Solidarität mit Angeprangerten

Während eines längeren Aufenthalts am Bahnhof Kassel-Wilhelmshöhe, der Anschlußzug verspätete sich um mehr als 60 Minuten, zog ich mit der rechten Hand meinen eleganten Rollkoffer den langen Aufgang von den Gleisen zur oberen Ebene des Bahnhofs herauf. Meine lederne Aktentasche, die der eines Lehrers gleicht, trug ich nicht – wie gewohnt – am Band über der Schulter, sondern in der linken Hand, weil ich mein Sakko nicht zerknittern wollte. Ich hatte Hunger, und am Ende des Aufganges stand an dessen rechter Seite ein Süßigkeitenautomat. Langsam zwar, doch wie von Sinnen, entnahm ich meiner Geldbörse einen Euro, warf ihn ein, drückte eine Tastenkombination und prompt fiel eine Packung Kaubonbons in Streifenform aus dem beleuchteten Regal hinter der Scheibe des Automaten.

Ich bückte mich, um die Nascherei dem Ausgabefach zu entnehmen. Ich steckte sie in die Tasche und bog links ab, weil ich zum Gleis meines Anschlußzuges schlendern wollte. Noch bevor ich den Abgang dorthin erreichte, roch ich den billigen coffee to go eines Verkaufsstandes, den ich halbautomatisch mit einem Fünfeuroschein erwarb, ohne das zurückgegebene Wechselgeld zu zählen.

Es war etwas umständlich, den Kaffee, die Tasche und den Rollkoffer gleichzeitig zu transportieren, aber für die 100 Meter zur Wartebank am Gleis konnte ich die wenig elegante Anstrengung in Kauf nehmen. Dort angekommen setzte ich mich und genoß die Kombination aus dünnem, schwarzen Kaffee und Pappgeruch, weil es mich an all diese schönen Momente erinnerte, in denen ich mir so den Durst genommen hatte. Als der Becher leer war, verzehrte ich Streifen für Streifen der Kaubonbons und steckte die Plastikverpackung in den leeren Pappbecher. Welch’ ein Luxus im Vergleich zu früher, als ich Kind war und immer nur einen Streifen zum Verzehr bekam.

Duft von Reisen vor korrekt abgerechneter Häßlichkeit

Derartig gestärkt betrachtete ich den Boden vor mir und stellte fest, daß die Quadratmeter rund um die Wartebank mal ein mit gelben Streifen markierter Raucherbereich gewesen waren. Mittlerweile hatte man jedoch diese Markierung wieder übermalt, so daß ich sozusagen in einem ehemaligen Raucherpranger saß. Ich erinnerte mich an den Geruch von Zigarettenqualm, der, von zugiger Bahnsteigluft transportiert, wenig Unangenehmes hatte, eher einem Duft von Reisen glich. So stand ich auch selbst ein wenig in diesem Strafwerkzeug (jedenfalls gefühlt, außer mir war wohl niemand vor Ort, der solch tiefsinnigen Träumereien nachging) und entschloß mich zur Solidarität mit Angeprangerten.

Und zur Zeit sind das wohl die, die wenig Sinn für den eigenen Körper haben sowie die, die viel Sinn haben für prachtvolle, bleibende Schönheit. Ich löste meinen Blick von dem übermalten Streifen und schaute mir die waghalsige „moderne“ Konstruktion dieses Bahnhofs an. Dann wunderte ich mich darüber, daß korrekt abgerechnete Häßlichkeit in Kassel weniger skandalös ist als schöne Architektur in Limburg, deren Kosten am Beginn der Idee zu niedrig angesetzt waren. Das verstehen wahrscheinlich nur Gesundheitsapostel und militante Nichtraucher. Ich jedenfalls nicht.

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