Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Selbstopfer, abgewählt

Vierzehn Tage nach dem öffentlichen Freitod des Dominique Venner in der Kathedrale Notre Dame kann man (zumindest für die Bundesrepublik) wohl Bilanz ziehen: Über den engeren Kreis hinaus hat der Suizid keine Erschütterung ausgelöst, man hat ihn kaum wahrgenommen. Die absichtsvolle Symbolik und der Gestus des Selbstopfers blieben unverstanden. Ein Schwulenhasser und Rechtsextremist weniger, so what? Auch das gehört zur europäischen Tragödie, gegen die Venner sich aufbäumte.

Aber: Genau das war zu erwarten. Die Zeit läßt sich in keine heroische Ära und schon gar nicht hinter das Jahr 1945 zurückzudrehen. Im März 1945 hatte sich in Paris der Schriftsteller Pierre Drieu la Rochelle selbst getötet. So entging er der Verhaftung als Kollaborateur der Deutschen. Seine Haltung während des Krieges hatte er in seinem „Geheimen Bericht“ abschließend begründet: Frankreich sei nur noch eine zweitrangige Macht gewesen, die sich aus Selbstschutz in einen größeren Verband habe einfügen müssen: Europa. Deutschland habe darin die Führungsrolle zugestanden, denn das Britische Empire, die USA und Rußland wären dafür zu groß gewesen und hätten zu viele Eigen- und außereuropäische Interessen gehabt. Nur hätten die Deutschen ihre Aufgabe nicht begriffen, und sein, Drieus, Versuch, ihnen „französischen Verstand“ beizubringen, sei gescheitert. Wo Drieu mit dem Suizid einen Schlußstrich unter widerlegte Hoffnungen zog, wollte Venner 68 Jahre später ein neues Fanal der Hoffnung setzen. Das war von Anfang an aussichtslos.

Den symbolischen Gehalt von Venners (und auch Drieu la Rochelles) Freitod zu ignorieren, fällt der Mehrheit um so leichter, als sie ihn als Tat eines gescheiterten Rechten (bzw. Faschisten), mithin des Bösen, abtun kann. Der antifaschistische Reflex, der hier wirkt, bietet aber noch keine Erklärung für die Abstumpfung, er gehört zu ihren Symptomen.

Nicht einmal mehr Erinnerung an das, was Europa einmal war

Denn das Gefühl, dem Ende Europas beizuwohnen, war und ist keine Exklusivität von Rechten und Faschisten. Zu ganz ähnlichen Schlüssen wie Drieu La Rochelle kam der Autor Klaus Mann, dessen Antifaschismus sich mit europäischer Kultiviertheit, Bildung und Liberalität verband. Bevor er am 23. Mai 1949 in Cannes von eigener Hand starb, hatte er den Essay „Die Heimsuchung des europäischen Geistes“ veröffentlicht. Sein Fazit: „Wir sind geschlagen, wir sind fertig, geben wir es doch endlich zu! Der Kampf zwischen den beiden anti-geistigen Riesenmächten – dem amerikanischen Geld und dem russischen Fanatismus – läßt keinen Raum mehr für intellektuelle Unabhängigkeit und Integrität.“

Das schrieb ein Exilant, der in amerikanischer Uniform nach Europa zurückgekehrt war. Seine letzte Hoffnung lautete: „Eine Selbstmordwelle, der die hervorragendsten, gefeiertsten Geister zum Opfer fielen, würde die Völker aufschrecken aus ihrer Lethargie.“ Da war der französische Faschist vier Jahre früher realistischer gewesen. Er wußte, daß der Geist, an den Klaus Mann 1949 appellierte, nur noch eine Erinnerung war. Und selbst die hat sich heute weitgehend verflüchtigt.

Kurz zur historischen und politischen Lage: Nach dem Ersten Weltkrieg stand Europa von zwei Seiten unter Druck. Im Osten reckte der „Homo Sovieticus“, der Kollektivmensch, der das – vermeintliche – Gesetz der Geschichte exekutierte, sich herrisch empor. Von Übersee lockte der standardisierte Einheitsmensch, ein Produkt der Konsum- und Kulturindustrie. Ortega y Gasset hatte 1930 noch gemeint, es sei „im Grunde eine Verlegenheit“, von New York oder Moskau zu sprechen, denn beide seien „Randgebiete der europäischen Herrschaft“. Europa müsse nur zu einer Einheit finden, um seine Weltherrschaft zu behaupten. Doch die Kraft, die aus seiner Mitte losbrach, war der Nationalsozialismus, dessen „Brutalität und (…) prometheischer Voluntarismus“ (D. Venner) absolut ungeeignet waren, den Kontinent zu repräsentieren, zu einigen und zu verteidigen.

Die Niedrigkeit wird in der Massengesellschaft zur Auszeichnung

Der ideologisierte Kollektiv- und der konsumierende Einheitsmensch, die Europa seitdem beherrschten, sind zwei Varianten der Massengesellschaft bzw. des Massenmenschen. Der Sieg des Westens über den Ostblock hat ihrer Vereinigung den Weg bereitet. Dieser Massentyp ist bestrebt, alles, was ihn übersteigt, auf sein Niveau herabzuziehen. Auf den Satz aus Venners Abschiedsbrief: „Ich halte es für notwendig, mich zu opfern, um die Lähmung zu durchbrechen, die uns erdrückt“, antwortet er mit dem debilen Gelächter der bunt-statt-braunen Spaßgesellschaft.

Die Beschränktheit und die gemeinen Charakterzüge, derer die Menschen sich einst schämten, sind nun ein Vorzug und ein Recht, das massendemokratisch – an der Wahlurne, per Verlaufs- oder Einschaltquote – durchgesetzt wird. Das Selbstopfer eines letzten Europäers, ob in Notre Dame, Cannes oder sonstwo, wird einfach abgewählt.

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