Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Der große Unzeitgemäße

In den Erzählungen und Romanen der europäischen Gegenwart ist das Christliche ein diffuser Stoff geworden. „Religion“ war insbesondere durch das romantische Denken des 19. Jahrhunderts zum Gegenstand affirmativen literarischen Interesses geworden; zugleich mischte sich in diese Haltung das Bedauern, jenes Glaubens nicht mehr fähig zu sein, der dem Gegenstand angemessen wäre. Der dänische Philosoph Sören Kierkegaard setzte sein eindrucksvolles Negativzeichen vor die christliche Romantik: Weniger durch Opposition gegen deren ästhetisches Vermittlungskonzept, eher durch den Aufweis, daß in der Moderne die organische Verbindung zwischen religiîsem Glauben und künstlerischem Schaffen prekär geworden sei. Seinen kritischen Befund wollte er keineswegs auf den Protestantismus beschränkt wissen, sondern legte den im Laufe des 19. Jahrhunderts offen zutage tretenden Konflikt zwischen religiöser und künstlerischer Ausdruckswelt als einen aus, dem von nun an keine religiös ambitionierte Existenz mehr entgehen könne. Dem Grundmotiv der Romantiker durchaus kompatibel ruft Kierkegaards Einspruch nach der „existentiellen“ Einheit aller Lebensvollzüge, die den „Einzelnen“, die „schöne Seele“, vor ihren Gott bringen; freilich warnt er zugleich vor einem „bloß gedichteten“ Christentum, dem Reflex einer innerweltlich fungiblen Kirche derer, die in erster Linie „Bürger“ seien, vor ihrem kompensatorisch-romantisierenden Glauben aus bourgeoisem Geist. Kunst als Mittel, sich der Gottheit zu nähern Das zu literarischen Werken geronnene Christentum kritisierte nicht selten, historisierend verpackt, damalige Mißstände in Kirche, Staat und Gesellschaft; auch ein Theodor Fontane hält der religiösen Konvention seiner Zeitgenossen ein „anderes Christentum“ entgegen und läßt seine Heldinnen der „alten Religion“ nachtrauern. Freilich kann solche Kritik die von Kierkegaard geforderte Entscheidung der Existenz nicht ersetzen; zumal Künstlern der Glaube als eine unter mehreren elementaren Lebensmächten gilt; sie folgen ihrem Artisten-Impuls, nicht so sehr dem religiösen als solchem. Demzufolge wird den Neutralisten des Geistes das Christlich-Religiöse zum Stoff unter Stoffen, zum „wertfrei“ zu betrachtenden Werkmaterial, und nichts liegt solchem Schaffen dann ferner als das gläubige „Gestikulieren mit der ganzen Existenz“ (Reinhold Schneider). Die moderne christliche Literatur war mit der „romantischen Bewegung“ aufs engste verknüpft; triftige Gründe sprechen dafür, daß dieser seit jeher schwankende Boden unbegehbar geworden ist. Am Beginn stand das Wort Friedrich Schlegels, Kunst sei ein Mittel, sich der Gottheit zu nähern; Novalis identifiziert „die Poesie als absolute Kunst“ mit der christlich-universalen Religion, von der her alles poetisiert, „romantisiert“ werden solle. Die Ideen schäumten, alles hatte in allem aufzugehen, der Erdkreis würde in der christlichen „Welt“-Religion seine Einheit finden können. Aus diesen Blütenträumen ist nichts geworden. Die Säkularisierung der westlichen Hemisphäre trieb der konsumistische Liberalismus voran, die des Ostens der Bolschwismus bzw. Maoismus. Im Stammland des Protestantismus, unter Deutschen, vollzieht sie sich besonders gründlich. Eine ihrer