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Bis zur Überdrüssigkeit

Im Jahre 1957 war in einer Ausgabe des Londoner Times Literary Supplement zu lesen, „einer der erstaunlichsten Aspekte“ der Nachkriegsliteratur sei „der Appetit der Deutschen auf die Kalamitäten und Einzelheiten ihrer Niederlage“. Dieser anhaltenden Unersättlichkeit ist wohl auch das Buch von Ralf Georg Reuth zu verdanken, der aus der strengen Schule Andreas Hillgrubers hervorgegangen ist. Der Mut des Verfassers ist zu bewundern, nach Sebastian Haffners „Anmerkungen zu Hitler“ (1978) das Wagnis einer politischen Biographie Hitlers zu unternehmen, auch weil er zur Hitler-Exegese keine grundlegend neuen Erkenntnisse beiträgt. Eher handelt es sich um eine handliche und gescheit angelegte Kompilation der mittlerweile kaum mehr zu bewältigenden Literatur über Hitler. Die streckenweise durchaus spannende Lektüre ist weniger zeitraubend als etwa die Werke von Joachim Fest und Ian Kershaw. Verdienstvoll und sehr anregend ist jedoch der konsequent durchgehaltene Ansatz Reuths. Nicht nur, daß er Hitlers Programm als von Anfang an auf Krieg zum Machtgewinn in Europa und die physische Vernichtung der „jüdischen Rasse“ gerichtet sieht, sondern er destilliert den Aufstieg und das Handeln dieser durch die Wirren am Ende des Ersten Weltkrieges nach oben geschwemmten menschlich so nichtswürdigen Existenz aus den bedrückenden Zeitumständen. Reuth schreibt überzeugend der mittlerweile verbreiteten Tendenz entgegen, die Wirkung des Versailler Vertrages, namentlich des unheilvollen „Kriegsschuldparagraphen“ (Artikel 231) auf das Innenleben der ersten deutschen Republik zu minimieren. Zu dieser bewußten Demütigung gesellte sich bald, wie Reuth betont, eine verbreitete irrationale Furcht vor dem in Revolution und Bürgerkrieg in Rußland zur Macht gelangten „jüdischen“ bolschewistischen System, dessen Agentur in Deutschland zunehmend als Bedrohung empfunden wurde, die ja auch zur Destabilisierung der Weimarer Republik wesentlich beitrug. In diesem von Hitler demagogisch verstärkten explosiven Gemisch – Versailles-Syndrom und militanter Antibolschewismus in einer Republik ohne gestandene Demokraten – wird das durch Hitlers Einsetzung zum Reichskanzler ausgelöste „emotionale Erdbeben“ (Heinz Gollwitzer) recht verständlich, das Reuth in seinem Kapitel „Der Bauernfänger im Mantel Friedrichs des Großen“ sehr anschaulich beschreibt. Über die Geschichte von 1933 bis 1945 sind wir ja hinlänglich im Bilde. Reuth macht in seiner Darstellung dagegen begreiflich, wie der lange Schatten Hitlers durch die im wesentlichen von ihm gestaltete deutsche Geschichte jener zwölf Jahre mit ihren Rückwirkungen auf Europa die Nachlebenden und Nachgeborenen erfaßt, die sich weiter schwertun, „die Balance zwischen einem nationalen Selbstbewußtsein und einem verantwortungsvoll-verpflichtenden Erinnern zu finden“, auch weil die Instrumentalisierung der Vergangenheit in der politischen Auseinandersetzung andauert. Dem Manuskript ist leider nur ein oberflächliches Lektorat zuteil geworden. Verwunderlich bei einem Biographen auch Rommels ist Reuths Unsicherheit in militärischen Termini. Ihm unterlaufen viele vermeidbare Flüchtigkeitsfehler im gleitenden Übergang zu sachlichen Irrtümern, was in der Summe durchaus geeignet ist, den unzweifelhaften Wert des Buches zu beeinträchtigen. Um nur einiges herauszugreifen: Spätestens seit der 1967 erschienenen Seeckt-Biographie von Hans Meier-Welcker ist