Heldinnen der Hoffnung

Neulich schrieb ich anläßlich einer in Danzig aufgestellten Skulptur über das Schicksal deutscher Frauen 1945. Die Figur mit dem Titel „Frau, komm!“ zeigte einen Rotarmisten, der eine hochschwangere Frau vergewaltigt, während er ihr eine Pistole in den Mund hält. Das brutale Bild zeigt, was Millionen deutscher Frauen während und nach dem Zweiten Weltkrieg angetan wurde und symbolisiert ein weitgehend verschwiegenes Leiden, das heute am Volkstrauertag durchaus ein paar Zeilen verdient.

Nachdem ich über das Denkmal geschrieben hatte, ließ mich das Thema nicht mehr los: Ich wollte mehr über das Schicksal dieser Frauen erfahren und darüber, welch unmenschliches Leiden sie erlebten – und vor allem auch, wie sie es überlebten.

Obwohl ich bereits einiges darüber wußte, war ich überwältigt davon, wie tapfer diese Frauen ihr Leben trotz solchen Leids gemeistert haben. Je mehr ich über sie las, desto überzeugter wurde ich von ihrem bewundernswerten und einzigartigen Überlebenswillen und ihrer Stärke. Aber auch von ihrem besonderen Kampfgeist: Sie haben einfach nicht aufgegeben.

Eine unbeschreibliche innere Kraft

Das Interessante daran: Das Schicksal derjenigen, die überlebten, hing nicht nur davon ab, wer am meisten Glück hatte oder die notwendige Disziplin und Härte aufbrachte. Vielmehr berichten Überlebende von einem Kampf, den jede einzelne immer wieder mit sich selbst ausmachen mußte. Darüber, ob sie noch weitermachen wollten, oder eben doch aufgeben. Gründe für letzteres gab es objektiv gesehen genug. Dennoch entschieden sich nicht immer bloß diejenigen für den Tod, denen es am dreckigsten ging.

Aber die, die überlebten, zeichneten sich oft durch eine besondere Lebenshaltung aus: eine außergewöhnliche und hoffnungsvolle Sicht der Dinge. Eine unbeschreibliche innere Kraft, die offenbar durch nichts zu zerstören war.

Und genau das fasziniert mich: Die Überlebensstrategien dieser Frauen. Was war es, das sie am Leben hielt? Trotz des eignen Hungers und der Säuglinge, die an ihren Brüsten starben. Trotz Vergewaltigungen, Folter und Krankheiten. Und das, obwohl sie sogar teilweise der eigenen Tochter nach deren mehrfacher Vergewaltigung sagen mußten, sie solle den Tod wählen, wenn sie es nicht mehr aushalte. Was unterschied diese Frauen von all jenen, die den Kampf gegen die Hoffnungslosigkeit verloren hatten?

Leid ist und bleibt subjektiv

Und vor allem, was unterscheidet sie von denjenigen Frauen, die heute an scheinbar viel Kleinerem zerbrechen? Diese Frage habe ich mir vor allem diese Woche gestellt, als ich von gleich zwei Müttern gelesen habe, die erst ihre Kinder und dann sich selbst töteten beziehungsweise töten wollten.

Die eine Mutter steht in Bayern vor Gericht, nachdem sie im vergangenen Jahr ihre drei Kinder erdrosselte und danach versuchte, sich durch einen Aufprall bei Tempo 120 gegen eine Autobahnleitplanke umzubringen. Die andere Mutter tötete am vergangenen Donnerstag erst ihre sechsjährige Tochter und warf sich danach vor einen Zug.

Was kann nur im Leben dieser Frauen gewesen sein, was einen solchen Akt der Verzweiflung nachvollziehbar machen würde? Was rechtfertigt eine solche Tat in einer modernen Wohlfühlgesellschaft, in der mehr Hilfe zur Verfügung steht, als benötigt wird? Ich will damit weder das Leid, das diese beiden Frauen wohl empfunden haben müssen, verächtlich machen, noch mir ein Urteil über sie anmaßen. Schließlich ist und bleibt Leid immer subjektiv.

Die Frage nach dem Warum

Aber angesichts der Erfahrungen der Frauen bei Kriegsende, von denen ich gerade gelesen hatte, drängt sich mir die Frage des Warum einfach auf. Waren die Frauen von damals andere als heute? Oder hängt das Überleben eben doch von der inneren Einstellung zum Leben ab?

Denn egal, um welches Leid und um welche Qualen es sich handelt – ob von außen zugefügt oder durch eine Depression verursacht –, der Kampf gegen die Hoffnungslosigkeit bleibt derselbe. Und diejenigen, die immer wieder aufstehen und ihren Blick erheben, sind die, die überleben.

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