Ideenreich

Johann Sebastian Bach war einer der Titanen der Musik. Seine Musik ist allgegenwärtig, sowohl im sakralen Bereich als auch in der profanen Welt von Konzert und Unterricht. Damals war das Erlernen eines Instrumentes und das Schöpfen von Musik noch ein einheitlicher Vorgang: der Vater unterrichtete die Söhne, der Lehrmeister die Gesellen. Man lernte Musik als Handwerk und war danach fit für alle musikalischen Gelegenheiten von der hohen autonomen Kunst bis zum schlichten Begräbnislied. Das „Clavier“ – so nannte man alle Tasteninstrumente außer der Orgel – war das allgemeine Basisinstrument für die Musikausbildung. Bach hatte dafür einen klaren Blick und begann am 22. Januar 1720 mit der Niederschrift des Notenbüchleins für Wilhelm Friedemann. Die 15 zweistimmigen Inventionen und 15 dreistimmigen Sinfonien wurden bis 1722 nach und nach eingetragen. Ein Jahr später verfertigte er eine Reinschrift mit dem sperrigen Titel: „Auffrichtige Anleitung, wormit denen Liebhabern des Clavieres, besonders aber denen Lernbegierigen, eine deütliche Art gezeiget wird, nicht allein mit zwei Stimmen reine spielen zu lernen, sondern auch bey weiteren progreßen mit dreyen obliganten Partien richtig und wohl zu verfahren, anbey auch zugleich gute Inventiones nicht alleine zu bekommen, sondern auch selbige wohl durchzuführen, am allermeisten aber eine cantable Art im Spielen zu erlangen, und darneben einen starcken Vorgeschmack von der Composition zu überkommen.“ Die 1967 in der Ukraine geborene Alena Cherny, die viele Preise gewonnen hat und auf zahlreichen internationalen Festivals konzertiert, spielt sehr frei im Tempo, manchmal etwas zu manieristisch, insgesamt aber wohltuend zurückgenommen und ohne Selbstverwirklichungs-Schnickschnack. Felix Friedrich, der ideenreiche Interpret aus Altenburg, präsentiert Werke von Bach und seiner Zeit an der Silbermann Orgel zu Schloß Burgk, ehemals Hauptstadt einer der zahlreichen Kleinstaaten innerhalb der Grenzen des heutigen Landes Thüringen. Der Orgel aus dem Jahre 1742 werden von Felix Friedrich originelle, unsakrale Klänge entlockt. Neben Werken von Bach, seinem Verehrer Georg Anton Sorge, Händel, Haydn und Mozart verblüffen und erheitern vor allem die „Sechs Präludien für die Orgel“ von Bedrich Smetana, die böhmische Volksmelodien und Parodien auf Leierkastenklänge anklingen lassen – es ist sehr vergnüglich, dieses Repertoire auf einer Silbermann-Orgel zu hören. Im „Andante C-Dur“ von Felix Mendelssohn Bartholdy krönt Friedrich seine beachtenswerte Leistung durch eine Perle entspannter, abgeklärter Orgelpoesie. Die englischen Orgeln der Bach-Händel-Zeit hatten zumeist kein Pedal. Händel konnte an diesen Instrumenten durch vollgriffige Kontrapunktik überzeugen und wirkte auf die englischen Musikliebhaber wie ein Hexenmeister. Johannes Geffert, Professor für Orgel an der Musikhochschule Köln und von Kindheit an mit den Traditionen der Kirchenmusik vertraut, präsentiert folgerichtig auch eine ganz andere Art des Orgelspiels an der Byfield-Orgel (1765) von St. Mary’s Rotherhithe, London. Opernfragmente, Stücke für die Flötenuhr, Variationen über „Kuckuck und Nachtigall“, geistliche Musik: das ganz breite Spektrum wird von Geffert zum Klingen gebracht. Eine teilweise üppige Registrierung, aber auch Humor und viel verspieltes Figurenwerk gehen bruchlos auseinander hervor und ineinander über. Drei vorzügliche Booklets dokumentieren für den Orgelfreund alle technischen und musikalischen Details. J. S. Bach: Inventionen und Sinfonien V-H-1999; Felix Friedrich an der Silbermann-Orgel zu Schloß Burgk / VKJK 0119; Händel in London VKJK 0115. Alle CDs im Internet: www.querstand.de

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