Der mit Gott hadert

Er fährt einen feschen Sportwagen, hat eine Stelle als Fernsehreporter und eine Freundin, um die ihn sogar Brad Pitt beneiden würde (Jennifer Aniston): Kein Wunder, daß Bruce Nolan (Jim Carrey) sein „mittelmäßiges Leben“ leid ist! Gott, glaubt er, könnte das in fünf Minuten in Ordnung bringen, wenn er nur wollte. Eine solche Herausforderung läßt sich der Allmächtige (Morgan Freeman) nicht entgehen. Gott nimmt Urlaub, und einer, der zuvor als „Dummschwätzer“ (1997), gummigesichtige „Maske“ und „Ace Ventura – Ein tierischer Detektiv“ (beide 1994) Karriere machte, steigt zum Gebieter über Himmel und Erde auf – unter der kuriosen Bedingung, daß er die Willensfreiheit der Menschen nicht antastet. Nicht ohne die gewohnten Fratzen und Grimassen nutzt Bruce seine überirdischen Kräfte äußerst pragmatisch, um seinen Hund stubenrein zu machen, den Busen seiner Freundin aufzublähen, die eigene Potenz ins Phänomenale zu steigern und einen Rivalen um die langersehnte Beförderung zum Nachrichtensprecher des Lokalsenders auszuschalten. Nebenbei legt er sich noch einen ungleich schickeren Sportwagen zu. Wie die meisten Komödien ist „Bruce Allmächtig“ ein Film, über den es sich sicher beim Kinobesuch mit Freunden besser lacht als frühmorgens auf der Pressevorführung. Wer sich von vornherein weigert, an einer Geschichte Gefallen zu finden, die Religion wenn nicht aufs Korn, so doch auf die Schippe nimmt, hat es sowieso leichter. Denn natürlich enthält Regisseur Tom Shadyacs „modernes Gleichnis, wenn Sie wollen …“ genausowenig tiefschürfende Theologie, wie „Die Truman Show“ (1998) – Carreys Durchbruch als „ernst zu nehmender“ Schauspieler – eine befriedigende Auseinandersetzung mit der Wahl zwischen negativen und positiven Freiheiten, zwischen Bevormundung und Verantwortung, Sozialismus und Liberalismus war. Die Sünde scheint abgeschafft oder zumindest aus der Mode gekommen. Statt zornig Gebote zu erlassen, predigt dieser himmlische Vater Pop-Psychologie: „Willst du ein Wunder sehen? Sei das Wunder!“ Alles Leid der Welt ist darauf zurückzuführen, daß Götter auch nur Menschen sind. Selbst ein Morgen Freeman, der mal in allzu symbolisch weißer Weste, mal im Blaumann des fleißigen Handwerkers auftritt, kann nicht überall zugleich Krisenmanagement betreiben. Eine Urlaubsvertretung, die sich auf Gottes Geschäft nicht versteht, muß da erst recht überfordert sein. Auch Kulturkritik wird hier so seicht und sachte geübt, daß sie der berüchtigten postmodernen Beliebigkeit zum Verwechseln ähnlich sieht. In einer Welt digitaler Zeichen und technologischer Wunder werden Gebete – wie sonst? – per E-Post beantwortet, Verheißungen multimedial ausgestrahlt und Frohe Botschaften als Werbegags verkleidet. Folgerichtig ist es am Ende nicht göttliche, sondern fleischliche Liebe, die Bruce über allerhand Demütigungen zur wahren Demut führt. Vom Selbstmitleid geheilt wacht er mit einem gütigen Augenzwinkern in die Fernsehkamera und ein bißchen Dummschwätzerei über die alltäglichen Segnungen seiner Mitbürger in Buffalo, New York: Blutspendeaktionen oder die Geschicke der örtlichen Bäckerei. Die beinahe stärkste Figur des Films, der weise Idiot (kaum überraschend: Morgan Freeman), der mittels kryptischer Papptafeln Gottes Werk auf Erden tut, erteilt der zeitweilig drohenden Apokalypse eine Absage: „Armagedon outta here“. Jede Gesellschaft bekommt halt die Götter, die sie verdient.

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