Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Der lange Weg in die Entsagung

Als Lyriker, Erzähler, Dramatiker und politischer Schriftsteller gehört Gabriele D’Annunzio zu den bedeutendsten, wenn auch umstrittensten Gestalten der europäischen Dekadenz. Schon als Kind begann er zu dichten und Kurzgeschichten zu verfassen, und 1879 – er war gerade sechzehn Jahre alt geworden – erschien bereits sein erster Gedichtband „Primo vere“. Die nächste Sammlung, „Canto novo“, zeigt den Neunzehnjährigen auf dem Weg zu sich selbst: Sinnenfreude, Lebensgier und Schwermut verfließen in Versen zu einem Wohllaut, wie ihn auch die italienische Sprache nur selten hervorgebracht hat. Im gleichen Jahr folgten die ersten Prosa-Bände mit Motiven aus den heimatlichen Abruzzen, wo er am 12. März 1863 in Francavilla bei Pescara geboren wurde. Unter dem Einfluß französischer Parnassianer und Symbolisten, englischer Präraffaeliten, Wagners, Nietzsches und Dostojewskijs entwickelte er sich zum Größten der italienischen Décadents. Das Ergebnis seiner bewußt amoralisch-ästhetischen Lebenshaltung waren neben Gesellschaftsskandalen die Romane „Lust“ (1889), „Der Unschuldige“ (1892) und „Triumph des Todes“ (1894) sowie eine Reihe von Versbüchern. Seine Beziehung zu der Tragödin Eleonora Duse stellte er in dem Roman „Feuer“ (1900) bloß. Zwischen 1900 und 1910 lag der Höhepunkt seiner literarischen Tätigkeit. Zwar waren seine „Lobgesänge des Himmels, des Meeres, der Erde und der Helden“ (1903-04) schon von Herbst- und Abschiedsstimmung überschattet, jedoch von großer dichterischer Reinheit und durchdrungen von echter Begeisterung für Schönheit und Vaterland. Erst im Mai 1915 betrat er nach einem fast zehnjährigen „freiwilligen“ Exil in Frankreich, wohin er wegen seiner immensen Schulden ausgewichen war, wieder italienischen Boden. Wenige Monate später zog er als Freiwilliger in den Ersten Weltkrieg. Obwohl ihm die Regierung verboten hatte, an Kampfhandlungen teilzunehmen, ging er als Kavallerie-Leutnant an die Front, stieg jedoch bald vom Sattel in ein Flugzeug um. Bei einer harten Notlandung seines Piloten verlor er ein Auge, was ihn aber nicht hinderte, am 9. August 1918 in einem offenen Zweisitzer über Wien zu fliegen und Flugblätter mit hämischen Parolen abzuwerfen. Wenig später wechselte er auf ein Schnellboot über und brach mit ein paar anderen Torpedobooten in den verminten Hafen von Buccari ein, um feindliche Schiffe zu versenken. Berauscht vom Krieg, fürchtete der Dichter sich vor dem Frieden. Kränkelnd und mit hohem Fieber, das er mit Kokainprisen einzudämmen versuchte, lag er in seinen Haus in Venedig. Die Friedensfreude seiner Landsleute erschien ihm wie ein „Karnevalszug ohne Ziel“. Endlich, am 11. September 1919, beginnt ein neuer heroischer Akt im Leben des Oberstleutnants der Reserve. Mit ein paar hundert bewaffneten Freischärlern aus Bersaglieri, Arditi und persönlichen Getreuen nimmt er gegen den Willen der italienischen Regierung im Handstreich Fiume, das heutige kroatische Rijeka. Ohne daß auch nur ein Schuß gefallen ist, feiert die Bevölkerung voller Begeisterung die Befreier und ernennt ihn noch am gleichen Tag zum Gouverneur der Stadt. Als er sich am späten Nachmittag zu ersten Mal vor zehntausenden Menschen auf dem Balkon des Regierungssitzes zeigt, nennt er Fiume „das Zeichen der Freiheit“. „Fiume oder Tod“ rufen seine Anhänger, und die Frauen liegen dem Dichter-Krieger zu Füßen. Der Futurist Marinetti kommt in die befreite Stadt, um den Krieg als „die einzige Hygiene der Welt“ zu preisen. Er will „auf den Altar der Kunst“ spucken und D’Annunzio beleidigt ihn als „phosphorisierenden Kretin“. Wenig später muß Marinetti Fiume verlassen, nur der Dichter darf hier seine Rolle als Herrscher und Hauptdarsteller zelebrieren. Und die Massen hängen an seinen Lippen, wenn er auf dem Balkon des Regierungspalastes spricht, stets beginnend mit dem von Mussolinis Schwarzhemden übernommenen „Eia, Eia, Alalà“. D’Annunzio hatte die Machtergreifung durch den Faschismus zunächst freudig begrüßt. Aber die „Utopie Fiume“ mit ihren ständigen Aufrufen, Proklamationen und Festen einerseits und ihrer katastrophalen Versorgung und Verschwendungssucht andererseits wurde für die italienische Regierung bald zum Ärgernis. Mit den Verträgen von Rapallo, die Fiume zum Freistaat erklären, wird er von Mussolini, der D’Annunzio zunehmend als Konkurent ansieht, politisch isoliert. Am 17. Dezember 1920 stellt ihm der italienische Senat für den folgenden Tag ein Ultimatum. Vier Tage später rücken Regierungstruppen gegen die Stadt vor, und das Schlachtschiff „Andra Doria“ beschießt den Palast. Nach schweren Kämpfen geben die letzten Fiumaner auf. Vor den Gräbern der gefallenen Grenadiere hält der Dichter seine letzte Rede: „Wir werfen heute den Trauerruf Alalà über die ermordete Stadt!“ Müde und enttäuscht zieht er sich zunächst nach Venedig zurück, um schließlich am Gardasee der Welt zu entsagen und den „Dialog mit der Melancholie“ zu suchen. Nachdem sich auch die Faschisten als Partei der Gewalt und Unterdrückung erwiesen hatten, schrieb er im Mai 1924 resigniert an den Duce: „Bleib auf der anderen Seite. Ich auf dieser.“ Nach den Jahren der Aktion suchte er nun bewußt die Einsamkeit. Seine Stimmungen wurden immer schwankender, und ein schweres Augenleiden machte ihm zusätzlich zu schaffen. An seiner grenzenlosen Egozentrik und Rücksichtslosigkleit war nicht nur die Beziehung zu der begnadeten Schauspielerin Eleonora Duse und seine Ehe mit einer Prinzessin zerbrochen. Nur eine einzige Frau ertrug die Launen Gabrieles bis zu seinem Ende, die Pianistin Luisa Baccara, die mit ihrer entsagungsvollen Liebe zu diesem wohl größten Sänger hedonistischer Lebensanschauung dessen Wandlung vom Décadent zum Mystiker des Imperialismus und vom ruhmsüchtigen, komödiantischen Großsprecher zum Lyriker des Fin de siécle bewirkte. Am 1. März 1938 starb der Romancier, Dramatiker, Frauenheld, Krieger und Dandy an dem kleinen Schreibtisch im Arbeitszimmer seines Hauses in Gardone Riviera. Literatur: Maria Gazzetti: Gabriele D’Annunzio. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek

Probeabo JF 2021 Gratis lesen

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.
aktuelles