Schrift hätte jedoch genügt, um sich in Erinnerung zu rufen, daß Welt und Kirche unversöhnliche Gegensätze sind und bleiben. Die Abkehr des Konzils von diesem traditionellen Selbstverständnis der Kirche zielte nicht zuletzt auch darauf, aus der Frontstellung gegenüber anderen religiösen Gemeinschaften herauszukommen. Doch „auf dem Vehikel dieser Illusion ritt frisch-fröhlich Satan in den Innenraum der Kirche und zerstörte die Quelle der Erlösung, die Inhalte des Glaubens“ (HHP Milch). Inzwischen ist der offizielle Raum der Kirche und ihr öffentliches Erscheinungsbild so weit heruntergekommen, daß auf Katholikentagen das Kreuz, laut der Karfreitagsliturgie die einzige Hoffnung des Menschen, durch ein Symbol aus der Meeresfauna ersetzt wird. Dieses Hintergrundgeschehen muß man kennen, um Martin Mosebachs Trauer und Empörung über den unersetzlichen Verlust der überlieferten römischen Liturgie zu verstehen. Es geht dem Autor in seinen Betrachtungen, die er zum Teil auch als Vorträge gehalten hat, jedoch weniger um die Wahrung der dogmatischen Aussage als um die Form des Ritus. So bekennt Mosebach sich dazu, ein Ästhet zu sein, der „aus der äußeren Erscheinung auf die innere Beschaffenheit und womöglich Wahrheit oder Verlogenheit einer Sache schließt“. Er schreibt: „Die Lehre von den ‚inneren Werten‘, die sich in schmutziger, verkommener Schale verbergen, kommt mir nicht geheuer vor. Daß die Seele dem Körper die Form und das Gesicht, seine Oberfläche verleiht, glaubte ich schon, als ich noch nicht wußte, daß dieser Satz eine Definition des kirchlichen Lehramtes war. Mit mediterraner Primitivität glaube ich, daß eine unwahre, verlogene, gefühllose Sprache keinen Gedanken von Wert enthalten kann. Was für die Kunst gilt, muß in noch viel höherem Maße jedoch das öffentliche Gebet der Kirche treffen; wo das Häßliche sonst nur auf das Unwahre schließen läßt, bedeutet es im Bereich der Religion die Anwesenheit des Satanischen.“ Mosebachs Verteidigung der römischen Liturgie gipfelt in der „unvernünftigen Hoffnung“, das letzte Wort über den alten Ritus sei noch nicht gesprochen. Er ahnt die Irreversibilität historischer Prozesse und hofft dennoch, es werde sich ein neues, höheres Mittelalter, ein neuer Ordo ereignen. Die katholische Messe in ihrer seit über 1500 Jahren ununterbrochenen überlieferten Form begreift er „als die Erfüllung aller Religionen, die sie sämtlich in sich aufgesaugt hatte“. Der Gnadenstrang, durch den uns Gott mit Leben erfüllt, und in dem „jede Spur des Subjektiven vernichtet ist“, wurde jedoch durch die „Reform“ der katholischen Liturgie zu einem Trümmerfeld: „Die Rücksichtslosigkeit, mit der man einst Verehrtes, das nun nicht mehr verehrt werden soll, profaniert, ausrangiert, abschafft, wegwirft, einschmilzt und verhökert“, nennt Mosebach mit vollem Recht „vulgär“. Tatsächlich war es die Absicht Pauls VI., die Liturgie in einem autokratischen Akt – und gegen den Rat vieler Bischöfe – solcherart zu reformieren, daß sie mit der protestantischen Liturgie nahezu übereinstimmte. Die Beschneidung all dessen, was die Modernisten „mystisch“ oder „magisch“ nennen, führte aber nicht nur zu einer Annäherung an das protestantische Abendmahl, sondern löschte fast alles Traditionelle in der hl. Messe aus. 1968, das Jahr jener ungeheuren Manipulation der Geister, war auch das Jahr der Liturgiereform. Die Studentenunruhen in Deutschland, Frankreich, in den USA und die chinesische Kulturrevolution mit Millionen von Toten, Bilderstürmerei, Verwüstung von Tempeln und Kunstschätzen und der gnadenlosen Verhöhnung und Zurschaustellung der Alten einerseits, und die Zerstörung der Glaubensnormen der Kirche, die dem entchristlichten Jahrhundert noch Zeichen zu geben vermochten, auf der anderen Seite. Mosebach erblickt in diesen gleichzeitigen Ereignissen einen „tiefen Zusammenhang“ und spricht von einem „Achsenjahr im Sinne Karl Jaspers.“ Wer wie der Autor die Liturgie als „Kunstwerk“ betrachtet und weniger unter dem Gesichtspunkt der „Gültigkeit“ kann das Erscheinungsbild der öffentlichen Akte der Kirche nur mit Grauen betrachten und den Verlust der „großen kulturellen Schöpferkraft der Liturgie“ und ihrer „ästhetischen Substanz“ nur als Verarmung und Reduktion der „geistlichen Überlegenheit des klassischen Ritus“ empfinden. Aus dem Blickwinkel des Künstlers betrachtet ist die Ritenfrage keineswegs unwesentlich, und in der Tat stützen sich die Modernisten primär auf Formen und weniger auf Inhalte. Daß man diese jedoch immer im Auge zu behalten hat, steht – wie man an der orthodoxen Kirche sehr gut sehen kann – durchaus nicht im Widerspruch zu einer zur Ehre Gottes und zum Heil der Seelen gereinigten Liturgie. Mosebach erwähnt in diesem Zusammenhang das Ende des Ikonoklasmus, den die orthodoxe Kirche am ersten Fastensonntag mit dem großen „Fest der Wiederherstellung der Orthodoxie“ feiert. Und er träumt von den „wiederaufgerichteten Hochaltären“ und der Rückkehr der lateinischen Orthodoxie, deren Ausstrahlungskraft in ihren Ikonen, in den Reliefs der alten Kathedralen und in den Wandbildern von Giotto und Leonardo, den Spätwerken Raffaels und den Kompositionen El Grecos das Antlitz Jesu erahnen läßt. Foto: Restaurierter Hochaltar im Erfurter Dom (2001): Traum von der Rückkehr der lateinischen Orthodoxie Martin Mosebach: Häresie der Formlosigkeit. Die römische Liturgie und ihr Feind. Karolinger Verlag. Wien, Leipzig 2002. 157 S., 15 Euro

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