Masse gegen Klasse

In einem bemerkenswerten Artikel für das US-amerikanische Onlinemagazin Alternative Right hat Colin Liddell jüngst die „sozialen Medien“ als, im Gegenteil, ein „Gruselkabinett der Unsozialen“ charakterisiert. Wiewohl nun der mit allen Wassern des Ressentiments gewaschene Facebook-usf.-Gegner nun im ersten Moment nur abwinken wird, denn schließlich wußte man all das ja schon viel früher und besser, verdient doch die von Liddell aus seiner Verachtung für die virtuelle Selbststilisierung menschlicher Absonderlichkeiten herausgeschälte Medienkritik eine gesonderte Bedeutung.

Um es kurz zu machen: Die wahrhaftig ikonoklastische Wirkung der „sozialen“ Netzwerke liegt für den Autor in dem Automatismus begründet, mit dem sie eben jene Nutzer zu einer auf die klassischen Medien zurückwirkenden pressure group machten, die dem Cyberspace ihr reales Sozialleben opferten – mithin also ein künstliches Abbild der „Gesellschaft“ (was auch immer man darunter verstehen mag) aufbauten, das größtenteils aus nicht an ihr partizipierenden oder zu ihr beisteuernden Individuen bestehe.

Die dem Internet notwendigerweise innewohnende Möglichkeit des Verknüpfens von allem mit allem mittels weniger Klicks mache shitstorms und sonstige virtuelle Mob-Spektakel quasi zu Selbstläufern. Diese wiederum würden von den Onlineredaktionen insbesondere der Printmedien aufmerksam registriert, da der Marktwert des Internetjournalismus längst von Google-Rankings, Klicks und Weiterleitungen (die wiederum eng miteinander zusammenhängen) bestimmt wird, und entsprechend aufgegriffen. Dies wirke durch die plötzliche Präsenz des jeweiligen Themas in „respektablen“ Medien wiederum verstärkend auf die virtuelle Gemeinde zurück – und könne bei entsprechend massivem Aufschaukeln sogar Einfluß auf die reale Politik nehmen.

Grenzen zwischen gedruckt und im Netz völlig einreißen

Das bundesrepublikanische #aufschrei-Beispiel der heute komplett abgemeldeten Anne Wizorek veranschaulichte der staunenden Öffentlichkeit seinerzeit die Qualitäten von Twitter als Instrument der (gleichwohl eben nur virtuellen) Massenmobilisierung; in der Zwischenzeit sind alle sozialen Netzwerke noch deutlich enger zusammengerückt und feinmaschiger verwoben, so daß ein vergleichbarer shitstorm-Versuch deutlich heftiger einschlägt, soweit er glückt: Das aktuellste, lächerliche Beispiel dürfte wohl der sogenannte shirtstorm um einen am „Philae“-Sondenprojekt beteiligten Wissenschaftler sein. Auch Bild-Oberhäuptling Kai Diekmann setzte sich unlängst mit dem krachend gescheiterten Versuch in die Nesseln, über verkleidete Kabarettisten in Israel Wai zu schreien.

Die immer engere Verzahnung zwischen den taumelnden Printmedien und dem Web 2.0 ist in jedem Fall nicht von der Hand zu weisen. Das Eindampfen ganzer Redaktionen samt rapider Personalwechsel auf dem Chefsessel vermag je nach Medium noch klammheimliche Freude zu erzeugen; ein Ende ist jedoch nicht absehbar, und kaum einer kann sich ausmalen, was schließlich das Resultat sein könnte – soweit hier nicht ein Perpetuum Mobile in Gang gekommen sein sollte.

Wo bei ihrem Start die Huffington Post mit als erstes Magazin in Deutschland die Grenzen zwischen Print und Web durchlässig zu machen suchte, ist mit Krautreporter längst ein neues Geschäftsmodell in Umlauf, das eben diese Grenzen (zumindest zur „Blogosphäre“) völlig einreißen will. Daß solcherlei auch im belletristischen Bereich möglich ist, ohne dem dumpfen Konsumenten aufzufallen, hat spätestens das überschätzte „Axolotl Roadkill“ vorgeführt.

Zuckerbergs Nachrichten-App wäre nur logisch

Hand in Hand damit geht seit einigen Jahren paradoxerweise eine erhebliche Aufspreizung des Unterhaltungs- und „Lifestyle“-Sektors der Printmedien. Beim ersten Erscheinen von albern anmutenden Spartenmagazinen wie BEEF! oder Business Punk hagelte es düsterste Prognosen für deren Zukunft, und tatsächlich sah Gruner + Jahr schon deutlich besser aus als in diesem Jahr; erhältlich sind die Hochglanzgrotesken nach wie vor. Wer so was liest? Im Zweifelsfall der Facebook-Nutzer, der sich durch die Vergabe entsprechender blauer Däumchen einen Nachrichtenfluß speziell auf seine ganz persönlichen Interessen maßschneidern kann!

Angesichts dieses – verständlichen – Verhaltens gegenüber der allgegenwärtigen Reizüberflutung ist die Nachrichten-App aus dem Hause Zuckerberg, von der schon seit bald zwei Jahren geraunt wird, nur der nächste logische Schritt; die Konkurrenz bei Google sowie unzählige unabhängige Anbieter sind dort immerhin schon groß im Geschäft.

Was ein derartiger, jederzeit und überall zugänglicher persönlicher „Reader’s Digest“ sämtlicher Internetmedien für Folgen im Printsektor zeitigen wird, ist kaum abzusehen; von der Literatur ganz zu schweigen. Geben wir der Branche bei gleichbleibendem Fortschritt und Durchkommerzialisierung aller Lebensbereiche noch fünf Jahre. Dann wird sich zeigen, ob Buch- und Zeitschriftenhandlungen ins Groteske aufgebläht – oder, samt der dazugehörigen Berufe, still und leise ganz verschwunden sein werden.

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