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Narzistischer Aufsteiger

M it Klaus Wowereit hat Berlin den elegantesten deutschen Ministerpräsidenten, doch was hat die Stadt davon? Gar nichts! Die von der Hauptstadt-SPD offerierte Wundertüte hat sich als leer erwiesen. Während die Hiobsbotschaften über Finanzkatastrophen, Tariferhöhungen und Schließungen von Einrichtungen einander jagen und gleichzeitig die verantwortlichen Bankrotteure in aller Ruhe ihre Pensionen einstreichen, ist der Regierende Bürgermeister höchstens in den lokalen Klatschspalten vorhanden. Um bei der Koalition von SPD und PDS zu beginnen: Wenn es Wowereit wenigstens gelänge, die PDS zu domestizieren, so wie es Schröder mit den Grünen vorgeführt hat, dann würde diese unmögliche Verbindung politisch vielleicht Sinn machen. Zumal die drei PDS-Senatoren sich als Totalausfälle erweisen und selbst der flamboyante Gregor Gysi – was außerhalb Berlins noch nicht recht bemerkt wird – als macht-, kraft- und ratloser Wirtschaftssenator Alltagsgrau angesetzt hat. Wowereit aber hilft dieser Partei aus der Klemme, indem er das Bündnis mit ihr als Beitrag zur „inneren Einheit“ darstellt. So erhält die PDS den Ritterschlag als legitime Vertreterin „des Ostens“. Von einer derart komfortablen Lage konnte selbst die SED nur träumen. Wowereit ist ohne Gespür für die Geschichte der Stadt und seiner eigenen Partei. Das geschichtliche Kapital, das Ernst Reuter und Willy Brandt hier mit ihrer Standfestigkeit gegen Ulbricht und Konsorten angehäuft hatten, ist von ihm nicht einfach nur aufgezehrt, vielmehr verschleudert worden. Er macht keineswegs den Eindruck, sich dabei mit bösen Hintergedanken zu tragen. Wowereit macht nämlich niemals den Eindruck, von Gedanken beschwert zu sein. Ideenreiche Sachpolitik? Wegweisende Konzepte? Gesellschaftspolitische Vorstellungen? Ein klärendes Wort zumindest? Fehlanzeige! Seine Regierungserklärung wirkte auf die eigene Fraktion wie eine Schlaftablette. Außer einer gefälligen Oberfläche ist da nichts. Wie er sich handstreichartig aus der zweiten Reihe der Partei an die Spitze der Stadt katapultiert hat, das bewies taktisches Geschick. Er ist ein Mann der Hinterzimmer, der Kungelrunden, den man ungern zum Feind hat. Doch einmal im Amt, fehlt es ihm an Führungskraft, an kommunikativen Fähigkeiten, wohl auch an Bildung, um Orientierung, Zuversicht, eine politische Linie zu vermitteln. In Reden und Interviews kommen ihm keine zwei Sätze sauber über die Lippen. Wowereit im Februar in einem Studiointerview des „Deutschlandfunk“: „Wir haben ja eine historisch bedingte Situation gehabt in den Zeiten nach dem Zweiten Weltkrieg, daß die Republik ja keine Hauptstadt hatte im eigentlichen Sinne. Wir hatten einen Regierungssitz, wir hatten eine noch im Geiste und formale Hauptstadt auch Berlin, aber wir hatten ja keine Metropole, die gleichzeitig Regierungssitz war. Dadurch hat sich in der Bundesrepublik etwas entwickelt, was es in kaum einem anderen Land der Welt gibt, daß nämlich eine wirtschaftliche Entwicklung abgekoppelt war von der Entwicklung der Hauptstadt und der Metropole eines Landes. (…) Wir sind nicht nur Hauptstadt der Berlinerinnen und Berliner, sondern auch der Schweriner, der Münchener. Und dies muß auch erfahren werden emotional und natürlich auch intellektuell.“ Ob jemand, der so konfus redet, überhaupt klar denken kann? Seine wichtigste Leistung bleibt sein öffentliches Bekenntnis („Ich bin schwul, und das ist auch gut so!“), mit dem er eine halboffene Tür zur Gänze aufstieß. Es trug ihm viel Sympathie ein, weil es auf Authentizität und Mut und damit auf Sekundärtugenden hinzuweisen schien, die ihn zum fähigen Politiker qualifizierten. Im Rückblick sollte man besser davon sprechen, daß er, ehrgeizig und das Amt des Berliner Regierungschefs zum Greifen nah vor Augen, alles auf eine Karte setzte. Parallel dazu wurde seine Opernliebhaberei an die Öffentlichkeit lanciert. So schien sich mit seinem Aufstieg auch eine Kultiviertheit anzukündigen, an der es in der verzopften Berliner Landespolitik mangelt. Auch das ein Mißverständnis! Als sein Gegenspieler Frank Steffel ihn – was in der Tat unmöglich ist – als „degenerierten Charakter“ bezeichnete, herrschte allgemeine Empörung. Man unterstellte Steffel Schwulenhaß. Davon konnte keine Rede sein. Im Aufruhr gingen alle weiteren Erklärungen unter. Steffel berichtete, daß ihm Wowereit noch unmittelbar vor dem Koalitionsbruch im Juni 2001 mit treuherzigem Augenaufschlag versichert hatte, daß er fest zur Koalition mit der CDU stünde. Nach dem Debakel sei er dann seinem Blick konsequent ausgewichen. Was Steffel meinte: Niemand solle sich täuschen, er ist ein ganz durchtriebener Bursche. Seine Durchtriebenheit hat Wowereit bei der Abstimmung zum Zuwanderungsgesetz im Bundesrat öffentlich unter Beweis gestellt. Er ist gewiß nicht intriganter als andere