Joachim Kuhs

 

Von den Edlen, Hilfreichen und Guten – Zweiter Teil

Der Edle, Hilfreiche und Gute, er fordert und fordert. Zwar ist eine seiner Forderungen unsinniger als die andere, aber darum geht es nicht. Es ist Ausdruck seiner überlegenen Vornehmheit als Edler, Hilfreicher und Guter, an seine Umwelt Forderungen zu stellen. Wenn andere diese Forderungen nicht umsetzten und eben nicht alle Menschen so edel, hilfreich und gut sein können, wie er selbst, sondern das allgemeine Hauen und Stechen weitergeht, dann ist es eben ein Versagen seiner Umwelt.

Er selbst ist als Edler, Hilfreicher und Guter nicht durch die Unsinnigkeit seiner Forderungen in Frage gestellt. Denn indem er Forderungen stellt, ist er bereits edel, hilfreich und gut. So ist sein Lebenszweck beschrieben: Zuerst muß er irgendeinen Mißstand ausmachen – dadurch ist er edel. Dann muß er seine Umwelt beschämen – dadurch ist er gut. Zuletzt muß er noch irgendeine, völlig absurde Forderung aufstellen – dadurch ist er hilfreich. Betrachten wir die Sache einfach mal an einem Beispiel.

Edel sei der Mensch

Finden wir also als erstes ein Problem, von dem andere vielleicht noch nicht einmal wissen, daß es ein Problem ist. Schauen wir uns um. Sagen wir, wenn ein Ausländer zu uns nach Deutschland kommt und durch unsere Straßen läuft, was widerfährt ihm? Nun, wenn er unsere Sprache nicht beherrscht, wird er wenig verstehen. Schlimm, nicht wahr? Der arme Ausländer. Laufen wir aufgebracht und voller Empörung herum. Genießen wir das Gefühl. Denn dieses Gefühl sagt uns, wir sind edel.

Die anderen, sie laufen nicht aufgebracht und voller Empörung herum. Sie können nicht so empfindsam sein wie wir, denn sie sind nicht edel. Wir aber sind es, wir haben den Mißstand bemerkt. Und indem wir aufgebracht und voller Empörung herumlaufen, versichern wir uns gegenseitig, wie edel wir sind. Genießen wir also erst einmal das Gefühl. Nun kommt das Nächste. Jetzt müssen wir die anderen, die nicht aufgebracht und voller Empörung herumlaufen, von ihrem schlechten Gewissen überzeugen.

Hilfreich und gut

Ein Ausländer, er kommt zu uns, läuft durch unsere Straßen, schaut diesem oder jenem ins Gesicht, er öffnet den Mund, eine Frage bricht hervor  – aber man versteht ihn nicht! Wie entsetzlich, dieser furchtbare Schock, den er durchleidet! Dazu die achselzuckende Gleichgültigkeit der Passanten – wir haben sie heimlich gefilmt – sie macht uns einfach sprachlos. Gerade wir als Deutsche, wir mit unserer Vergangenheit, fühlen uns hier tief, ja wirklich tief beschämt.

Genießen wir auch dieses Gefühl. Es ist das Gefühl moralischer Überlegenheit. Denn wir sind gut, die anderen nicht. Das reicht eigentlich schon. Stellen wir als letztes noch eine Forderung auf. Daß man in der Schule immer noch deutsch lernt – einfach nur rückständig und weltfremd. Stattdessen sollten wir unseren Kindern ausländisch beibringen. Im Rahmen eines nationalen Aktionsplanes muß dieses überfällige Ziel verwirklicht werden. Hier steht der Staat/ die Gesellschaft/ Deutschland in der Pflicht.

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