Joachim Kuhs

 

Kantiger Stoiber eckt an

Daß ein deutscher Kanzlerkandidat als erstes einen Antrittsbesuch in Washington machen muß, um im Weißen Haus die höheren Weihen zu empfangen, erscheint als Erbteil der alten Bundesrepublik. Nun hat also auch Unions-Aspirant Edmund Stoiber den Weg in die USA beschritten – pragmatisch könnte man sagen: Warum eigentlich nicht? Allerdings kommt es darauf an, was man aus einer solchen Reise macht – und hier sind leider einige kritische Bemerkungen nicht zu vermeiden. Daß sich der Unionskandidat geradezu enthusiastisch zeigte, von Bush empfangen zu werden, mag noch angehen. Wenn aber der mögliche künftige deutsche Kanzler ausgerechnet anläßlich eines Washington-Besuchs in der delikaten Nahostfrage undifferenziert gegen die Palästinenser Partei ergreift und Arafat in einer Weise attackiert, wie es nicht einmal der amerikanische Präsident tat, dann sind erhebliche Zweifel angebracht. Natürlich sind die USA Deutschlands Verbündeter, natürlich sollte man die prekäre Lage Israels berücksichtigen. Aber warum muß sich der konservative deutsche Kanzlerkandidat weiter aus dem Fenster lehnen als die Amerikaner? Wäre Franz Josef Strauß in diese Lage geraten, hätte er – auch im Hinblick auf die deutsch-arabischen Beziehungen – das Problem eleganter gelöst: mit einer Portion Gaullismus, damit klar wird, daß ein Bündnispartner kein Satellit ist. Und er hätte nicht leichtfertig die Tür zur arabischen Welt zugeschlagen. Stoiber in der Rolle des Zauberlehrlings: Eigentlich schade.

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