Peinliche Journalisten beim NSU-Prozeß

Die Posse, die sich gerade um die Vergabe von Journalisten-Sitzplätzen beim NSU-Prozeß abspielt, führte bei Facebook zu einer Welle böser Satire. Nun bin ich zwar keineswegs der Meinung von Kurt Tucholsky, wonach die Satire „alles“ dürfe. Außerdem ist es mir sehr wichtig, daß angesichts einer schockierenden Verbrechensserie würde- und pietätvoll mit den Opfern und ihren Angehörigen umgegangen wird. Doch dazu ist es zu spät – und das unfaßbar peinliche Kasperletheater, welches deutsche Medien hier abliefern, kann man nur noch mit bitterem Zynismus quittieren. Wann reißen sich diese Journalisten endlich zusammen und werden erwachsen?

Beim ersten Verfahren für die Sitzplatz-Vergabe hatte man speziell von linker Seite zunächst bekrittelt, daß türkische Journalisten keinen Platz bekamen. Verschwiegen wurde, daß jene türkischen Journalisten schlicht die zeitige Anmeldung verschwitzten. Doch wichtiger war den Meinungsmachern, daß die schrecklichen Taten von einzelnen wieder einmal dafür instrumentalisiert werden mußten, ein ganzes Land und die deutsche Justiz als latent fremdenfeindlich anzuprangern. So wurde der mediale Druck so lange erhöht, bis das Gericht einknicken mußte.

Nur zur Erinnerung: Ich bin kein Jurist, aber ein Gerichtsverfahren besteht aus vielen klaren Regeln und Vorschriften, über deren Interpretation nicht das taz-Feuilleton, sondern Richter zu entscheiden haben. Politisch-mediale Einflußnahme und zeitgeistige Moden haben in einem Gerichtsverfahren nichts zu suchen. Genau darin besteht zumindest theoretisch der Unterschied zwischen Absurdistan und einem funktionierenden Rechtsstaat. Doch irgendwann zwischen 1968 und dem rotgrünen Machtantritt 1998 muß dies unserem Gedächtnis entfleucht sein.

Die taz vor dem Karren türkischer Nationalisten – bizarr!

Kein Wunder also, daß die Nicht-Bevorzugung türkischer Journalisten zuerst von deutschen, nicht von türkischen Journalisten skandalisiert wurde, allen voran von der taz. Die nationalistischen Polterer der türkischen Politik sprangen natürlich dankbar auf den Zug auf, woraufhin die taz jedoch keineswegs den Rückzug antrat. Erstaunlich, daß es dem als fortschrittlich und international-sozialistisch profilierten Blatt so unpeinlich ist, daß es sich von türkischen Nationalisten vor den NSU-Kampagnen-Karren spannen läßt.

Leid tun können einem die Richter, deren Unabhängigkeit längst zur Farce wird. Die Münchner Gesetzeshüter sind in den Zangengriff von türkischen Nationalisten und deutschen Feuilletonisten geraten. Was für ein schauderhaftes Bündnis! Kaum abzuschätzen, wer von beiden schlimmer ist.

Nachdem man nun die Sitzplatz-Vergabe neu vollzog, kam die nächste Peinlichkeit der schreibenden Zunft: Weil große überregionale Blätter wie die taz oder die Zeit kein Losglück hatten, während etwa die Frauenzeitschrift Brigitte oder das Anzeigenblatt hallo-muenchen.de zum Zuge kamen, erwiesen sich einige Medien als schlechte Verlierer und kündigten eine Klage an. Demnächst werden sie sich wohl mit Sandförmchen und Schaufeln um einen Sitzplatz kloppen.

Das verlogene Maskenspiel entlarvt sich

Die taz-Chefredakteurin Ines Pohl findet es „fraglich“, ob angesichts der Nicht-Zulassung großer Medien zum NSU-Prozeß „die journalistischen Kompetenzen dieses Landes ausgeschöpft werden“, wie sie gegenüber Focus online erklärte. Als ob die Brigitte und erst recht die Lokalblätter mich weniger kompetent informieren würden als das Boulevardblatt taz. Wie mißt man denn subjektive Kriterien wie Kompetenz oder politische Relevanz? Mit welchem Recht nimmt sich das arrogante Medien-Establishment ein Vorrecht gegenüber Lokalmedien oder der Brigitte heraus?

Vor allem aber lassen speziell linke Medien genau das vermissen, was sie sonst so aggressiv anmahnen: Pietät und Sensibilität im Umgang mit den Opfern mutmaßlich rechtsextremer Gewalt und ihren Angehörigen. Durch ihr infantiles Verhalten geben sie den Prozeß mit seinem so bitter ernsten Prozeßthema schon im Vorfeld der Lächerlichkeit preis – ganz zu schweigen davon, daß sie den Opfer-Angehörigen bereits eine Verschiebung des Prozesses zugemutet haben und womöglich noch weitere zumuten werden. Hier entlarvt sich in aller Unappetitlichkeit, was für ein verlogenes Maskenspiel das ganze linke Gerede von „Empathie“ gegenüber Ausländern ist.

Als die erste Sitzplatz-Vergabe wegen Nicht-Beteiligung türkischer Journalisten von deutschen Medien bekrittelt wurde, schienen die meisten Bürger auf der Seite der Medien zu sein und fielen auf die Kampagne herein. Nachdem gewisse Medien nun nach der zweiten Vergabe eine Klage ankündigten, kippt die Stimmung. Nun stehen die Medien als die Ansammlung infantiler Witzfiguren da, die sie größtenteils tatsächlich auch sind. Das nützt den Opfern der Verbrechensserie und den Angehörigen aber nichts: Sie werden bereits jetzt aufgrund von neurotischen und womöglich gar kommerziellen Interessen deutscher Journalisten verhöhnt.

Deutsche Zustände heute

Die deutschen Medien haben einmal mehr die ohnehin schon im Keller liegende Meßlatte des Anstands nochmals gerissen und einen neuen Tiefpunkt der Umgangsformen erreicht. Die Instrumentalisierung von tausenden japanischen Erdbeben-Opfern für eine Anti-Atom-Kampagne wurde nochmals getoppt. In einem solchen Land kann man sich, selbst wenn man Deutscher ist, nur noch als Fremder fühlen. Daran liegt es wohl auch, daß ich an so mancher Stelle dafür Verständnis habe, wenn viele Zugewanderte ähnlich empfinden.

Deutschland 2013: Ein SPD-Chef, der in seiner früheren Zeit als Umweltminister eine Patenschaft für einen Eisbären übernahm und dabei ein Jahr lang die Futterkosten vom Ministerium übernehmen ließ, während das Geld für Lehrer und Polizisten fehlt. Eine Familienministerin, die der Welt mitteilt, daß sie den lieben Gott offenbar für eine Transsexuelle hält („Das Gott“), während der Euro ins Klo fällt. Ein Mordprozeß, der wegen ein paar fehlender Journalisten-Sitzplätze verschoben wird. Herr, in was für ein Irrenhaus hast du mich abgesetzt?

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