Folgewirkungen ist das Versiegen des literarischen Nachwuchses aus dem Kirchenvolk; Autoren aus bodenständig-christlicher Religiosität waren H. von Handel-Mazzetti, P. Dörfler, H. Federer, Friedrich und Anton Schnack, K.B. Heinrich, K. Weiß und L. Derleth. Bsonders nachhaltig wirkten die Kon- bzw. Revertiten: Gertrud von Le Fort, Werner Bergengruen, Hugo und Emmy Ball, Alfred Döblin, G. Hasenkamp, Ruth Schaumann, Regina Ullmann, Elisabeth Langgässer und Reinhold Schneider; diese Autoren des zeitgeschichtlich greifbaren Katholizismus deutscher Zunge thematisierten unter anderem ihr Bekehrungserleben. Eine Elisabeth Langgässer glaubte gar an ein neues Zeitalter christlicher Literatur. Wenige Jahre später freilich ökumenisiert der frühe Heinrich Böll Mauriacs Wort vom Schriftsteller, der katholisch sei – im Gegensatz zum katholischen Schriftsteller: „Es gibt keinen christlichen Stil, gibt keine christlichen Romane; es gibt nur Christen, die schreiben.“ Letzter Dichter aus abendländischem Geist Einer dieser „Christen, die schreiben“, war Reinhold Schneider, dessen Geburtstag sich am 13. Mai 2003 zum einhundertsten Mal jährte. Der polyglotte Hotelierssohn aus Baden-Baden war der wohl letzte Dichter aus abendländisch-christlichem Geist, der Nachgeborenen „Nachricht“ von dem gab, was sich als „Geschichte“ vordem zugetragen hat. Ein unspektakuläres äußeres Leben, früher Selbsttötungsversuch, früh Berufsschreiber, viele Sprachen, viele Reisen, eine einzige Liebesbeziehung zu einer wesentlich älteren Frau, rein platonisch, eine allzeit prekäre Gesundheit, spindeldürr bei zwei Meter vier, skurrile Erscheinung: Riese mit runder Drahtbrille in schwarzem Anzug, mit Hut eiffelturmhoch. Autodidakt, entdeckt durch Anton Kippenberg vom Insel-Verlag, dort um 1930 die erste Buchveröffentlichung über Camoes, den portugiesischen Nationalepiker. Zum politisch-korrekten Widerständler stilisiert Nicolaus Sombart erinnert sich als Sechzigjähriger (Jugend in Berlin. 1933-1943) an Schneider, dem der damals 13jährige „Nico“ 1936 im Atelier des Porträtmalers Leo von König begegnete; von Schneider sei „damals ein eindrucksvolles Bild entstanden“, gleichwohl habe man beim Dargestellten „auch einen dieser unerlösten deutschen Männer“ vor sich gehabt. „Man las damals viel seinen ‚Las Casas‘. Camoes habe ich durch ihn kennengelernt und schnell vergessen.“ Nahezu vergessen ist heute auch Reinhold Schneider. Versuche, ihn für die ideologische Grundsteinlegung von BRDDR zu instrumentalisieren, finden schwankenden Boden: Die „Studien-Werkausgabe“ der TU Dresden kommt nicht voran, es fehlt an Geld und Engagement. Nach dem Ende des SED-Sozialismus sollte das ideologische Vakuum nach dem Willen der CDU-Granden Bernhard Vogel (der Schneider als Student noch persönlich kennengelernt hatte) und Kurt Biedenkopf mit einer Art christlich grundiertem Antifa-Demokratismus gefüllt werden. Dazu brauchte man einen „Abendländler“ von Format, der sich zwischen 1933 und 1945 dem „Widerstand“, zumindest aber der „Inneren Emigration“ zuzählen lassen würde. Schneider bekam in Potsdam, seinem Wohnsitz in den dreißiger Jahren, eine Gedenkplakette und in Dresden seine Studienausgabe. Er schien zur BRDDR vortrefflich zu passen: Einspruch gegen die NS-Rassenlehre, Veröffentlichungsverbot, Gestapo-Verfolgter, Teilungs- und