Bitte recht einfach

Was hilft gegen Fachkräftemangel, Wählermangel, Lesermangel? – „Migranten“ natürlich, das bundesrepublikanische Allheilmittel. Um „aufstiegsorientierte“ Einwanderer als Abonnenten zu erobern, sollten Lokal- und Regionalzeitungen sich auf diese Zielgruppe einstellen, rät Christian Bauer, „Redaktionsberater“ und vorher stellvertretender Chefredakteur des evangelischen Schnarchblatts chrismon, in seinen Seminaren.

Seine Empfehlung: Mehr aus Migrantenperspektive recherchieren, und vor allem: „Schreibt nicht so kompliziert!“ Einfache Sätze, weniger Synonyme, auch wenn’s dem gelernten Texthandwerker manchmal wehtut – nicht umsonst tun sich viele Einwanderer mit der stärker umgangssprachlichen Bild-Zeitung leichter. Dann also Bild für alle, immer runter mit dem Niveau, und wenn die Einwanderer – was auch „Coach“ Sauer erwartet – dann trotzdem  nicht die örtliche Tageszeitung abonnieren, freut sich wenigstens vielleicht die wachsende Zahl einfacher strukturierter, „bildungsferner“ Einheimischer.

So was Ähnliches hat sich wohl auch der Deutschlandfunk gedacht, als er einen schönen Batzen der reichlich vorhandenen Zwangsgebühren-Euros in die Hand nahm, um „Nachrichtenleicht“ aus der Taufe zu heben (dank an Heino Bosselmann für diese Neuigkeit aus der Bildungsrepublik), einen wöchentlichen Nachrichtenrückblick in „leichter Sprache“ für alle, denen sogar die Bild-Zeitung oder die „Aktuelle Kamera“ abends um acht im Ersten zuviel ist: parataktische Erstkläßlersätze, gaaanz einfache und kurze Wörter, zusammengesetzte Begriffe konsequent mit Bindestrich, der Orientierung wegen.

Ein dummes Volk ist leichter zu regieren

Über den „Verdi“-Streik wird man dann so unterrichtet:

„Viele Arbeiter streiken: Arbeiter und Angestellte aus verschiedenen Berufen haben in den vergangenen Tagen gestreikt. Zum Beispiel Lehrer, Straßenbahn-Fahrer und Feuerwehr-Leute haben nicht gearbeitet. Sie wollen höhere Löhne. Die Gewerkschaft Verdi hat den Streik geplant und vorbereitet. Sie will, daß die Angestellten mehr Geld bekommen.“

und so weiter. Ungelenke umgangssprachliche Syntax („Zum Beispiel Lehrer haben“) darf selbstverständlich auch nicht fehlen. Wer trotzdem nicht selbst lesen will, kann sich das auch vorlesen lassen; und wer als völlig Entfremdeter nicht mehr weiß, was eine Gewerkschaft („ein Verein für Arbeiter oder Angestellte“), ein Lohn („Geld, das man für seine Arbeit bekommt“) oder ein Streik („ein Protest von Arbeitern oder Angestellten“) ist, der kriegt selbst das in einem eigenen Glossar erklärt, das natürlich auch nicht so kompliziert heißt, sondern „Was bedeutet…“ Kein Scherz, mit solchen Erstleser-Fibeln für Erwachsene beschäftigen sich heutzutage „Bätschler“-Studenten vom Studiengang „Online-Redakteur“ an der FH Köln, Kooperationspartner des DLF für dieses Projekt.

Und wenn die Leute trotzdem lieber weiter RTL gucken? Dann muß man eben noch weiter vereinfachen. Vielleicht schafft man es dann ja sogar, dem doofen Stimmvolk endlich mal die Euro-Krise richtig zu erklären:

„Euro doppelplusgut. Euro-Rettung alternativlos. Euro ist Frieden. EU-Kritik Deldenk. Nationalstaat doppelplusungut. Demokratie Schtonk! Liberty Schtonk! Free Sprecken Schtonk!“

Na also, geht doch!

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