Joachim Kuhs

 

Einem General platzt der Kragen – USA 1935

Er war ein Soldat mit vielen Auszeichnungen: Generalmajor Smedley Darlington Butler (1881–1940) diente jahrzehntelang im US-Marinecorps, dem er sich als Siebzehnjähriger freiwillig angeschlossen hatte. Neben den fünf Auszeichnungen, die er für besondere persönliche Tapferkeit erhielt, gehörte er zu den nur neunzehn Personen, die zweimal mit der amerikanischen Medal of Honour ausgezeichnet wurden.

Gelegenheit, sich auszuzeichnen, gab es allerdings auch reichlich. Der amerikanische Imperialismus erreichte um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert einen außergewöhnlichen Höhepunkt. Das Marinekorps wurde entsprechend häufig eingesetzt, und Butler kämpfte daher im amerikanisch-spanischen Krieg auf den Philippinen, er trat während des Boxeraufstands in China an, kommandierte Einheiten in Zentralamerika und in der Karibik, schließlich auch während des Ersten Weltkriegs in Frankreich. 1930 wäre er eigentlich an der Reihe gewesen, der Kommandeur der US-Marines zu werden, aber man zog ihm trotz oder wegen lebhafter Auseinandersetzungen im US-Senat in dieser Sache schließlich einen anderen vor. Butler quittierte darauf konsequenterweise den Dienst.

In der Debatte um die Ernennung Butlers zum Kommandeur fiel das Stichwort, er sei „unzuverlässig“. Aus Sicht der US-Politik mochte das zutreffen, es betraf allerdings weniger Butlers persönliche Lebensführung als seine Art zu denken und Entscheidungen zu hinterfragen. Er kam aus einer Quäkerfamilie, sein Vater war zwischen 1897 und 1928 bis zu seinem Tod drei Jahrzehnte lang Abgeordneter im Repräsentantenhaus. Beides zusammen trug sicher mit dazu bei, daß Butler an sein Soldatentum besondere moralische Anforderungen stellte und auch zunehmend offen aussprach, wenn ihm diese Anforderungen nicht erfüllt zu sein schienen. Am Ende scheint ihn der Gedanke regelrecht empört zu haben, jahrzehntelang „mitgemacht“ zu haben. Dem Magazin Common Sense gab er 1935 einen Rückblick in Zorn und Zynismus:

„Muskelmann für das Big Business“

„Ich verbrachte 33 Jahre und vier Monate im aktiven Militärdienst, und die meiste Zeit davon spielte ich den Muskelmann für das Big Business, für die Wall Street und die Banker. Um es kurz zu sagen: Ich war ein Schurke, ein Gangster im Sold des Kapitalismus. 1914 half ich mit, Mexiko und speziell Tampico für die amerikanischen Ölinteressen zu sichern. Haiti und Kuba ließ ich zu einem schicken Platz für die Jungs von der National City Bank werden, um dort Profite einzusammeln. Ich half mit, ein halbes Dutzend zentralamerikanischer Republiken für den Gewinn der Wall Street zu vergewaltigen. 1902–1912 half ich mit, Nicaragua für das International Banking House of Brown Brothers zu säubern. Den amerikanischen Zuckerinteressen diente ich 1916 in der Dominikanischen Republik. 1903 machte ich Honduras reif für die amerikanischen Fruit Companies. 1927 sorgte ich in China dafür, daß Standard Oil beruhigt seinen Weg gehen konnte. Im Rückblick betrachtet, hätte ich Al Capone wohl einige Tips geben können. Er kam als Gauner nie weiter als drei Stadtteile. Ich dagegen operierte auf drei Kontinenten.“

In eben diesem Jahr 1935 brachte Butler eine Kampfschrift über den Zusammenhang zwischen Krieg und Profit heraus: „Krieg ist Betrug“. In deutlicher Sprache deckte er darin pikante Details des amerikanischen Wegs zum Krieg auf und stellte in echt amerikanischer Weise die direkte Frage, wer hier auf welche Weise und in welcher „Währung“ zahlte und wer verdiente. Er kam dabei zu Schlußfolgerungen, die von anderen prominenten Namen geteilt wurden. Dazu gehört beispielsweise Henry Kissinger, wenn er feststellt:

„1935 veröffentlichte ein Sonderausschuß des Senats unter dem Vorsitz von Gerald Nye einen eintausendvierhundert Seiten starken Bericht, der zu dem Schluß kam, die Verantwortung für den Kriegseintritt der Vereinigten Staaten liege allein bei der Rüstungsindustrie.“

Kriegsfieber und Größenwahn

Zu dieser Einschätzung gesellte sich die Meinung des englischen Kriegspremiers Lloyd George, der den Einfluß der Rüstungsindustrie in seinen Kriegserinnerungen beiläufig bestätigte:

„Als Lord Reading 1915 nach den Staaten kam, um eine Anleihe aufzunehmen, die es uns ermöglichen sollte, unsere Bestellungen zu finanzieren, erschraken die amerikanischen Finanzleute über seinen Vorschlag, den zu leihenden Betrag auf einhundert Millionen Pfund festzusetzen. Sie sahen darin ein Beispiel für den durch das Kriegsfieber erzeugten Größenwahn. Als er mit der Unterstützung der Lieferanten, die ja schließlich das ganze Geld einstecken würden, sein Ziel erreichte, wurde das als einer der größten Triumphe Englands im Krieg erachtet.“

Für diese Triumphe zahlten auch viele andere und das nicht nur mit Geld. Am Ende kam Semdley Butler deshalb zu radikalen Antworten und zu radikalen Lösungsvorschlägen, wie man den Betrug beenden könnte. Aber zu viel Hoffnung machte er sich nicht.

 

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