Von Toleranz und Akzeptanz – Zweiter Teil

Wir sehen also, Toleranz und Akzeptanz sind zwei unterschiedliche Dinge, die zwei unterschiedliche Bereiche im Menschen ansprechen. Hier die Verhärtung im menschlichen Egoismus, dem die ganze Welt gleichgültig wird. Dort das Auflösen in ein soziales Ideal, dem entweder die ganze Welt gemäß sein soll oder sie überhaupt nicht sein soll. Zwischen diesen beiden entgegengesetzen Extremen hin- und hergerissen ist es naheliegend zu fragen, für welches dieser Dinge man sich nun entscheiden sollte.

Was ist besser, Toleranz oder Akzeptanz? Toleranz zu dem Preis, daß die Gesellschaft auf einen Zustand zusteuern wird, in dem sie sich zwangsläufig selbst vernichtet? Oder Akzeptanz zu dem Preis, daß die Gesellschaft auf einen Zustand zusteuern wird, in dem das soziale Leben zwangsläufig erstarrt? Beides scheint nicht erstrebenswert, so entscheiden wir uns für nichts von beiden. Unsere Gesellschaft der Gegenwart ist daher zugleich grenzenlos tolerant wie intolerant.

Ein seltsames Durcheinander von Wörten, von Begriffen, durchsetzt unser soziales Leben. Man kann heute wirklich vor lauter Toleranz anderen das Dasein als Mensch absprechen, nur weil diese sich dem eigenen sozialen Ideal verweigern wollen. Man kann gleichzeitig aber auch vor lauter Akzeptanz andere umarmen, die aus ihrem sozialen Ideal heraus für die eigene Lebensweise nichts anderes als eine tödliche Verachtung besitzen können. Alles das ist heute wirklich möglich.

Chaos der Begrifflichkeiten

Ein völliges Chaos der Begrifflichkeiten, das nicht wenige bis zur Grenze der Geisteskrankeit und darüber hinaus geführt hat. Dem entgegentreten kann man nur, in dem man wieder für klare Begriffe sorgt: Wo spricht man von Toleranz, meint aber in Wirklichkeit Akzeptanz? Wo man Akzeptanz meint, will man nicht Toleranz? Und umgekehrt: Wer von Akzeptanz spricht, meint er in Wirklichkeit nicht Toleranz? Und wo er Toleranz meint, will er nicht eher Akzeptanz?

Wer dieses in der richtigen Weise durchführt, wird dann feststellen, daß in der Entwicklung bestimmte Dinge aus Toleranz heraus gefordert wurden, dann aber in den Bereich der Akzeptanz gerieten, wo sie ihren Charakter veränderten. Umgekehrt wurden bestimmte Dinge aus Akzeptanz heraus gefordert, wanderten dann aber in den Bereich der Toleranz, wo auch sie sich veränderten. Für beide Dinge aber gilt, daß sie auf ihrem wechselläufigen Weg häufig pervertiert und entstellt wurden.

Einiges an sozialem Chaos könnte vermieden werden, in dem man sich einfach einmal diese Genese der Begriffe vergegenwärtigt. Dann kann sich der einzelne immer noch überlegen, ob er seinem Ideal wirklich näher kommt, wenn er aufgeregt für diese oder jene Sache hin- und herläuft, Plakate hochhält und dergleichen mehr, oder ob es seinem Ideal nicht angemessener wäre, sich für andere Sachen einzusetzen, denen er bisher mit Gleichgültigkeit bis hin zur Verachtung begegnet ist.

Hat man diese Dinge ihren angemessenen Bereiche gemäß geordnet, wird man darüber hinaus festellen, daß es unsinnig ist zu fragen, was besser sei – Toleranz oder Akzeptanz. Dann wird man nämlich festsellen, daß diese beiden ihren eigentlichen Inhalt erst dann entwickeln, wenn man sie statt einer unlebendigen Konfrontation in ein lebendiges Wechselverhältnis setzt. Nicht einatmen oder ausatmen, sondern der angemessene Wechsel zwischen beiden Zuständen erhält das Leben.

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