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Der Charakterkopf

Bei diesem Buch bedeutet es eine Steigerung des Lesevorgangs, wenn man die Lektüre ab und an unterbricht, um statt im Text in der Physiognomie des Autors zu lesen. Auf dem Schutzumschlag prangt ein Selbstporträt, das der Leipziger Maler Wolfgang Mattheuer 1963, im Alter von 36 Jahren, angefertigt hat. Das Gesicht spiegelt neben tiefem Ernst, der in der Spaßgesellschaft fremdartig anmutet, Gefaßtheit und innere Sammlung, Bedrückung und Zweifel. Vor allem aber hat Mattheuer einen Charakterschädel, der im Laufe der Jahre – im Buch ist ein aktuelles Foto zu sehen – noch charakteristischer geworden ist. Mattheuer, im vogtländischen Reichenbach geboren, ist ein eigensinniger Mann, dem man abnimmt, daß auch die begangenen Irrtümer ausschließlich ihm gehören. Dieses Buch enthält Tagebuchaufzeichnungen, Reden, Interviews, Artikel und Briefe zwischen 1961 und 2002, die sich als Kommentar zum Werk und den gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen dieser Zeit lesen lassen. Das Jahr 1989 markiert zwar eine Veränderung, weil Mattheuer jetzt die Dinge ohne Umwege öffentlich ansprechen kann, aber keinesfalls einen Bruch. Mattheuers Entwicklung ist seit der Entdeckung seines Talents in der Lehrzeit zum Lithograph 1941 bis auf den Kriegseinsatz und seine sowjetische Gefangenschaft in der Tschechoslowakei, aus der er noch 1945 fliehen konnte, erstaunlich kontinuierlich verlaufen. Man erfährt eine Menge über die äußeren Risiken und inneren Konflikte, die der Versuch einer freien geistigen und künstlerischen Existenz in der DDR mit sich brachte. Mattheuer wollte, statt eine innere Emigration zu kultivieren, ausdrücklich die gesellschaftlichen Konflikte thematisieren. Allerdings sollte das von einem selbstbestimmten, freien Standpunkt aus geschehen. Sein Rückzug vom Lehrauftrag an der Leipziger Hochschule für Bildende Kunst 1972 war eine Grenzziehung gegenüber dem Staat. Die Berufung in die Akademie der DDR nahm er an, formulierte aber seine Reserve gegenüber allen Vereinnahmungsversuchen. Künstlerische Radikalität hieß für ihn, sich einerseits von vordergründiger Anti-DDR-Agitation fernzuhalten, dem aufmerksamen Beobachter aber keine Möglichkeit für den Selbstbetrug unter ideologischen Vorzeichen zu gestatten. Seine moralisierenden Kritiker werden anhand dieses Buches darüber belehrt, daß seine politische – und moralische – Urteilsfähigkeit die vieler Künstlerkollegen übertraf. Als Christa Wolf im November 1989 mit einem Aufruf „Für unser Land“ an die Öffentlichkeit ging, schrieb er ihr, die DDR sei durch die SED „fast irreparabel kaputtgemacht (worden). Aus diesem Elend heraus eine sozialistische Alternative zur BRD entwickeln zu wollen, ist ein weltfremder und gefährlicher Traum und den 16 Millionen betrogener Menschen nicht zuzumuten“. Eigensinnig ist Mattheuer geblieben. Er nennt sich nach wie vor Sozialist und bekennt sich, an Käthe Kollwitz anknüpfend, zur sozialen und gesellschaftlichen Verantwortung des Künstlers. Er besteht darauf, kein DDR-, sondern ein deutscher Künstler, kein „Ostdeutscher“, sondern ein „Mitteldeutscher“ zu sein. Er attackiert die bürgerliche Geistesfaulheit à la Helmut Kohl genauso wie eine ortlose Kunstmoderne und bekennt von den Dogmen der Kunstpäpste unbeeindruckt: „Brekers Muskelhelden und züchtige Heldinnen wie gegenwärtige Body-Building-Idole gehen mich so wenig an, wie der Filzanzug von Joseph Beuys an der Museumswand, in dem sich ein Menschenbild verlor.“ Seine DDR-Erfahrungen machen ihn sensibel für die Verwerfungen der BRD-Gesellschaft. In der westdeutschen Kulturpolitik konstatiert er einen „ekelhaften kleinbürgerlichen Opportunismus“. An Walter Jens, damals Präsident der Kunstakademie in Berlin, schrieb er 1993, „daß ich nicht passe in die Uniformität frei-marktwirtschaftlicher Salonkunst, die in der Akademie, Abteilung Bildende Kunst offensichtlich die engen Toleranzgrenzen markiert“. 1990 forderte er, daß der staatlichen Einheit eine Volksbefragung vorausgehen müsse. Nicht aus Unlust an der deutschen Einheit, sondern weil er einen gesamtdeutschen konstitutiven Akt für nötig hielt, der eine Neubesinnung über die Vergangenheit und Zukunft einschloß. Denn, so äußerte er 1993 gegenüber Günter Gaus, „diese Fortführung der alten Bundesrepublik ist unrealistisch“. 1998 formulierte er in der FAZ wesentlich schärfer: „Die Wiedervereinigung ist weitgehend zur Einvernahme des, durch die von der östlichen Siegermacht installierte leninistisch-staatskapitalistische Diktatur (Ostzone geheißen, dann DDR, und, neu, Ostdeutschland) durch den neoliberal-kapitalistischen Erfolgsstaat BRD verkommen. Die daraus wuchernde Siegermentalität – plattmachen, vergessenmachen – nervt in allen gesellschaftlichen Bereichen die Einvernahmten.“ Auch ein Interview mit der JUNGEN FREIHEIT ist abgedruckt. Gewiß, die Bedeutung Wolfgang Mattheuers wird sich auch künftig vor allem auf seine Malerei gründen. Wegen der unkonventionellen Einsichten aber lohnt die Leküre dieses Buches allemal. Wolfgang Mattheuer: „Aus meiner Zeit“. Tagebuchnotizen und Aufzeichnungen. Hohenheim Verlag, Stuttgart 2002, gebunden, 246 Seiten, 24,80 Euro

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