Das Leben erfassen

Selig waren die Theaterzeiten in den 1970er und 1980er Jahren an der Schaubühne in West-Berlin, als Peter Stein die Stücke von Botho Strauß, Anton Tschechow und Maxim Gorki inszenierte. Seine Stars hießen Edith Clever, Jutta Lampe, Corinna Kirchhoff, Bruno Ganz und eben Otto Sander, über den im Berliner Henschel-Verlag ein Bildband erschienen ist. Man kann sich nun aussuchen, in welchem Fach und in welcher Rolle Sander einen am meisten anspricht: Ob in Eric Rohmers „Die Marquise von O.“, in dem er den Bruder der Marquise spielt, in der „Blechtrommel“ oder in Wolfgang Petersens „Boot“. Oder im „Himmel über Berlin“, wo Wim Wenders eine Berliner und deutsche Ikonographie und darin die Wiederentdeckung des Tragischen wagte. Was gewiß nicht gelungen wäre ohne Sander als Engel Cassiel, eine Rolle von „komplizierter Ungreifbarkeit“, wie der Autor Klaus Dermutz schreibt. Die Existenz der Engel ist aufgespannt zwischen zwei Polen: Der eine ist die Fähigkeit, die Erscheinungen des Lebens gedanklich zu durchdringen, der andere die Unmöglichkeit, die sinnlichen, materiellen Qualitäten des Lebens – im Wortsinne – zu erfassen. Daraus ergeben sich Melancholie und der Wunsch nach Grenzüberschreitung. Wenders zitierte einen Topos der deutschen Kulturgeschichte, und Sander verkörperte ihn, ohne dabei ins Kitschige oder Nebulöse abzugleiten. Aber noch mehr als die Filmbilder überzeugen die gestochen scharfen Fotos von der Schaubühne. Im Mittelpunkt stehen dabei Tschechows „Drei Schwestern“ in der Peter-Stein-Inszenierung von 1984. Sander spielte den Werschinin, einen erfolgreichen Offizier, in dem sich eine unendliche Langeweile ausgebreitet hat. Er kann die offerierten Sinnangebote als Daseinszweck nicht länger akzeptieren, seine Existenz bezieht sich auf kein Ideal mehr, das über ihn selber hinausweist. Derart auf sich selber zurückgeworfen, empfindet er den horror vacui, der ihn über die Ich-Flucht in den Eskapismus zwingt. Die Eskapade ist die Rolle des Don Juan, die aber eben nur eine Rolle ist, die er im Moment des Abschiednehmens wieder durchbricht. In diesem Moment blitzt auf, was ein Mensch sein könnte und sein müßte! Diese Fotos wirken auf den Betrachter am stärksten – vielleicht, weil eben hier der Schlüssel zum Verständnis für die Kunst Otto Sanders liegt. Sein Eskapismus ist die Besessenheit des Schauspielers. Indem er die Tragik des Werschinin auf der Bühne lebt, läßt er aufscheinen, was Kierkegaard als die kulturschaffende Funktion und Dynamik der Langeweile beschrieben hatte. Sander ist jedenfalls ein hochreflexiver Schauspieler, der sich schon in seinen Schulaufsätzen auf Jaspers und Ortega y Gasset bezog. Dieses Buch ist ein Arbeitsbuch in einem ganz speziellen Sinne, weil es nicht um Glamour, sondern um die gesammelte Kraft einer Persönlichkeit geht, die hart gearbeitet hat, vor allem an sich selbst. Die große Präsenz dieses Schauspielers mit dem blassen Teint und den roten Haaren ist etwas Erstaunliches. Der jetzt 62jährige wurde wegen seiner Haarfarbe und weil er schnell Sonnenbrand bekam, als Kind viel gehänselt. Er mußte den Clown mimen, um sich nicht unterkriegen zu lassen. Leider wird die Überschrift des ersten Kapitels: „Die Angst des rothaarigen Jungen aus Peine“, erst im letzten Kapitel, das ein langes Interview mit ihm enthält, eingelöst. Aber das Beste an Sander kann dieses Buch doch nicht vermitteln: die magische Wirkung seine Stimme. Sie klingt aufgerauht, beinahe heiser, und ist trotzdem ganz dunkel, sinnlich, warm. Sie besitzt die optisch-taktile Qualität von schwarzem Samt. Ein kurzes Kapitel heißt „Die Stimme“, darin ist die Rede vom „Dienst am Wort“. Das assoziiert einen Gottesdienst – und ist in der Tat die einzig realistische Beschreibung dieses Phänomens. Auch die Stimme ist Ergebnis harter Arbeit, von Sprechexerzitien bis zur Heiserkeit. Dieses Buch eignet sich wunderbar zum Blättern im theaterlosen Sommer. Da freut man sich auf den Herbst. Fotos: Ensemble der Schaubühne in West-Berlin, 1971: Claus Peymann diskutiert mit Peter Handke (zweiter von rechts mit Brille) und den Schauspielern. In der Mitte am Kopfende des Tisches sitzt Otto Sander. Klaus Dermutz/ Karin Meßlinger: Otto Sander. Ein Hauch von Anarchie darf schon dabei sein …. Henschel Verlag, Berlin 2002, 240 Seiten, Abb., geb., 29,90 Euro

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