Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Kleinbürger in schwarz

Es begab sich zu einer Zeit, in der ich noch schlurfte. Nicht, daß ich dies heute noch für eine angemessene Gangart hielte. Aber damals, es ist jetzt keine 20, aber mehr als 15 Jahre her, da gehörte es zum guten Ton meiner Peergroup.

Jedenfalls schlurfte ich von den Einkaufsstraßen der Dortmunder Innenstadt die Katharinentreppe herunter, um von dort den Königswall, eine mehrspurige Straße, in Richtung Hauptbahnhof zu überqueren. Nach dem Besuch der großen Stadt wollte ich ja zurück in das Kaff, in dem ich wohnte.

Dazu mußte ich an zwei Fußgängerampeln vorbei, von denen ich die erste bei roter Lichtsignalanlage passierte, weil ich damals – passend zum Schlurfen – die Vorstellung der verärgert und kopfschüttelnd Wartenden hinter mir genoß (mal abgesehen davon, daß es ihnen wahrscheinlich egal war, aber das hatte ich damals noch nicht bemerkt). Zudem sah ich es nicht ein, an einer Ampel zu warten, wenn kein Auto kam.

Warum reagierte ich nicht aufsässiger?

Und dann war ich schon im Begriff, selbiges bei der zweiten Ampel zu tun, ich hatte den Fuß bereits zum Schritt auf die Straße angehoben, als ich plötzlich zweier Polizeibeamter gewahr wurde: Sie warteten an der Rotlicht anzeigenden Ampel auf der gegenüber liegenden Straßenseite. Keiner von ihnen hatte meinen ersten Verkehrsverstoß bemerkt, aber jetzt schauten Sie mich an.

Also blieb ich abrupt stehen, doch ich war ja noch in der Bewegung, also tippte ich mit dem Schwungbein kurz die Straße an, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren und setzte damit einen Schritt zurück. So stand ich dort und entgegnete neugierig ihren Blick. Sie sahen gut aus und hatten bemerkt, daß ich nur aufgrund ihrer Anwesenheit wartete. Das amüsierte sie wie mich gleichermaßen, also grüßten wir uns höflich grinsend und gingen unserer Wege.

Heute stelle ich mir die Frage, warum ich so reagierte und nicht aufsässiger. Zu diesem Zeitpunkt kamen keine Autos. Die fünf oder zehn D-Mark Verwarngeld hätten mich auch nicht gestört, weil ich noch keine Miete zu zahlen hatte und meine Taschen ja voll mit dem Geld waren, das ich als Eisverkäufer und Spülhilfe an einer Raststätte verdiente. Zudem wäre diese Dreistigkeit eine lustige und gefahrlose Episode gewesen. Selbst der Zeitverlust durch die zu erwartende Personenkontrolle hätte mich nicht gestört, weil Schlurfende sich an so etwas nicht stören.

Krude, ultralinkskonservative Begründung

Ich halte meine höfliche Reaktion nach wie vor angemessen, aber doch ist die Frage berechtigt, warum ich die Leute ärgern mochte, die Polizisten aber nicht. Ich vermute ja, daß ich sie nicht einfach so zum Handeln zwingen wollte. Die vermeintlich verärgerten Leute konnten mich ja freiwillig ignorieren, aber die Polizisten hätten mich anhalten müssen.

Genau weiß ich es nicht, aber ich muß an diese Situation denken, wenn ich mir die Berichte über die Ausschreitungen vor der „Roten Flora“ in Hamburg anschaue. Diese Demonstranten haben den Schritt zurück nicht vollzogen und die Polizei definitiv zum Handeln gezwungen. Und peinlicherweise haben sie ihre nicht ganz unerhebliche Gewalt mit der Idee verknüpft, man könne mittels geworfener Steine Lampedusa-Flüchtlinge retten oder gar die Stadt lebenswerter machen.

Natürlich macht dieser faktische Nichtzusammenhang die ganze Angelegenheit zur Farce. Genau so gut könnten sie Müll trennen, Wasser sparen oder Kleider spenden. Bringt auch nichts. Trotz des rebellischen Auftritts enttarnt die krude, ultralinkskonservative Begründung diese Narren als klägliche Kleinbürger.

Wo ist die ganz große Idee?

Was vom Prinzip her nicht schlimm ist, wie ich finde, denn das bin ich ja auch, ein schönes Stadtviertel und die Verhinderung von Tragödien von Lampedusa sind toll. Darum sollten sie sich ein Beispiel an mir nehmen und erstmal abwarten. Nett sein. Stattdessen bedienen sie sich einer recht seltsamen Ästhetik.

Es ist nämlich sehr interessant, wenn sich derartige „Antifaschisten“ ganz in schwarz kleiden und in gebündelter Form als wütende und abenteuerlustige junge Männer ihre Macht demonstrieren, indem sie ohne konkretes Ziel mit der Staatsgewalt kämpfen. Das ist nicht direkt stillos, aber für Kleinbürger, die sie mit ihren strammen Träumchen ja doch nur sind, gehört sich das einfach nicht.

Wenn’s schon Gewalt sein muß, dann sollten sie entweder aufrichtige Hooligans werden oder aber die ganz große Idee präsentieren. Eine die’s wert ist. Und die will ich mal sehen! Dann mache ich vielleicht auch mit.

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