Politiker seines Ranges, doch weil er seinen Karrieresprung (von seiner Strippenzieherei natürlich abgesehen) ausschließlich einem makellosen Strahlemann-Image verdankt, er politisch aber überhaupt nichts vorzuweisen hat, fällt dieser Charakterzug bei ihm ungleich schwerer ins Gewicht. Besonders sehen sich jene getäuscht, die ihm ein enges Verhältnis zur Kultur unterstellt hatten. Es war eine Selbsttäuschung. Die Kulturpolitische Sprecherin der Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus, Alice Ströver, hat ihm in einem Interview sogar eine direkte Mitverantwortung für die katastrophale Lage der Berliner Kultureinrichtungen zugewiesen: „Es war Herr Wowereit, der die Strukturdebatten verhindert hat. Er hat Stölzl (damals Kultursenator, heute designierter CDU-Vorsitzender, D.N.) aus Gründen der puren Selbstprofilierung konsequent gedemütigt. Auch da, wo Stölzl gute Vorschläge gemacht hatte, hat er sie boykottiert, wo er konnte. Vielleicht mag er privat die Oper, zur Kulturpolitik hat er ein rein instrumentelles, strategisches Verhältnis, das letztlich zynisch ist.“ Bleibt noch der „Regierende Partymeister“ übrig: Der aus dem Damenschuh Sekt schlürft. Der mit dem Schweizer Botschafterehepaar Borer-Fielding (das wegen seiner Publicitysucht abberufen wurde) im „Borchardt“ speist. Der mit Starfriseur Udo Walz (der dem Kanzler für 33 Euro die – ungefärbte – Haarpracht richtet) befreundet ist. Der mit Sabine Christiansen (die jede kluge Antwort garantiert mit einer dummen Frage unterbricht) im Blitzlichtgewitter eng umschlungen den Slowfox tanzt. Die letzten Zeitungsspekulationen drehten sich darum, ob er mit Christiansen und Walz den Osterurlaub verbracht hat. Klatschsucht der Presse? Auch. Aber was soll sie über Klaus Wowereit sonst berichten? Es gehört zum Geschäft, daß ein Politiker sich medial aufbläst, verpacken läßt, verkauft. Wenn Gerhard Schröder den souveränen Weltstaatsmann, das grüne Herzchen Claudia Roth die globale Menschenrechtsmutti und der alerte Guido Westerwelle den neoliberalen Erfolgsmenschen mimt, dann sind da immer noch Restspuren einer politischen Botschaft. Bei Wowereit ist außer persönlicher Gefall- und Genußsucht nichts zu erkennen. Selbst dort, wo er eine eminent politische Weichenstellung vornimmt – was mit der SPD/PDS-Koalition der Fall ist -, geschieht das unreflektiert, wie nebenbei. Das Politische ist ihm bloß eine lästige Begleiterscheinung. Auf Fragen reagiert er patzig, als gälte es, persönliche Beleidigungen abzuwehren. Wowereit verkörpert eine Extremform des politisierenden Egomanen, zu dessen Erklärung die üblichen Muster nicht mehr ausreichen. Man muß nochmals auf sein Outing zurückkommen. Das Publikum hat es freundlich und ohne viel Aufhebens zur Kenntnis genommen und hat dann einfach erwartet, daß er sich an die Politik macht. Es hat sich damit reifer, erwachsener, emanzipierter erwiesen als Wowereit selbst. Der nämlich schien seitdem vor allem von der Absicht getrieben, sein öffentliches Erfolgserlebnis und die Erleichterung über die Lösung des persönlichen Konfliks ins Endlose wiederholen und verlängern zu wollen, bis hinein ins Politikgeschäft. Die politische Bühne dient ihm als Spiegelkabinett seines narzistischen, unfertigen Selbst. Darin lächelt es ihm aus allen Richtungen zu: Ich! Ich! Ich! Wowereit ist Parteikarrierist, sozialliberaler Aufsteiger und das, was der amerikanische Kulturwissenschaftler (und bekennende schwule Opernfan) Wayne Koestenbaum als – mit Verlaub – „Operntunte“ bezeichnet. Die schwule Vorliebe für die Oper ergibt sich aus den ihr eingesenkten, psychologischen Konstellationen und Präzedenzfällen, die sich, im Gegensatz zu den tradierten sozialen Rollenmustern, zur Identifikation anbieten. Im Extremfall verselbständigt sie sich. Aus dieser Perspektive löst sich auch der merkwürdige Widerspruch zwischen Wowereits privater Liebhaberei und seinem „zynischen“ Verhältnis zur Kulturpolitik auf: Die Imagination dominiert die Realität, die private Passion läßt die – politische – Frage nach den Voraussetzungen ihrer Erfüllung als banal, lästig erscheinen. Man möchte vor allem „anständig aussehen, geschniegelt, parfümiert, gekämmt, kompakt – angezogen wie zum Essen mit prähistorischen Autoritätsfiguren in einem zweitklassigen Restaurant, das sich für ‚erlesen‘ hält.“ Diesem Talmi-Ort entspricht aktuell die glamouröse Halbwelt, die von Friseuren, Moderatoren, Partygängern, den Verkäufern des flüchtigen Scheins, besiedelt wird. In ihr fühlt sich auch der passionierte Opernfan wohl, weil zu seinen „Geschmacksvorlieben und typischer Lebensgeschichte ein unablässiges Fahnden nach ersten Auftritten gehört“. Nur ist es für eine bankrotte Dreieinhalb-Millionen-Stadt tödlich, wenn ihr Regierender Bürgermeister sie mit einer Showtreppe für den eigenen großen Auftritt verwechselt.

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