Wiederbewaffnungsgegner, deswegen mit Adenauer und der „Amtskirche“ über Kreuz, weil er nach dem Krieg in Ost und West veröffentlichte, ein Friedensmahner aus der BRD, den man auch in der DDR druckte. Ein Bilderbuch-„Widerständler“? Willig stricken Reinhold-Schneider-Gesellschaft und ähnliche Brauchtumshüter mit an diesem Bild Schneiders; die lieblos installierte Ausstellung in der Badischen Landesbibliothek Karlsruhe ist zu Ende, kaum daß man sie betritt. Für einen Katalog ist kein Geld da. Angenommen, „Widerstand“ wäre tatsächlich die „Signatur von Schneiders literarischem Werk“, wie es den Schneider-Großverweser Professor Wolfgang Frühwald dünken will, „Widerstand … gegen den Zeitgeist, gegen seine modischen Strömungen, gegen die zerredete Welt“, so nähmen seine heutigen Herausgeber und Promotoren sein vermeintliches Ideal nicht eben ernst. Welche existentielle Realisierungsform mag der „im Auftrag der Reinhold-Schneider-Gesellschaft“ abgefeierte Grundwert „Widerstand leisten“ im Alltag von Universitätsordinarien, DFG-Präsidenten, ZDF-Hauptredaktionsleitern, Akademiedirektoren, Cheflektoren und Oberstaatsanwälten annehmen? Welche Gestalt mag solcher Widerstand unter Ministerialdirigenten, Intendanten und amtierenden Ministerpräsidenten gewinnen? Das vielzitierte Schneidersche „Gedenkwort zum 20. Juli“ (erschienen 1947) weist die Richtung; „politisch korrekt“ hat es zuzugehen, spätbundesrepublikanischer Mainstream umwabert den zur Liberalen-Ikone stilisierten großen Unzeitgemäßen. Konfrontiert man die kulturell-sozialen, religiösen und politischen Ideale der Juli-Verschwörer mit dem geistigen Haushalt der Bundesrepublik Deutschland 2003, kann keinem Zweifel unterliegen, daß Stauffenberg, Beck, Goerdeler, die Scholl-Geschwister, die Treskow und Trott heute von den hiesigen Verfassungsschutzbehörden als „Verfassungsfeinde“ beargwöhnt würden. Briefe von Sodaten des Ostheers an Schneider Will man den am 6. April 1958 in Freiburg im Breisgau verstorbenen Schneider ungemodelt entdecken, greife man zu seinen Notaten, die unter dem Titel „Winter in Wien“ posthum erschienen. Will man den jungen Schneider, den konservativ-revolutionären Kopf, lese man die Werke über Camoes, die Hohenzollern, Philipp II., Papst Innozenz, besonders aber seine Tagebücher 1930-35; den katholisierenden Schneider finden wir in seinem Buch über England, das „Gegen-Reich“, seiner Novelle über den Indio-Vater Las Casas und der Corneille-Studie. Im Karlsruher Archiv ruht der Nachlaß, darunter viele tausend Briefe, meist von Soldaten des verzweifelt ringenden Ostheers, die in den Kriegswirren Worte der Orientierung erbitten; Schneiders Sonett „Allein den Betern kann es noch gelingen“ geht damals von Hand zu Hand, aus dem Dichter, dem Ästheten, ist der um den Bestand des Reiches bangende Seelsorger deutscher Landser geworden, einer, der mit seiner ganzen Existenz gestikuliert. Einen Schneider für das Deutschland der Adenauer, Kohl und Merkel, das Europa der Brüsselaner gibt es nicht. Foto: Reinhold Schneider (1903-1958): Dichter, Ästhet, Seelsorger Die Ausstellung zu Leben und Werk Reinhold Schneiders in der Badischen Landesbibliothek Karlsruhe, Erbprinzenstr. 15, wird bis zum 7. Juni gezeigt.

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