Joachim Kuhs

 

Wochenschau

Sonnabend, 21. Juni 2014

Der Beatles-Song „Taxman“ ist heute zwar immer noch hochaktuell, aber genauso gut könnte ich mir unter dieser Musik auch einen Titel unter dem Motto „Selfie“ vorstellen – so omnipräsent ist dieses Phänomen.

Sonntag, 22. Juni 2014

Asiatische Schülerin im Café berichtet ihrer Freundin von ihren manifesten Träumen: „Ich laufe nur, und die Menschen sterben alle um mich herum – kennst du so’ne Träume nicht?“

Dienstag, 24. Juni 2014

Die Süddeutsche Zeitung beschert mir ein Déjà-vu: Als wäre es typische DDR-Regierungspropaganda im Neuen Deutschland oder der Jungen Welt am Ende der 80er Jahre, will die SZ ihren Lesern weismachen, daß die Energiewende auf eine Frage des Neuererwesens reduziert werden könne. „Klüger wohnen: Der Erfolg der Energiewende hängt auch davon ab, daß im Haus der Zukunft der Computer nicht nur die Solaranlage, sondern auch die Temperatur des Kühlschranks und den Zeitpunkt fürs Wäschewaschen regelt. Ein Pilotprojekt in Hildesheim zeigt, wo es noch hakt“ – nach Lesen der Überschrift mußte ich unwillkürlich auflachen.

Der Ofen ist aus: Zur Feier des Tages, nach Italiens Niederlage gegen Uruguay, in der linken Pizzeria „Due Forni“, wo ich 2006 eine beneidenswert rauschhafte WM-Feier erlebte. Über der Küche hängt die Regenbogenfahne mit der Aufschrift PACE – hinter meinem Rücken guckt grimmig Che Guevara, dessen Konterfei auch nochmal am Ausgang mit „Virtus Fans / La revolutione non russia“ grüßt. Wo bleibt der Protest der „Siegessäule“-Aktivisten bei solcherart homophober Propaganda? Schließlich ließ „Che“ hunderte Homosexuelle in einem Stadionrund während der Revolution standrechtlich erschießen; leider sind die Quellen hierzu im Internet rar. Besser dokumentiert sind vielleicht Ströbeles Auftritte mit Che-Schals.

Freitag, 27. Juni 2014

Alarm – Pädophilie in der Bibliothek des Konservatismus! Am Ende seines Vortrags erklärt Karlheinz Weißmann unumwunden: „Ich hab meine ersten Jungs für ein, zwei Mark gekauft.“ – Natürlich handelte es sich um ein Antiquariat, und mit den „Jungs“ sind die Buchtitel von Edgar Julius Jung gemeint, der heute vor 80 Jahren – zusammen mit der Ermordung der SA-Führung um Röhm – erschossen wurde. So ist das eben mit der „Herrschaft der Minderwertigen“.

Sonnabend, 28. Juni 2014

Realityrest / Koffer in Berlin (Bürgersteig, Frau mit Mobiltelefon): „Entschuldige, du hast jemand den Koffer ausgeliehen? Wieso mußt du ihn dann zurückholen?“

Salzgitter II: Arm, aber richtig – in der Süddeutschen Zeitung Bericht über die Baupanne BER. Allein die „Stillstandswartung“ verschlingt monatlich 17 Millionen Euro Steuergeld. – Die für die Schließung Tempelhofs Verantwortlichen in der Politik müssen dereinst vor Gericht gestellt werden.

Mehmet Scholl bekennt nach dem Elfmeterschießen zwischen Brasilien und Chile, er habe jetzt eine „Gänsehautentzündung“ bekommen. Wahrscheinlich müssen die Gebührenzahler auch hier für die Heilkosten aufkommen. Diese sinnlose Nachbepriesterung der Spiele im TV-Studio ist eine unglaubliche Vergeudung der öffentlich-rechtlichen Zwangsgebühr. Gleiches gilt für die – weder echte Unterhaltung noch wirkliche Information – bietende Runde auf dem Badeschiff in Berlin-Treptow, die der ganzen Nation in den Bildschirm reingekippt wird. Erinnere mich dann jedesmal an die Pressevorfühung der „Deutschlandsafari“ im ARD-Hauptstadtstudio, als mich ein saturierter WDR-Senderverantwortlicher zu beruhigen suchte: „Wir haben so viel Geld – wir brauchen nicht zu rechnen!“

Seit einiger Zeit hat die F.A.Z. ihre Ressorts getauscht. Das Feuilleton kommt jetzt – wie bei der Süddeutschen – gleich nach dem Politik-Teil als zweites Buch. Im Prinzip stimmt das auch: Der Wirtschaftsteil der Frankfurter Allgemeinen ist dort heute lesenswerter als das Feuilleton. Die berüchtigte Geste einstiger linksliberaler Großköpfe, die in einem pantomimischen Akt den Kulturteil aus der Zeitung herausfilterten, ist heute unvorstellbar gestern.

100 Jahre Attentat von Sarajevo – wieso spielt dort nicht Franz Ferdinand, deren letztes Album den Titel „Right Thoughts, Right Words, Right Action“ trug? Die Wiener Philharmoniker machen doch sowieso schon das Neujahrskonzert.

Sonntag, 29. Juni 2014

Der Tagesspiegel: „SPD nennt Feierabend ein Menschenrecht.“ Stunden später erscheint die Arbeits- und Sozialministerin Andrea Nahles auf dem Bildschirm. Mit Blick auf die Einführung des Mindestlohns faselt sie von der planmäßigen „Einphasung“. Und ich denke: Wie wäre es mit der „Einphrasung“?

Die F.A.S. veröffentlicht auf einer halben Feuilleton-Seite einen Text von Wladimir Putin: „Auge in Auge mit der Natur: Wie ich einmal einen Grauwal jagte und dabei entdeckte, was wesentlich ist.“ Wir wissen das, beim Blick auf die Zeitung, immer weniger.

Montag, 30. Juni 2014

Griechenland – nach dem WM-Ausscheid fehlt nur noch der Euro-Austritt.

Pistorius kommt aus der Psychiatrie zurück, nun soll seine Schuldfähigkeit festgestellt werden. Den Oscar hat er schon.

Islam vor – noch ein Tor? Mal sehen, wie Deutschaland sich gegen Islam Slimani wehrt, den Star des algerischen Fußballs und WM-Torschützen.

 

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