erwiesen, daß die Seeckt zugeschriebenen Worte „Truppe schießt nicht auf Truppe“ am 13. März 1920 so nicht gefallen sind. Der Kronprinz Rupprecht von Bayern war am Abend des 9. November 1923 im Bürgerbräukeller nicht anwesend, wohl aber sein Kabinettschef Graf Soden. Der Führer des „Bundes Oberland“ und Mitangeklagte im Hitler-Prozeß hieß richtig Friedrich und nicht Alfons Weber. Seeckt hatte als Chef der Heeresleitung – nicht „Stabschef der Reichswehr“ – im Oktober 1926 seinen Abschied genommen, also fünf Jahre vor der Zusammenkunft der „Harzburger Front“ am 11. Oktober 1931, an der Seeckt als Reichstagsabgeordneter (seit September 1930) der Deutschen Volkspartei teilnahm. Die Untersu­chung von Hans-Adolf Jacobsen über den Fall Gelb, der Kampf um den deutschen Operationsplan zur Westoffensive (Wiesbaden 1957) ist durch das Buch von Karl-Heinz Frieser: „Blitzkrieg-Legende. Der Westfeldzug 1940“ (München 1995) endlich zur Maku­latur geworden. Keineswegs war Manstein Ende 1939 „Befehlshaber der Heeresgruppe A“, das war Rundstedt, Manstein – niemals ein „Hitler-Günstling“ – dessen Chef des Generalstabes. Entgegen Reuths Annahme klärt Frieser auch überzeugend das „Wunder von Dünkirchen“, den umstrittenen Halt-Befehl für die deutschen Panzerverbände an der Kanalküste vom 24. Mai 1940 zur Mittagsstunde. Der Verfasser verwechselt den Rittmeister d. Res. Fürst Alexander zu Dohna-Schlobitten mit seinem Onkel, dem Generalmajor a. D. Heinrich Graf zu Dohna-Schlobitten, Herr auf Tolksdorf. Der Rittmeister d. Res. war natürlich auch kein Generalstabsoffizier, wenn auch in einer Generalstabsverwendung eingesetzt. Das von Reuth wiedergege­bene Zitat aus dem Buch des Fürsten „Erinnerungen eines alten Ostpreußen“ (Berlin 1989) findet sich dort auf Seite 249, nicht auf Seite 266 folgende. Hans-Bernd Gisevius, der „Karl May des deutschen Widerstandes“ (Rudolf Pechel), war kein „Abwehroffizier“, sondern von 1940 bis 1944 Abwehrbeauftragter beim deutschen Generalkonsulat in Zürich. Er wurde nach dem 20. Juli 1944 auch nicht festgenommen, wie Reuth schreibt, sondern ihm gelang unter abenteuerlichen Umständen nach einem Aufenthalt in Berlin zur Zeit des Umsturzversuches die Rückkehr in die Schweiz. Hinsichtlich der Bewertung des im 20. Juli 1944 gipfelnden „mili­tärisch-konservativen Widerstands“ neigt der Verfasser zu der neuerdings modischen herablassenden Kritik an den noch nicht der Werteord­nung des Grundgesetzes verpflichteten zeitbedingten Vorstellungen der Verschwörer. August Winnig hoffte im Jahre 1949, man werde der Beschäftigung mit Hitler bald überdrüssig sein. Zugleich fürchtete er, „daß wir noch die Entstehung einer Hitler-Legende erleben werden“ („Aus zwanzig Jahren“, Hamburg 1949). Die Hoffnung des heute zu Unrecht vergessenen national empfindenden, sozial geprägten Konservativen ist nicht in Erfüllung gegangen. Wenn schon Hitler selbst durch sein Tun und sein Ende dem Aufkommen einer Legende keinen Auftrieb gegeben hat, so entkräftet immerhin auch das Buch von Reuth die Befürchtung Winnigs. Foto: Adolf Hitler mit einer zahmen Dohle (undatiert): Keine grundlegend neuen Erkenntnisse Ralf Georg Reuth: Hitler. Eine politische Biographie. Piper Verlag, München 2003, gebunden, 685 Seiten, 24,90 Euro Dr. Georg Meyer arbeitete als Historiker beim Militärgeschichtlichen Forschungsamt (MGFA). 2001 veröffentlichte er die Biographie „Adolf Heusinger“ im Verlag Mittler & Sohn.

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