Pozner, Dugin, Putin und die Geopolitik

Ostermontag, und wieder nur Ödnis im öffentlich-rechtlichen Zwangsgebühren-Demokratieabgabenfunk. Bei den Privat- und Unterschichtssendern sieht’s auch nicht besser aus. Mal ausweichen ins Staats-TV aus dem neuen alten Reich des Bösen: russisches Fernsehen, Erster Kanal.

Der Anteil der Popkonzerte, Boulevard- und Plapperformate – unverfänglich und budgetgünstig – ist dort zwar auffällig hoch, und Nachrichtensendungen ermüden mitunter durch minutenlanges Gemurmel von Meister Putin persönlich, der auf diese Weise im Kreise beflissener Untergebener gern demonstriert, daß er alles im Griff hat, besonders seine Regierung und Minister. Es lohnt sich aber, abends etwas länger durchzuhalten.

Fünfundvierzig Minuten lang diskutiert an diesem Montagabend im Spätprogramm Aleksandr Dugin mit Wladimir Pozner. Ein rechtsintellektueller, Carl-Schmitt-gestählter, geopolitischer Denker trifft auf einen versierten und weltgewandten Liberalen. Eine inspirierende Paarung.

Aus brauchbaren Teilen eine Synthese machen

Pozner, gerade 80 Jahre alt geworden, in Frankreich geborener, in New York aufgewachsener, beide Sprachen fließend sprechender Sohn jüdischer Emigranten, 1952 mit der Familie nach Moskau zurückgekehrt, Journalist, in den siebziger und achtziger Jahren das weltläufige, westlich-medienpräsente Gesicht der sowjetischen Entspannungspolitik, hat heute eine eigene Gesprächssendung gleichen Namens im Ersten Kanal.

Und Dugin: Eine Generation jünger, stolzer Russe mit wallendem Vollbart nach Art Dostojewskijs und des späten Solschenizyn, Professor an der Lomonossow-Universität, dessen geopolitische Theorien maßgeblichen Einfluß auf die Politik Wladimir Putins haben. Lesern von Hans-Dietrich Sanders „Staatsbriefen“ ist Dugins Name und seine „Eurasien“-Theorie schon seit den Neunzigern geläufig. Im vergangenen Jahr erschien eine Zusammenfassung seines politischen Denkens in deutscher Übersetzung.

Westliche Schwarzweißschreiber sortieren Dugin wegen einiger Aussagen aus seiner nationalbolschewistischen Phase gern in die Faschismus-Schublade ein. Tatsächlich geht es ihm um die Überwindung der drei bisher bestimmenden politischen Theorien – Liberalismus, Marxismus, Faschismus (den Begriff gebraucht er im Nolteschen Sinne) – in einer „Vierten Politischen Theorie“, die sich der brauchbaren Teile der vorangegangenen bedient. „Rassismus“ bezeichnet er im Gespräch mit Pozner genauso als krankhafte, pathologische Erscheinung wie den westlichen Homo-Kult.

Man muß seinen Feind kennen, töten und sterben können

Der Gehalt der „Vierten Theorie“ bleibt notwendig vage. Um so konkreter wird es, wenn Dugin die geopolitische Dimension des Ukraine-Konflikts analysiert. Er beruft sich auf die von Halford Mackinder, dem britischen Geographen und Geopolitiker, aufgestellte Theorie vom Antagonismus der Land- und Seemächte und des Kampfes um die Kontrolle des „Herzlandes“ – Osteuropa, Rußland, Westsibirien – als Schlüssel zur Kontrolle der „Weltinsel“. Der Griff des Westens nach der Ukraine sei eine Herausforderung gewesen wie 1962 die sowjetische Raketenstationierung auf Kuba. Man muß seinen Feind kennen und bereit sein, im Ernstfall auch zu töten und zu sterben, läßt Dugin den erstaunt die Augenbrauen hochziehenden Liberalen Pozner wissen. Den russischen Großraum definiert er nicht nach Staatsgrenzen, weder nach alten sowjetischen noch nach neuen post-sowjetischen, sondern nach dem Grad der kulturellen Durchdringung. Krim und Ost-Ukraine gehören dazu, das Baltikum nicht.

Mit Sicherheit weiß Dugin, daß der tiefere Sinn der Nato in Anwendung von Mackinders Theorie darin liegt, die Landmächte Rußland und Deutschland auseinanderzuhalten, um den Abstieg der Seemächte USA und Großbritannien zu vermeiden. Er habe im Westen viele Leute getroffen, bei den französischen Millionen-Demos gegen die Homo-Ehe zum Beispiel, die in Putins Rußland einen positiven Gegenentwurf sähen – da klingt etwas von dem im originär russischen Denken tief verwurzelten Messianismus durch. Rußland habe nun mal andere Werte als der Westen.

Wie Dugin das Denken Putins beeinflußt, konnte man kürzlich in der vierstündigen Präsidenten-Fragestunde im russischen Fernsehen verfolgen – anders als die inszenierten Rapport-Sitzungen in den TV-Nachrichten eine sehenswerte Sendung, weil Putin, ein durchaus belesener, formulierungsgewandter und mit Sinn für Ironie und Sarkasmus ausgestatteter Staatsmann, dort auf echte Fragen intelligente Antworten gibt. Michael Klonovsky zitiert in seinem Weblog unter dem 18. April eine aufschlußreiche Passage, die ein Moskauer Leser protokolliert hat:

Wieder reinschauen

„Auf die Beziehungen zu Westeuropa angesprochen sagte Putin, es bereite ihm Schwierigkeiten, außenpolitische Fragen mit den westeuropäischen Staaten zu besprechen. Da diese einen Gutteil ihrer Souveränität bereits abgegeben hätten, sei es überhaupt nicht mehr möglich, geopolitische Fragen vernünftig zu diskutieren. Darüber hinaus würden sie selbst zu Hause nur flüstern aus Angst, abgehört zu werden. Dieser letzte Satz – und nur dieser – findet sich auch auf ‚Spiegel Online‘.“

Die Jauchs und Wills und Illners und ihre immergleichen phrasendreschenden Pappkameraden tue ich mir schon seit Jahren nicht mehr an. Bei Wladimir Pozner und seinen Gästen werde ich mit Sicherheit wieder reinschauen.

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