Laßt ihn, er ist am Ende

Man müßte Eremit sein, um dieser ganz bestimmten Nachricht zu entgehen. Man müßte beim Brötchenkauf die Schlagzeilen der ausliegenden Zeitungen ignorieren, im Radio die Nachrichten und die hämischen Kommentare der Sprecher ab- und den Fernseher am besten gar nicht erst einschalten. Und doch würden Sie es spätestens jetzt, beim Lesen dieser Zeilen erfahren: Christian und Bettina Wulff haben sich getrennt. Der Ex-Präsident und seine zweite Frau, die Ex-First-Lady, sind kein Boulevard-Vorzeigepaar mehr.

Warum entgeht uns diese Nachricht nicht? Wen interessiert dieser Mann noch, der hinsichtlich politscher Teilhabe und gesellschaftlicher Reputation vollumfassend entmachtet wurde? Die Antwort ist so einfach wie schwer, sie ergibt sich aus der ökonomischen Logik der Medienmacher: Auf die erste Seite kommt, was den Verkauf fördert, weil alle es sehen möchten – also interessiert die gescheiterte Ehe der Wulffs uns alle. Kaum jemand wird diese Neuigkeit aufgenommen haben, ohne ein Gefühl wie Häme, Mitleid, Abscheu oder der klammheimlichen Freude, es schon seit Monaten gewußt zu haben, zu empfinden.

Es ist seltsam, daß sich so viele Menschen für das Scheitern einer Instanz interessieren, die als Entscheidungsträger oder moralisches Vorbild ohnehin schon jede Bedeutung verloren hat. Es ist ja nicht einmal mehr so, daß die Instanz am Boden liegt und trotzdem noch malträtiert wird; sie ist verschwunden, wir betrachten nur noch deren Nachhall in Gestalt der simplen Person, die übriggeblieben ist.

Es sind Jedermanns, doch sie haben die Macht

Diese Person interessiert uns, weil sie genau diejenige war, die einst hinter der Macht steckte und sich nunmehr als völlig normal erweist: Denn die Behauptung, man selbst hätte sich von der Option auf Macht, Geld und Glamour nicht so über’s Ohr hauen lassen, wie es mit Wulff geschehen ist, ist erst dann glaubwürdig, wenn man diese Option tatsächlich einmal hatte.

Was bleibt, ist die Erkenntnis, daß die Person Wulff auch schon ein Jedermann war, als sie noch hinter den Instanzen „Landesvater“ und „Staatsoberhaupt“ steckte. Was sicher nicht nur für ihn gilt, sondern in leicht abgewandelter Form auch für einen Mann wie Wolfgang Thierse mit seinen verqueren Ideen, sich als Bundestagspräsident von der Polizei wegtragen zu lassen oder gegen zugezogene Schwaben in Berlin zu hetzen. Oder für einen Mann wie Jakob Augstein mit seinen „klugen“ Kolumnen und seiner „Israelkritik“. Oder für einen Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück, der zur Zeit den kürzesten Weg zwischen zwei Fettnäpfchen definiert. Oder für so manchen Hinterbänkler im Bundestag oder den Landtagen, denen man nicht lange zuhören muß, um zu erkennen, daß einige von ihnen – gelinde gesagt – auch nur mit Wasser kochen. Diese Aufzählung könnte noch lange fortgesetzt werden.

Und obwohl diese Leute so sind, wie sie sind: Sie haben die Macht, zumindest einen ordentlichen Teil davon. Schockschwerenot, es ist tatsächlich so. Die gesteigerte Empörung angesichts ihrer Fehltritte folgt der einfachen und sinnvollen Logik, daß die Bestrafung von Fehlverhalten um so strenger ausfallen sollte, je höher die gesellschaftliche Stellung der Person ist. Und weil dies im strafrechtlichen Sinne nicht der Fall ist, kann man wenigstens hinsichtlich der sozialen Sanktion – Häme, Empörung, Isolation – besonders eifrig sein.

Je größer die Macht, je höher die Position, desto mehr haben sie es verdient. Ob das bei Wulff noch zutrifft, darf bezweifelt werden. Der Mann ist am Ende, laßt ihn in Frieden.

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