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(Deut-)Schland gegen Argentinien

Also Argentinien wieder. Vor vier Jahren schrieb ich hier kurz vor dem WM-Spiel gegen den Erzrivalen über die Besonderheit dieser Begegnungen. Die beiden gewonnenen Viertelfinale von 2006 und 2010 waren offenbar nur Zwischenstationen auf dem Weg zur Neuauflage des Endspiels von 1990.

Es wird sicher nicht einfach, aber nach dem begeisternden Halbfinale erscheint auch der größte Triumph möglich. „Die deutsche Sprache hat viele Worte, aber sie reichen alle nicht aus, um das zu beschreiben“, sagte DFB-Präsident Wolfgang Niersbach nach dem 7:1 gegen Brasilien. Spätestens seit 2006 verfolgt uns ein Wort, das dafür ebenfalls nicht ausreicht: „Schland“.

„Schland“ als Vermarktungserfolg

Das Wort „Schland“ ist ein gutes Beispiel dafür, daß sich unsere Sprache nicht ungerichtet vor sich hin entwickelt, wie die meisten Sprachwissenschaftler (uns) glauben (machen wollen), sondern gezielt geprägt werden kann. In diesem Fall ist es Stefan Raab, der das Wort mit Hilfe seiner Sendung „TV total“ seit 2004 planvoll vermarktet. Rechtzeitig vor der Weltmeisterschaft im eigenen Land ließ Raabs Firma Raab TV im Jahr 2005 „Schland“ als Wortmarke beim Deutschen Patent- und Markenamt eintragen. Gewinne werden vor allem über den Verkauf bedruckter Kleidungsstücke erzielt (siehe www.schland.de).

In gewisser Weise füllt „Schland“ eine Lücke, denn das Wort „Deutschland“ ist belastet. Wer statt dessen nur „Schland“ ruft, vermeidet den Nationalismusverdacht. Das erklärt, neben der Raabschen Vermarktung, den Erfolg. Gleichzeitig wird das nationale gemeinschaftliche Fußballerlebnis tatsächlich entdeutscht und zu einem reinen Lustbarkeitsereignis, bei dem die nationale Schicksalsgemeinschaft, die gemeinsame Abstammung, Geschichte und Kultur ausgeblendet sind.

(Sch)land ohne Volk

Die Wurzel „Deut“/„Diet“, die ja das Volk bezeichnete, wird gekappt. Das Volk ist weg, was bleibt, ist das (Sch)land. Somit ist „Schland“ angesichts des demographischen Niedergangs in Deutschland möglicherweise sogar der passende Begriff für heute und morgen. Schon stürzt sich das Institut für deutsche Sprache (IdS) gierig auf das Wort. Das Mannheimer IdS erklärte am vergangenen Donnerstag, es prüfe derzeit eine Aufnahme von „Schland“ in ihr Nachschlagewerk „Neuer Wortschatz“. Sicher ist es nur eine Frage der Zeit, bis das Wort auch im Duden steht.

Doch „Schland“ klingt einfach zu häßlich. Warum das so ist, zeigt die Nähe zu ähnlich lautenden Wörtern: Schlamm, schlampig, Schlamassel, schlapp. Diese Klangverwandtschaft mit negativ besetzten Begriffen schafft eine paradoxe Vermischung zwischen dem, was man verehrt – nämlich das Fußballspiel als Ereignis – und dem, was man nicht mag. Im besten Fall blitzt daher in dem Wort „Schland“ ein Funken Selbstironie auf, im schlechtesten Fall zeigt sich darin ein nationales Minderwertigkeitsgefühl. „Durch Schland haben wir die Chance, unser Land anders zu beobachten, als wir sonst Deutschland beobachten müßten“, gibt der Schriftsteller Michael Ebmeyer zu.

„Schland“ kommt, „Schland“ geht, Deutschland besteht. 2010 schrieb ich an dieser Stelle über die Geschichte meines Argentinien-Ansteckers. Seit acht Jahren, seit dem denkwürdigen Viertelfinale von 2006 trage ich ihn ständig in meinem Geldbeutel. 2006 und 2010 hat der Glücksbringer geholfen. Möge er 2014 wieder wirken, und möge Klose wieder gegen Argentinien treffen, wie schon 2006 (ein Tor) und 2010 (zwei Tore) – für Deutschland, nicht für „Schland“.

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